Thomas Szasz ist tot

Erstellt am 13.09.2012 von Winston Smith

Thomas SzaszThomas Szasz, Psychiater und einer der bekanntesten Psychiatriekritiker verstarb am Samstag, den 8. September 2012 im Alter von 92 Jahren in Folge eines Sturzes, wie seine Tochter berichtete.

Für Szasz war der Begriff der Geisteskrankheit ein Mythos. Eine Metapher zur Aussonderung unerwünschter Menschen. Psychiatrie habe mehr mit einem Glaubenssystem, als mit einer Wissenschaft gemein. Obwohl er die Existenz von Geisteskrankheiten im Sinne von medizinischen Problemen bestritt, leugnete er nicht, daß Menschen seelisch leiden können. Diese Leiden hätten aber ihre Ursachen in sozialen Konflikten. Deshalb könnte auch eine zwangsweise Behandlung mit psychiatrischen Drogen keine echte Lösung sein.

In zahlreichen Büchern veröffentlichte Szasz seine Thesen. Einige davon erschienen auch in deutscher Sprache. Eines seiner bekanntesten Werke, „Geisteskrankheit – ein moderner Mythos“, soll 2013 erneut in deutscher Sprache erscheinen.

Was den Mythos der Geisteskrankheiten als angebliche biologische Defekte angeht, sollte Szasz recht behalten. Alle bisherige Hypothesen, wie z.B. die Dopaminhypothese oder Geisteskrankheiten in Folge von genetischen Defekten, stellten sich als wissenschaftlich unhaltbar heraus. Daß die Geisteskrankheit vielmehr eine Metapher ist, um die Aussonderung unerwünschter Menschen und die Sanktionierung unerwünschten Verhaltens außerhalb der Strafjustiz unter medizinisch-pseudowissenschaftlichem Deckmäntelchen zu rechtfertigen, zeigt auch die aktuelle Entwicklung in der BRD. Nachdem mit den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts von 2011 der Psychiatrie die rechtliche Grundlage für Zwangsbehandlung entzogen wurde, sehen Psychiater die Grundlage ihrer Arbeit bedroht. Plötzlich geben auch Psychiater ganz offen zu, daß Psychiatrie eben keine medizinische Disziplin im eigentlichen Sinne, sondern wie Szasz in seinem Buch „Psychiatrie – die verschleierte Macht“ richtig feststellte, eine Ordnungsmacht zur Ausübung sozialer Kontrolle ist.

In der Antipsychiatrieszene wurde Szasz hoch geschätzt. So verlieh Ihm die Irren-Offensive, die sich seit 1998 als Menschenrechtsgruppe versteht, 2002 ihren Freiheits-Preis. Gleichwohl lehnte Szasz selbst den Begriff „Antipsychiatrie“ ab.

Für Kontroversen sorgte auch sein 1997 in deutsch erschienenes Buch „Grausames Mitleid. Über die Aussonderung unerwünschter Menschen“. In diesem Werk propagierte er die Selbstverantwortung des Einzelnen für sein Tun und Lassen. Während es ethisch verwerflich sei, psychiatrische Krankheitsbegriffe dazu zu benutzen, um mit Dissidenten und anderen Menschen, die unerwünschtes Verhalten zeigen, fertig zu werden, sei es genauso verwerflich, psychiatrische Krankheitsbilder als Ausrede für eigenes Fehlverhalten zu benutzen. Die These von Szasz, daß letzteres dazu führt, daß Menschen unselbständig werden und in Folge dessen der Sozialgemeinschaft auf der Tasche liegen, kritisierten einige als eine Form von Sozialdarvinismus.

Dazu muß man aber die libertäre Philosophie verstehen, die auch Szasz vertrat. Diese stellt die Freiheit des Individuums über alles andere. Demnach sei es grundsätzlich falsch, jemanden zu etwas zu zwingen. Genau so wenig wie es richtig sei, jemanden zur Einnahme psychiatrischer Drogen zu zwingen, sei es auch falsch, andere mit Hilfe des Sozialstaats dazu zu zwingen, Menschen finanziell zu fördern, die als Ausrede für ihre eigene Untätigkeit psychiatrische Diagnosen anführen. Was einige dabei falsch verstehen: Wenn niemand gezwungen wird, für andere zu sorgen, heißt das noch lange nicht, daß man es nicht trotzdem freiwillig kann, wenn man möchte. Der Unterschied dabei liegt jedoch darin, daß bei einer staatlich koordinierten Wohlfahrtspflege der einzelne keine Entscheidungsgewalt darüber hat, wie die von ihm dafür eingezahlten Gelder verwendet werden. In den U.S.A. ist dieses Mißtrauen gegenüber dem „Nanny-Staat“ (im deutschsprachigen Raum würde man es wohl „therapeutischer Staat“ nennen) weit verbreitet. Daß dies nicht ganz unbegründet ist, zeigt ein Blick nach Deutschland. Vielerorts bereichert sich hier eher eine Helferindustrie am Elend anderer, als daß denjenigen, denen angeblich geholfen werden soll, wirklich geholfen wird. Dies führt dann nicht zu einer Beseitigung des Elends, sondern zur Kultivierung des selben.

Thomas Szasz hat mit seinem Lebenswerk einen unverzichtbaren Beitrag zur Entlarvung der Psychiatrie geleistet und viele dazu motiviert, gegen das Unrecht zu kämpfen, welches dort überall in der Welt täglich geschieht.

Mehr Informationen zum Thema:

New York Times: Dr. Thomas Szasz, Psychiatrist Who Led Movement Against His Field, Dies at 92

Simons Systemische Kehrwoche: Thomas Szasz gestorben

Psyche und Politik: Manlius, 8. September 2012

reason.com: Thomas Szasz, Relentless Freedom Fighter, Dead at 92

www.szasz-texte.de

Carl Auer Verlag: Neuauflage von „Geisteskrankheit – ein moderner Mythos“

Rede zu Ehren von Thomas Szasz bei der Verleihung des Freiheits-Preises der Irren-Offensive, die „Goldene Taschenlampe“, am 9. Nov 2002 in Syracuse, USA

Rezension von Kerstin Kempker: Grausames Mitleid – Über die Aussonderung unerwünschter Menschen

Der Spiegel: Schlechter Raster

Wikipedia-Artikel über Thomas Szasz

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Kommentar

Noch eine tote männliche Kasassandra (die hatte recht). Traurig.

Ich erwähne nur, das der „Nanny“ Staat bei uns besser bekannt ist als „Obrigkeitsstaat“, autoritärer paternisitischer Bevormundungsstaat, dem die „Untertanen“ untertan sind – un sonst gar nichts.,…

Mittlerweile sind wir in der Kontrollgresellschaft angelangt. Chemisch real Kontrolle des Gehirns und der Seele inklusive –
„breve new world 333.45,8.

Danke für den gelungenen Artikel. Eine ständig aktualisierte Liste mit Nachrufen in Deutsch und Englisch findet sich hier: szasz-texte.de/thomas-szasz-ist-tot.html. Bezeichnenderweise hat es bis heute keines der deutschen Qualitätsmedien für nötig gehalten, seine Leserschaft auf den Tod dieses großartigen Menschen hinzuweisen.