‚Hilfe‘, ‚Schutz‘ und ‚Anti-Stigma‘ – Propaganda und ‚Neusprech‘ in der Psychiatrie

Anstaltspsychiatrie, Zwangsjacken oder Elektroschock sind Begriffe, die einer dunklen, scheinbar überwundenen Vergangenheit der Psychiatrie zugeschrieben werden. Dass der Elektroschock unter der Bezeichnung EKT (Elektrokrampftherapie) seit einigen Jahren zunehmend wieder eingesetzt wird, dass die Zwangsjacken lediglich durch die Verabreichung von Psychopharmaka abgelöst wurden und dass Zwangsmaßnahmen und -Behandlungen weiterhin an der Tagesordnung sind, ist vielen Menschen nicht bewußt. Vor 40 Jahren sollte mit der Psychiatrie-Enquete eine „tiefgreifende Reform der Psychiatrie“ auf den Weg gebracht werden – an den fragwürdigen Grundlagen des psychiatrischen Menschenbildes hat sich jedoch wenig geändert. Das Konzept der „psychischen Erkrankungen“ wird kaum hinterfragt. Dabei werden immer mehr Menschen psychiatrisch behandelt. Die Zahl der Krankschreibungen und Früh-Berentungen aufgrund psychiatrischer Diagnosen und auch die Verschreibung von Psychopharmaka haben Rekordniveau erreicht. Im Geschäft mit der Psyche werden Milliardenumsätze erzielt. Worüber jedoch kaum jemand spricht: Über 10.000 Menschen kommen jährlich allein in Deutschland im Zusammenhang mit psychiatrischer Behandlung ums Leben. Die Langzeitbehandlung mit Neuroleptika (im psychiatrischen Neusprech auch „Antipsychotika“ genannt) führt zu einer Verkürzung der Lebenserwartung um durschnittlich 25 bis 32 Jahre. Zunehmend werden auch Kinder und Jugendliche zu psychiatrischen Patienten – häufig wegen Problemen, die im Zusammenhang mit der Schule entstehen.

Unsere Sprache bestimmt unser Denken. Die Begriffe, die wir verwenden, beeinflussen unsere Einstellung und unsere Gefühle. Es macht einen Unterschied, wie wir die Dinge bezeichnen. Und es ist kein Zufall, dass sich viele Namen und Bezeichnungen in den vergangenen Jahren (zum Teil mehrfach hintereinander) geändert haben. Halt! Die Namen haben sich nicht von alleine geändert – sie wurden geändert. Raider heißt jetzt Twix. Das Arbeitsamt ist von der Agentur für Arbeit zum Jobcenter mutiert. Meine Krankenkasse nennt sich jetzt Gesundheitskasse. So sollen Akzeptanz hergestellt und positive Assoziationen hervorgerufen werden. Das kleine Wörtchen ‚für‘ kann sehr wirkungsvoll sein für solche Zwecke.

Die ehemaligen Nervenheilanstalten heißen inzwischen „Zentren für Psychiatrie“ – oder noch besser: „Zentren für Seelische Gesundheit“. Statt auf der Geschlossenen finden wir uns im „geschützten Bereich“ wieder. Dort wird uns „die notwendige Hilfe nicht vorenthalten“. Das klingt zumindest viel angenehmer, als von „einsperren“ und „isolieren“ zu sprechen, von „Zwangsbehandeln“ oder vom Brechen des Willens. Was in der Psychiatrie mit „Schutz“ und „Hilfe“ bezeichnet wird, könnten wir aus anderer Perspektive auch „Freiheitsberaubung“ und „Folter“ nennen. Wir werden ans Bett gefesselt und es werden uns mit Gewalt Substanzen verabreicht, die massive Störungen (nicht nur) im Gehirn verursachen. Natürlich nur zu unserem „Wohl“ und weil wir „krankheitsbedingt“ nicht in der Lage seien, in die „notwendige Behandlung“ einzuwilligen. Wie fragwürdig die Konzepte der psychiatrischen „Erkrankungen“ und deren Behandlung sind, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin: wir werden nicht mehr als „Geisteskranke“ bezeichnet. Inzwischen werden wir mit dem Label „Psychisch Kranke“ bedacht, das in jüngerer Zeit zunehmend durch den Begriff „Menschen mit psychischen Erkrankungen“ ersetzt wird. Das klingt zwar schon viel menschlicher, verschleiert aber den Umstand, dass diese sogenannten „Erkrankungen“ keine beweisbaren Tatsachen sondern lediglich willkürliche Zuschreibungen sind. Den Mangel an Beweisen machen die Meinungsbildner in der Psychiatrie wett durch in sich verschachtelte Konstrukte aus Behauptungen und Zirkelschlüssen gepaart mit ausgefeilter Rhetorik. Der „Mythos Geisteskrankheit“ wird uns tagtäglich quer durch sämtliche Medien als Tatsachenbehauptung untergejubelt. Wir haben uns gewöhnt an die Propaganda. An die Lügen und Halbwahrheiten, an das Verschweigen und Vorenthalten von Information. Manche Märchen werden so oft wiederholt, dass es aussichtslos erscheint, jedes mal von Neuem auf Richtigstellung zu pochen. Die Medienvertreter*innen sind auch nur zu gerne bereit, zu glauben, was sogenannte Fachleute ihnen einreden. Wir wissen, dass es um Geld geht. Um sehr viel Geld. Die Pharma-Industrie macht Milliardenumsätze mit Psychopharmaka. Wir wissen auch, dass z.B. die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und auch viele ihrer Mitglieder mehr als dankbar sind für die finanziellen Zuwendungen, die sie von der Industrie erhalten. Sehr ärgerlich ist jedoch, dass für die Finanzierung der Propagandakampagnen der DGPPN das Bundesministerium für Gesundheit aufkommt. Und dass sich über 80 Organisationen dafür hergeben diese Kampagnen mit ihrem Namen mitzutragen. Folgende Sätze lesen sich wie ein geschickt formulierter Werbetext, den eine PR-Agentur im Auftrag von Pharma-Unternehmen verfasst haben könnte:

Psychopharmaka wirken aufs Gehirn, aufs Fühlen, Erleben und Handeln. „Doch sie verändern nicht die Persönlichkeit, sondern bekämpfen die Symptome, die bei den Patienten einen hohen Leidensdruck verursachen“, erklärt Dr. Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Sie stellen nicht ruhig, sondern setzen an den biologischen Ursachen der Erkrankung an, indem sie einen Mangel oder Überschuss von bestimmten Botenstoffen im Gehirn (Neurotransmitter) regulieren. Und die meisten Medikamente – allen voran die beiden Hauptgruppen Antidepressiva und Antipsychotika (s. Teil VI) – machen auch nach jahre- oder jahrzehntelanger Einnahme nicht abhängig.

Tatsächlich stammt dieser Text vom „Aktionsbündnis Seelische Gesundheit“, das vor 10 Jahren „von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) gemeinsam mit Open the doors als Partner des internationalen Antistigma-Programms“ initiiert wurde, wie auf der Startseite zu lesen ist. Die Unterseite „fairmedia“ gibt Journalist*innen Empfehlungen, wie „ein angemessenes Bild von Menschen mit psychischen Erkrankungen in den Medien“ entstehen soll. Für die Gestaltung der Seiten ist – wen wundert´s – eine Werbefirma aus Berlin verantwortlich.

Unverantwortlich ist allerdings der Inhalt (nicht nur) dieser hier zitierten Behauptungen. Es ist wahr, dass Psychopharmaka aufs Gehirn, aufs Fühlen, Erleben und Handeln wirken. Die Wirkung beschränkt sich jedoch nicht aufs Gehirn. Je nach Substanz müssen wir mit massiven körperlichen ‚Neben‘-Wirkungen rechnen. Ob Gewichtszunahme, Diabetes, Libidoverlust und Impotenz, Blutbildveränderungen, Herz- und Kreislaufprobleme, Bewegungsstörungen oder gar plötzlicher Tod: die Liste unerwünschter Wirkungen ist lang. Seit Jahren ist bekannt, dass Konsumenten von Neuroleptika bei Langzeiteinnahme mit einer Verkürzung der Lebenserwartung um 25 bis 32 Jahre rechnen müssen. Die Wirkung von Psychopharmaka aufs Gehirn, aufs Fühlen, Erleben und Handeln lässt sich im Einzelfall auch kaum vorhersagen. Immerhin handelt es sich um Stoffe, die die Hirnchemie verändern und dadurch in die Persönlichkeit eingreifen. Jedes Gehirn ist anders, und welche Substanz in welcher Dosierung welche Effekte hat, wird von Person zu Person neu durchprobiert. Die Behauptung, dass die Persönlichkeit unverändert bliebe, trotz erheblicher Veränderung von Erleben, Fühlen und Handeln, lässt sich meines Wissens nicht belegen. Wer jedoch in Fachliteratur und Studien nach persönlichkeitsverändernden Wirkungen sowohl von Antidepressiva als auch insbesondere von Neuroleptika sucht, kann an vielen Stellen fündig werden. Psychopharmaka werden in der Tat eingesetzt um Symptome zu bekämpfen. Wie erfolgreich diese Symptombehandlung im Einzelfall ist, lässt sich nicht vorhersagen. Studien mit Antidepressiva vom Typ SSRI haben zum Beispiel gezeigt, dass diese Mittel sich in der Wirksamkeit kaum von Placebos unterscheiden. Im Gegensatz zu Placebos muss mit einer ausgeprägten Absetzsymptomatik gerechnet werden, wenn die Einnahme dieser Mittel beendet wird. Die These, psychische Ausnahmezustände („Störungen“, „Erkrankungen“) seien auf ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn zurückzuführen, nutzt vor allem denen, die daran verdienen. Weder der Überschuss noch der Mangel an Botenstoffen lässt sich als Ursache von Störungen nachweisen. Bezeichnend ist, dass vor allem jene Behandlungsformen nachhaltige Ergebnisse erzielen, die ohne oder mit möglichst wenig Psychopharmaka-Einsatz auskommen.

Die dreisteste Lüge ist hier jedoch die Behauptung, dass Psychopharmaka nicht abhängig machen.

„Jedes Psychopharmakon kann Entzugssymptome produzieren. Dies geschieht zum Teil, weil das Gehirn sich an das Psychopharmakon anpasst und es in einem abnormal kompensierten Zustand zurückgelassen wird, wenn die Dosis eines Medikaments reduziert wird oder das Medikament abgesetzt wird.“

schreibt der amerikanische Psychiater Peter Breggin. Ist es nicht naheliegend, von Abhängigkeit zu sprechen, wenn wir davon ausgehen müssen, dass beim Absetzen einer Substanz Probleme auftreten, die zuvor nicht vorhanden waren? Die Verharmloser*innen der Psychopharmaka können natürlich einwenden, dass bei einem Großteil der sogenannten Medikamente nicht sämtliche Kriterien der WHO-Definition von „Abhängigkeit“ zutreffen, und dass vor diesem Hintergrund die Behauptung „die meisten Medikamente machen auch nach jahre- oder jahrzehntelanger Einnahme nicht abhängig“ zwar irreführend und missverständlich ist, jedoch nicht als Lüge gewertet werden sollte. Der Vollständigkeit halber sollten wir dann aber auch anfügen, dass die WHO-Definition von Abhängigkeit im Jahre 1987 den Erfordernissen des Marktes angepasst wurde – in Zeiten in denen die Genehmigungsverfahren für die neuen SSRI von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) bearbeitet wurden. Was sollen all diejenigen dazu sagen, die mit ansehen müssen, oder gar am eigenen Leib erleben, welche Probleme das Absetzen von Psychopharmaka auslösen kann und mit welchen Auswirkungen das verbunden ist? Wer warnt verantwortungsvolle Journalist*innen davor, bei dieser Werbekampagne gegen die „Stigmatisierung von Medikamenten“ unhinterfragt abzuschreiben?

Wir müssen lernen, die Behauptungen zu hinterfragen, die uns von denjenigen, die an Behandlung und Hilfe verdienen, als angeblich sachliche Informationen aufgetischt werden. In einer wirklich „fairen“ Diskussion müssen auch die unbequemen Tatsachen offen zur Sprache kommen. Risiken und (Neben-)Wirkungen dürfen nicht weiter verharmlost werden. Mögliche Schäden müssen dem erhofften Nutzen gegenübergestellt werden. Als Patienten und Angehörige, aber auch als interessierte Öffentlichkeit, haben wir das Recht auf ungeschönte Information. Wir haben das Recht auf informierte Entscheidung und wollen die Entscheidungen über unsere Gesundheit, unsere Zukunft und unser Leben nicht nur auf Halbwahrheiten und Werbelügen stützen.

Mehr Informationen zum Thema:

Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Irrenoffensive.de: Zwangspsychiatrie – ein durch Folter aufrecht erhaltenes System

Thomas Szasz: Mythos Geisteskrankheit

Dr. Volkmar Aderhold: Mortalität durch Neuroleptika

Dr. Shaw und Kollegen: Kann die Behandlung von Depressionen mit Antidepressiva zu Persönlichkeitsveränderungen führen?

ADHS: Eine Psycho-Diagnose als Wort-Bild-Marke

NIMH dreht der Psychiatrie den Geldhahn zu

NIMH läßt Unterstützung für DSM-5 fallen

Psychiater im Selbstversuch

Wie Menschen in der Psychiatrie zu Gemüse therapiert werden

Peter Gøtzsche: Vortrag zu Übermedikalisierung und Überdosierung

Am 11. Februar 2015 hielt Peter Gøtzsche einen Vortrag zum Thema Überdiagnostizierung und Übermedikalisierung in Melbourne. Gøtzsche arbeitete als Wissenschaftler in der Pharmaindustrie und hat sich so viel Insiderwissen angeeignet. Sein Buch Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität ist absolut lesenswert.

Gleich am Anfang seines Vortrags stellt er klar:

Die meisten Patienten haben von ihrem Psychiater gehört, dass sie unter einem chemischen Ungleichgewicht leiden und dass sie ein Medikament bekommen, dass dieses chemische Ungleichgewicht korrigiert. Das ist falsch. Es konnte noch nie nachgewiesen werden, dass es in Sachen gestörte Hirnfunktionen einen Unterschied zwischen psychiatrischen Patienten und normalen Leuten gibt. Stephen Hyman, der ehemalige Direktor des National Institute of Mental Health und viele andere Leute, die darüber bescheid wissen bestätigen, was diese Medikamente tatsächlich machen: Sie erzeugen tatsächlich das, was man ein chemisches Ungleichgewicht nennen könnte. Das ist der einzige Grund, warum sie eingesetzt werden. Sie erzeugen Störungen in Neurotransmitterfunktionen. Als Reaktion nimmt das Gehirn dann eine Reihe von Anpassungen vor, um dies auszugleichen.

Der Langzeitkonsum von Psychopharmaka erzeugt substantielle und langandauernde Veränderungen in neuralen Funktionen. Dies ist der Hinweis, dass sie ein chemisches Ungleichgeicht erzeugen. Und es gibt tatsächlich Befunde die darauf hinweisen, dass diese Veränderungen langandauernd oder vielleicht sogar dauerhaft sein können. Dies bestätigt fast jede Studie. Es scheint so, dass die meisten Psychopharmaka wahrscheinlich langanhaltende oder bleibende Gehirnschäden erzeugen. Davon hört man nicht allzuviel. Aber dies ist eine traurige Tatsache. Das Gehirn ist ein sehr empfindliches Organ. Und man kann das Gehirn nicht ohne Konsequenzen stören.

Die Tatsache, dass die Zahl der diagnostizierten Fälle von Depression in den letzten Jahren explosionsartig gestiegen ist, führt Gøtzsche darauf zurück, dass die Kriterien für diese Diagnose herabgesetzt wurde. Schuld daran seien vor allem amerikanische Psychiater, die von der Pharmaindustrie finanziert würden. Je mehr Menschen als depressiv bezeichnet werden, desto mehr gibt es zu verdienen. Das klassische Beispiel sei ein Junge, der von einem Mädchen verlassen wird und sich lausig fühlt. Er kann nicht schlafen, er isst nicht viel. Und schon sind die Kriterien für eine Depression erfüllt. Es sei kompletter Unsinn, wie diese Diagnosen von der gegenwärtigen Psychiatrie benutzt würden. Wenn man diese offiziele Art, wie in der Psychiatrie diagnostiziert wird, auf gesunde Menschen anwenden würde, wie es Gøtzsche getan hat, würde niemand ohne mindestens eine psychiatrische Diagnose davonkommen. Gøtzsche nennt nur drei: Manie, ADHS oder Depression. Wir alle hätten mindestens eine dieser Diagnosen. Und wir alle würden für verrückt erklärt.

Die Inflation der psychiatrischen Diagnostik macht Gøtzsche an Hand der Kriterien für Depression, wie sie im Diagnosehandbuch DSM (auch als die Bibel der Psychiatrie bekannt) genannt werden fest: Während im DSM III aus dem Jahre 1980 jemand noch 2 Jahre um den Verlust seines Ehepartners trauern konnte, bevor er die Kriterien für eine Depresion erfüllte, waren es im DSM IV, welches im Jahr 1994 erschien, nurnoch 2 Monate. In der aktuellen Ausgabe, dem DSM V aus dem Jahre 2013 waren es nur noch 2 Wochen. Gøtzsche ist der Meinung, dass Psychiater den Hals nicht voll bekommen können. Er fragt sich warum gewöhnliche Lebensumstände zur psychiatrischen Diagnose erklärt werden sollen. Das sei falsch. Durch Psychopharmaka würden akute Zustände chronifiziert werden. Auf diese Weise würden mehr Konsumenten erzeugt.

Auch an der Wirksamkeint von Psychopharmaka hat Gøtzsche erhebliche Zweifel. Placebokontrollierte Studien der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zeigen, dass über 40% der Probanden bei Depressionen auf Placebo reagierten. Das wird im Jargon Spontanremission genannt. Der französiche Philosph Volaire drückte das mit den Worten aus:

Die Natur heilt, aber der Arzt nimmt das Geld.

Manche Patienten sagen, diese Antidepressiva hätten ihr Leben gerettet. Gøtzsche sagt, sie hätten Glück gehabt, dass sie dadurch nicht gestorben sind, denn tatsächlich würden diese Medikamente bei manchen Menschen dazu führen, dass sie sowohl Suizid als auch Mord begehen. Er glaubt auch nicht, dass Antidepressiva dazu beitragen können, Beziehungen zu retten, denn sie verursachen bei der Hälfte der Konsumenten sexuelle Störungen.

Diese Psychopharmaka machen abhängig. Beim Absetzen können ernsthafte Entzugserscheinungen auftreten. Deshalb sollten sie langsam ausgeschlichen werden. Wenn man Antidepressiva schlagartig absetzt, kann man depressiv werden. Aber das ist keine echte Depression, sondern eine medikamenteninduzierte Entzugsdepression. Doch die meisten Psychiater würden die Entzugserscheinungen als Symptome der Krankheit interpretieren, so Gøtzsche. Deshalb würden sie in manchen Fällen diese Medikamente ihren Patienten lebenslang verschreiben. Das chemische Ungleichgewicht sei ein Schwindel, der von Ärzten dazu benutzt würde, ihre Patienten davon abzuhalten, ihre Medikamente abzusetzen.

Sie sagen sogar, es sei wie einem Diabetiker Insulin zu geben. Sie würden doch nicht aufhören, einem Diabetiker Insulin zu geben, oder? Ein Psychiatrie-Professor fragte mich dies. Und ich antwortete ihm, das sei nicht das selbe. Patienten mit Diabetes haben einen Insulinmangel. Patienten mit einer Depression mangelt es nicht an Antidepressiva. Wenn Sie sich traurig sind und dann Alkohol trinken, um sich besser zu fühlen, ist das nicht, weil Ihr Gehirn einen Alkoholmangel hatte.

Den Arzneimittelbehörden, die für die Zulassung von Medikamenten zuständig sind, traut Gøtzsche ebensowenig. Sie würden eher die Pharmaindustrie, als die Patienten schützen. So hätte die FDA bei einer Studie über Antidepressiva nur die Suizide berücksichtigt, die innerhalb von 24 Stunden nach dem Absetzen des Medikaments aufgetreten sind.

Wenn man einen kalten Entzug von Antidepressiva macht, was am Ende solcher Versuche der Fall ist, erzeugt man dadurch Entzugserscheinungen. Eines dieser Symptome ist extreme Ruhelosigkeit, die als „ich möchte aus meiner Haut springen“ beschrieben werden. Dies treibt die Menschen zu Suizid und Mord.

Viele dieser Suizide würden als etwas anderes deklariert. Dabei würden für solche Versuche Probanden mit einem besonders niedrigen Suizidrisiko ausgewählt. Die Vorgehensweise bei klinischen Versuchen zu Psychopharmaka sei fast immer die selbe:

Man nimmt Patienten, die schon in Behandlung sind, z.B. wegen Depression oder Schizophrenie. Dann hat man eine Absetzphase von ein bis zwei Wochen, wo sie wo sie nichts oder ein Placebo bekommen. Dann randomisiert man. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass man jetzt Schäden in der Placebogruppe einführt, weil sich einige der Entzugserscheinungen nicht in der ersten Woche der Absetzphase zeigen. Diese zeigen sich erst später. Und das kann Depression oder Psychose sein, wenn es sich um ein Antipsychotikum handelt. Und dann sieht das Medikament viel besser aus, als es ist.

Eine Studie des Pharmakonzerns Pfizer, bei dem Probanden 30 Tage nach dem Absetzen beobachtet wurden hatte ergeben, dass das Suizidrisiko durch das Medikament Zoloft um 50% gesteigert wurde. Britische Wissenschaftler, die Zugriff auf Daten hatten, die auch Vorfälle mit einbezogen, die nach mehr als 24 Stunden auftraten, haben sogar ein verdoppeltes Suizidrisiko in allen Altersgruppen festgestellt. Der britische Psychiater David Healy, der sich an einigen Klagen in den USA beteiligte, hatte Zugriff auf unveröffentlichte Daten der Pharmakonzerne. Er berichtete, dass alle großen Firmen, wie GlaxoSmithKline, Eli Lilly und Pfizer Ergebnisse von Studien manipulierten. Wenn jemand im Rahmen einer Studie nach dem Absetzen des Medikaments suizidal wurde, hätten sie diesen Probanden im Nachhinein einfach der Placebogruppe zugeordnet, um so die Statistik zu ihren Gunsten zu verfälschen.

Im Rahmen seines Vortrags zitiert Gøtzsche auch eine australische Psychiaterin, die verschiedene Fälle von Unverträglichkeit von Antidepressiva untersucht hat. Bei diesen forensischen Fällen handelt es sich um Menschen, die auf Grund einer Genmutation das ihnen verabreichte Antidepressivum nicht metabolisieren konnten. Einer 35-jährige Frau, die wegen des Alkoholismus ihres Ehemanns besort war, wurde mit dem Antidepressivum Nortriptylin behandelt. Nach 3 Tagen tötete sie ihre minderjährige Tochter im toxischen Delirium. Ein 18-jähriger Mann, der mit Fluoxetin behandelt wurde, weil seine Schwester nach einem Autounfall ins Koma gefallen war, entwickelte eine Akathisie. 4 Tage, nachdem seine Medikamente zu Ende gegangen waren, tötete er seinen Vater. Ein 35-jähriger Mann, der unter der On-Off-Beziehungen mit der Mutter seines Kindes litt, wurde mit Paroxetin behandelt. 11 Wochen später stach er über 30 mal auf seine Partnerin ein, nachdem er durch das Medikament eine Akathisie entwickelte. Ein 46-jähriger Mann, der ebenfalls unter Paroxetin gesetzt wurde, weil er Angst hatte, nicht genug Geld zu verdienen, um den Lebensunterhalt seiner Familie sichern zu können, entwickelte manische Phasen und Akathisie. 42 Tage später, nachdem seine Dosis vor 20 Tagen erhöht wurde, tötete er seinen Sohn im Delirium.

Über die Behandlung von sogenannten Psychosen mit Neuroleptika berichtet Gøtzsche, was Insidern schon lange bekannt ist: Wissenschaftliche Langzeitstudien bestätigen, dass diejenigen, die ihre Medikamente absetzen, ein besseres Outcome haben, als diejenigen, die sie weiterhin einnehmen. Daraus zieht Gøtzsche den Schluss:

Wir müssen Patienten von diesen Medikamenten weg bekommen und nicht für immer weitermachen. Denn das ist der Hauptgrund, warum wir so viele behinderte Patienten erzeugt haben, nachdem wir anfingen so viele antipsychotischen Medikamente zu verwenden, wie wir es tun. Die heilen überhaupt nichts. Die machen Dinge nur noch schlimmer.

Zum Thema ADHS sagt Gøtzsche folgendes:

Es gibt Giraffen in Afrika. Ich habe sie gesehen. Sie existieren. AHDS existiert nicht wie eine Giraffe. Es ist nur ein Name. Wir haben Kinder, die schwiriger sind als andere, mehr aufgeweckt. Und dann haben wir Leute, die zu ruhig sind. Denken sie an die Körpergröße von Menschen. Wir können nicht alle gleich groß sein. Es gibt einige Leute, die klein sind, manche sind groß. Nehmen wir die Großen und sagen „Wir geben Dir jetzt eine Diagnose. Du hast eine Krankheit. Du brauchst eine Behandlung.“? Das ist genau das, was Leute mit ADHS gemacht haben: Sie haben die Kinder genommen, die nicht in der Mitte sind. Und dann sagen sie Du hast ADHS.

Viele Eltern lieben das, weil es ihnen eine Pseudo-Erklärung gibt. Der kleine Klaus benimmt sich so, weil er ADHS hat. Ok. Das kann man nicht machen, weil das ein Zirkelschluss ist. Es ist eine Tautologie. Man kann nicht erst sagen wir haben ihn! Er verhält sich so. Wir geben diesem Verhalten einen Namen. Jetzt erklärt der Name das Verhalten. Können Sie erkennen, wie dumm das ist? Ich denke schon.

Mehr Informationen zum Thema:

Peter Gøtzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität – Die Verbrechen der Pharmaindustrie

Etwas ist faul im Staate Dänemark

Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität

Gehirnscans – was uns die bunten Bildchen sagen

NIMH dreht der Psychiatrie den Geldhahn zu

Neuroleptika lassen das Gehirn in kürzester Zeit schrumpfen

Psychiater im Selbstversuch

Fresst Euer Gift selbst!

Für gewöhnlich leugnen Psychiater die fatale Wirkung von Neuroleptika. Gerne werden Symptome, wie z.B. Dyskinesien, kognitive Störungen, sowie Persönlichkeitsveränderungen auf die angebliche „Grunderkrankung“ geschoben. Nur wenige Psychiater, wie z.B. Peter Breggin, Volkmar Aderhold oder Josef Zehentbauer warnen öffentlich vor den Gefahren dieser Psychopharmaka. Seit dem Aufkommen der ersten Neuroleptika in der Mitte des letzten Jahrhunderts zeigten zahlreiche wissenschaftliche Studien, wie schädlich diese Nervengifte sind.

Weit weniger bekannt sind Selbstversuche, bei denen Psychiater sich selbst Neuroleptika verabreicht und deren Wirkung auf Körper und Geist dokumentiert haben. In seinem Buch der chemische Knebel hat der Psychiatrie-Überlebende Peter Lehmann einige bekannte Selbstversuche von Psychiatern mit Neuroleptika aufgelistet. So probierte am 9. November 1951 die Psychiaterin Cornelia Quarti die Wirkung von Chlorpromazin am eigenen Leibe aus. In den Aufzeichnungen ihres Versuchs beschreibt sie die Wirkung des Neuroleptikums:

Bis 12 Uhr fühlte ich keine subjektive Änderungen, dann hatte ich den Eindruck, schwächer zu werden und zu sterben. Es war sehr anstrengend und quälend.

Ich fühlte mich unfähig, mich über irgend etwas aufzuregen.

Von der Wirkung von Chlorpromazin auf einen Kollegen im Rahmen eines Selbstversuchs aus dem Jahre 1954 berichtet der Psychiater Gerhard Orzechowski:

Bald nach der Injektion eine psycho-motorische Unstetigkeit, Fahrigkeit, herabgesetzte Aufmerksamkeit und Konzentration, Gedankenleere; dann eine länger anhaltende Verlangsamung, ja Hemmung, dazu flüchtige Sprachschwierigkeiten, müder, leerer Gesichtsausdruck mit verengten Lidspalten, gerötete Augenlieder; unzweckmäßige Ziellosigkeit, überschießend verzettelte Gestik auf äußeren Anstoß hin; eine apathische Teilnahmslosigkeit, Uninteressiertheit und Abgesperrtheit gegenüber Vorgängen und Einwirkungen aus der Umgebung; zunehmendes Ruhebedürfnis mit kurzandauerndem Schlaf bei leichter Erweckbarkeit. Im weiteren Verlauf (bei fortgesetzter oraler Megaphen-Einnahme) wird beobachtet vorwiegend eine ausgesprochene Müdigkeit, kaum überwindbare Antriebsschwäche bei Verwirklichung vorgefaßter Entschlüsse, teilnahmslose Schlaffheit, die Stimmung sorglos gehoben, Lichtreize werden verstärkt empfunden, Gehörseindrücke kommen ‚gar nicht so recht heran‘.

Im Rahmen seiner Dissertation machte der schweizer Psychiater Klaus Ernst im Jahr 1954 ebenfalls einen Selbstversuch. Er und seine Frau verabreichten sich gegenseitig Largacitil und beobachteten sich dabei. Beide waren nicht mehr im Stande, Texte zu lesen. Über die Auswirkungen auf das Gefühlsleben seiner Frau schreibt Ernst:

Es lag über Gebärde, Mimik und Wort etwas wie ein Schleier, der alle Farben dämpft und alle Konturen leise verwischt.

Das Gefühl glich demjenigen des ‚Kaltgestelltseins‘ durch Abwendung des Partners und erzeugte das Bedürfnis, diesen immer wieder affektiv anzugehen, um ihn zur Erwiederung des Gefühls zu bewegen.

Frau Ernst schilderte ihre Neuroleptika-Erfahrungen selbst:

Der ganze Versuch war für mich ein eigentümlich unangenehmes Erlebnis.

Zu einer eigentlichen Furcht kam es freilich nicht, es reichte nur zu einer durch Apathie und Hilflosigkeit halb verdeckten Ängstlichkeit. Alle Beziehungen zur Umwelt schienen mir, besonders rückblickend, abgebaut gewesen zu sein. Ich wollte von nichts wissen und konnte mich auch deshalb weder für Lektüre, noch für meinen Besuch, noch für meine Schlüssel interessieren.

Eigentümlich verändert waren auch die Träume und Einschlafphantasien.

Die Wirkung der Droge auf ihren Mann beschrieb Frau Ernst mit dem Worten

Ich erhielt den Eindruck eines Abbaus des Schicklichkeitsgefühls, der mich ohne Kenntnis der Medikamentenwirkung bedenklich gestimmt hätte, aber gleichzeitig eine komische Note hatte.

Die Mißlaunigkeit, die Stumpfheit gegenüber allen menschlichen Gefühlswerten, die Pedanterie und nicht zuletzt der völlige Verlust des Humors ließen mich an das Bild eines dysphorisch verstimmten Greises denken.

Ein Jahr nach Ernst publizierten die beiden Schweizer Psychiater Hans Heimann und Peter Nikolaus Witt die Ergebnisse eines Selbstversuchs, der ebenfalls bestätigte, wie Neuroleptika apathisch, dysphorisch und stumpfsinnig machen. Eine Versuchsperson berichtete:

Ich fühlte mich regelrecht körperlich und seelisch krank. Auf einmal erschien mir meine ganze Situation hoffnungslos und schwierig. Vor allem war die Tatsache quälend, dass man überhaupt so elend und preisgegeben sein kann, so leer und überflüssig, weder von Wünschen, noch anderem erfüllt.

Von einem Selbstversuch der eher unfreiwilligen Art berichtete die Augsburger Allgemeine im Jahre 2008. Ein Pfleger hatte aus Rache das Neuroleptikum Haldol in Milchtüten im Kühlschrank der Station geträufelt. Im Zeitraum eines Jahres habe er die Dosis gesteigert. Trotz der wohl eher homöopathischen Dosierung zeigten die Kollegen im Laufe der Zeit verschiedene Beschwerden. Sie fühlten sich schlapp und müde. Die Staatsanwaltschaft berichtete, dass es bei einigen der Opfern zu Gesichtslähmungen und Kiefersperren gekommen sei. Insgesamt 14 Betroffene, darunter auch ein Arzt, wurden gegen die Folgen der Neuroleptika-Behandlung behandelt, drei davon stationär. Auch dauerhafte Schäden zog die Staatsanwaltschaft in Betracht. Für gefährliche Körperverletzung würde es zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Gefängnis geben. Laut Strafgesetzbuch §224 begeht gefährliche Körperverletzung, wer jemanden Gift oder andere gesundheitsschädliche Stoffe beibringt oder jemanden einer lebensgefährlichen Behandlung unterzieht.

Mehr Informationen zum Thema:

Peter Lehmann: Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen

Klaus Ernst: Psychopathologische Wirkungen des Phenothiazinderivates „Largactil“ (=„Megaphen“) im Selbstversuch und bei Kranken

Hans Heimann und Peter Nikolaus Witt: Die Wirkung einer einmaligen Largactilgabe bei Gesunden

Augsburger Allgemeine: Medikamente ins Getränk gemischt

Wie Menschen in der Psychiatrie zu Gemüse therapiert werden

Neuroleptika lassen das Gehirn in kürzester Zeit schrumpfen

Wie Menschen in der Psychiatrie zu Gemüse therapiert werden

Broccoli

In ihrem Blog berichtet Ursula Prem vom Schicksal von Waldemar V., der nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit seiner Frau im BKH Bayreuth einsaß und sich schließlich das Leben nahm. In einem verzweifelten Brief an seine Mutter beschreibt er die Zustände in dieser Einrichtung:

Hier im Krankenhaus werden die Menschen und ihr Wille gebrochen. Aus den Menschen werden hier Pflanzen gemacht, ihnen werden starke Medikamente jahrelang verabreicht. Glaub mir, glaub mir bitte.

Waldemar V. bekam das Neuroleptikum Zyprexa. Neuroleptika sind persönlichkeitsverändernde Drogen, die schwere und irreversible, neurologische Dauerschäden, Gehirnschwund, Verminderung der kognitiven Fähigkeiten und entstellende Bewegungsstörungen, sogenannte Dyskinesien zur Folge haben. Verschiedene wissenschaftliche Studien haben gezeigt: Je höher die Neuroleptika-Dosis, desto höher der Verlust an Gehirnsubstanz. Am stärksten wird der Frontallappen – der Teil des Gehirns, der als Sitz der Persönlichkeit gilt – von Neuroleptika geschädigt. Als Folgen einer Schädigung des Frontallappens sind neben Aufmerksamkeits-, Konzentrationsstörungen, Verlust an Kreativität, motorischer Unruhe und vielem mehr auch ungenügende Berücksichtigung von Handlungskonsequenzen, verminderte Selbstkontrolle und erhöhte Impulsivität, sowie ungenügende Regelbeachtung und Regelverstöße bekannt – also ganau das, was die Psychiater angeblich therapieren wollen.

Damit wird das gezüchtet, was man im Jargon „Drehtür-Patienten“ nennt: Einen Stammkunden, der gleich wieder kommt, nach dem er entlassen wurde. Schlecht für die Patienten aber ein wahnsinns-Geschäft für die Psychiatrie und die angegliederte Helfer-Industrie.

Die Schweizer Psychiaterin Regina Möckli berichtet in einem Video sehr anschaulich, wie die Psychiatrie mittels Psychopharmaka aus einem Menschen ein sabberndes Häufchen Elend mit dem Intelligenzquotienten eines Broccoli machen kann:

Die gehen da rein, dann kriegen sie diese Medikamente und dann geifern sie und wissen nicht mehr wo oben und unten ist.

In diesem desolaten Zustand sind Psychiatrie-Insassen für die Wärter leichter handhabbar. Neuroleptika, Elektroschocks, Isolationshaft und Fesselungen (euphemistisch Fixierung genannt) werden aber auch gerne als Disziplinierungsmaßnahme eingesetzt: Wer sich dem Willen der Psychiater oder der Wärter nicht fügt, muss mit einer qualvollen „Behandlung“ rechnen, von der er möglicherweise ernsthafte bleibende körperliche und geistige Schäden davonträgt. Die Einschüchterung der Insassen erfolgt dabei meist verbal oder mittels Drohgebärden. Der schockierende Anblick eines Mitinsassen, der gerade eine psychiatrische „Behandlung“ über sich ergehen lassen musste und die Gewissheit, dass einem niemand helfen wird, reicht jedoch oftmals schon als nonverbale Drohung aus, um den Rest der Insassen einzuschüchtern. Auf diese Weise wird Menschen in der Psychiatrie der Wille gebrochen. Sie werden abgerichtet wie Ratten in einer Skinner-Box.

Manchmal bearbeitet die Psychiatrie auch Menschen derart, dass sie überhaupt nicht mehr in der Lage sind, ein eigenständiges Leben zu führen. Das wird dann im ultra-zynistischen Jargon heimfähig machen genannt.

Psychiatrie-Überlebende und auch die Vereinten Nationen bezeichnen psychiatrische Zwangsbehandlung als Folter. Wozu moderne Folter dient, beschreibt Prof. Dr. med. Volker Faust auf seiner Homepage unter der Überschrift „Die Folter und ihre Folgen„:

Den Begriff Folter kennt jeder. Auch hört man immer wieder von den unterschiedlichsten Foltermethoden. Aber was man sich nur schwer konkret vorstellen kann sind die Langzeitfolgen: seelisch, körperlich, psychosozial. Und das ist das eigentliche Problem. Denn das Leben geht – wenn man es trotz Folter retten konnte – weiter, oftmals kaum weniger qualvoll wie während der Foltertortur. Denn das Ziel der „modernen“ Folter ist nicht nur das Erzwingen von Geständnissen, sondern auch die Zerstörung der Persönlichkeit, die Vernichtung der Identität. Denn dadurch verliert man jegliche Fähigkeit zum Widerstand.

Methoden, wie sie in der Psychiatrie angewendet werden, werden als sogenannte Weiße Folter bezeichnet, weil sie meistens kaum äußere Spuren hinterlassen, dafür jedoch massiv auf die Psyche des Opfers wirken.

In einem höchstrichterlichen Urteil (Aktenzeichen 2 BvR 882/09) stellte das Bundesverfassungsgericht im März 2011 fest, dass Psychopharmaka auf die Veränderung seelischer Abläufe gerichtet sind:

Ihre Verabreichung gegen den natürlichen Willen des Betroffenen berührt daher, auch unabhängig davon, ob sie mit körperlichem Zwang durchgesetzt wird, in besonderem Maße den Kern der Persönlichkeit.

Der Blog BrandZeilen berichtet vom Fall des 18-jährigen Stephan D., der erst Opfer eines Überfalls wurde und als ihn seine Angehörigen in die Psychiatrie gebracht hatten, um ihn wegen einer „posttraumatische Belastungsstörung“ behandeln zu lassen, nochmals zum Opfer wurde. Wie die Aufnahme im Asklepios Fachklinikum Teupitz verlief berichtet seine Schwester:

Schon das erste Gespräch mit der diensthabenden Ärztin kam uns sehr, sehr merkwürdig vor.

Erst fragte sie meinen Bruder, ob er Stimmen hören würde oder gewalttätig sei. Als sie ihm dann ohne einen für ihn ersichtlichen Grund Blut abnehmen lassen wollte, hatte er keinerlei Vertrauen mehr. Er machte der Ärztin unmissverständlich klar, dass er sich von ihr nicht behandeln lassen und die Klinik sofort verlassen möchte.

Was sich im Anschluß abspielte, bezeichnet die Schwester als „blanken Horror“:

Die Ärztin versperrte Stephan einfach den Weg und rief über ihr schnurloses Telefon ihre Pfleger. Im nächsten Augenblick standen etwa fünf Männer im Raum. Sie packten sich meinen Bruder und brachten ihn mit Gewalt aus dem Ärztezimmer. Ich musste tatenlos mit ansehen, wie sie ihn in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie schleppten und die schweren Türen hinter ihm ins Schloss fielen. Man hatte ihn auf die berüchtigte Station H1. gebracht.

Stephan D. wurde gewaltsam mit Faustan und Haldol vollgepumpt. Als ein Richter schließlich die Freilassung anordnete, wurden weder der Betroffene, noch dessen Angehörige über mögliche Folgen eines plötzlichen Entzugs aufgeklärt. Nach seiner Entlassung fand Stefan D., der noch immer unter dem Einfluss der starken Psychopharmaka stand, den Tod auf den Gleisen.

Die Mutter von Stefan D. erhebt schwere Vorwürfe gegen die Psychiater des Asklepios Fachklinikums Teupitz:

Skrupellose Psychiatrieärzte haben mein Kind in den Tod geschickt.

Den Tod auf den Gleisen fand auch Angelika Albrecht, nachdem sie sich im Klinikum Weinsberg in psychiatrischen Behandlung begeben hatte. Ihr wurde das Antidepressivum Cipralex und später das Neuroleptikum Seroquel verabreicht. Die persönlichkeitszerstörende Wirkung der Psychopharmaka konnte Margit Woelky an ihrer Schwester beobachten:

Das ist nur das Medikament gewesen. Also das war nicht mehr unsere Schwester. Viele, die sie besucht haben in der Klinik, Bekannte, Verwandte, die haben alle gesagt: „Oh Gott! So haben wir die Geli noch nie gesehen.“ Und dieses Medikament hat sie völlig verändert.

Auch Margit Woelky erhebt schwere Vorwürfe gegen die Psychiater, die ihre Schwester behandelt haben:

Meine Schwester ist freiwillig in die Klinik, wollte Hilfe und hat in Weinsberg nur den Tod gefunden. Also diese Medikamente haben sie praktisch in den Tod getrieben.

Nicht selten kommt es vor, dass Menschen einen Angehörigen oder Freund in guter Absicht in die Psychiatrie bringen. Dabei verkennen sie jedoch, was die Psychiatrie in Wirklichkeit ist: Eine Institution der sozialen Kontrolle, die sich als medizinische Disziplin tarnt. Diplom-Psychologe Hans Ulrich Gresch fasst dies in eine Faustformel:

Wer gegen Gesetze verstößt, kommt in den Knast. Wer stört, ohne gegen Gesetze zu verstoßen, verschwindet in der Psychiatrie. Wer stört und gegen Gesetze verstößt, wird in den Maßregelvollzug verfrachtet.

Manch einer ist dann entsetzt, wenn er sieht, was Psychiater mit ihren Familienmitgliedern oder Freunden anstellen. Aber all die hier beschriebenen Methoden der Psychiater sind, wie es im Jargon heißt lege artis, also nach Regeln der Kunst.

Alleine in Deutschland sterben jährlich Tausende in direkter Folge der zweifelhaften, psychiatrischen Behandlungsmethoden oder begehen Suizid, weil sie die schrecklichen Folgen nicht mehr ertragen können. Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE) hat deshalb den 2. Oktober zum Gedenktag der Psychiatrie-Toten erklärt.

Mehr Informationen zum Thema:

BKH Bayreuth: »Aus den Menschen werden hier Pflanzen gemacht« – in memoriam Waldemar V.

BrandZeilen: „Skrupellose Psychiatrieärzte haben mein Kind in den Tod geschickt“

Neuroleptika lassen das Gehirn in kürzester Zeit schrumpfen

UN-Hochkommissar für Menschenrechte Juan E Méndez: Psychiatrische Zwangsbehandlung ist Folter

Die forensische Psychiatrie ist irrsinnig geworden!

Margit Woelky über den Tod ihrer Schwester

Taz: Stiller Tod in der Psychiatrie

40 Jahre sind genug – Lasst uns jetzt Zukunft gestalten!

Allerorten wird gefeiert, jubiliert, sich erinnert und gegenseitig auf die Schulter geklopft. Vor 40 Jahren begann die Reform der Anstaltspsychiatrie und der Ausbau der Gemeindepsychiatrie. Es hat sich viel getan seither. Die klassischen Verwahr-Anstalten, in denen psychiatrische Patienten Jahre und Jahrzehnte ihres Lebens zubringen „durften“, sind Geschichte.

40 Jahre Psychiatrie-Enquete heißt 40 Jahre Image-Pflege: Weg mit den großen Schlafsälen! Frische Farbe auf die Wände! Freundliche Fassade! Die Psychopharmaka sind heute vielleicht noch schädlicher als damals, doch die Wirkungen (euphemistisch: Nebenwirkungen) sind nicht mehr ganz so krass zu sehen. Die Patienten werden heute eher dick und krank, dafür sabbern sie weniger und wirken nicht mehr so verkrampft. Sie sind vorzeigbarer geworden. Wer die Gemeinde- psychiatrischen Zentren in die Herzen der Kommunen pflanzen will, tut gut daran, die Klientel nicht gar so abstoßend aussehen zu lassen. Die Beeinträchtigungen im Fühlen und Denken sind auch mit den neuen „Medikamenten“ so massiv, dass Eigeninitiative, Begeisterungsfähigkeit und Elan nur bedingt zu befürchten sind. Mit Hilfe von Dauermedikation wird der Versorgungsbedarf auch langfristig gewährleistet.
Statt von „Geisteskranken“ wird heute von „Menschen mit psychischen Erkrankungen“ gesprochen. Mehr Geld als jemals zuvor fließt in psychiatrische Hilfesysteme und deren Ableger. Arbeitsplätze wurden geschaffen. Kongresse und Tagungen werden durchgeführt. Die Entstigmatisierung der „psychischen Erkrankungen“ wird vorangetrieben. Die „Versorgung“ von Menschen mit psychiatrischer Diagnose wird ausgebaut. Mehr Menschen als je zuvor sind dauerhaft in geschlossenen Heimen untergebracht. Die Zahl der Zwangseinweisungen und -unterbringungen hat sich vervielfacht. Immer mehr Menschen bekommen immer mehr Psychopharmaka verordnet. Der Markt expandiert: (Gemeinde)psychiatrie ist ein Wahnsinns-Geschäft! In unzähligen Artikeln, Faltblättern und Broschüren wird uns eingeredet, wie erschreckend „der dramatische Anstieg seelischer Erkrankungen“ sei. Immer mehr Menschen seien in unserer heutigen leistungsund wettbewerbsorientierten Welt gefährdet. „Psychisch erkrankte Menschen“ könnten dem mit dieser Entwicklung verbundenen Wettbewerb oftmals nicht standhalten.

Abgesehen davon, dass das Modell der „psychischen Erkrankungen“ wissenschaftlich fragwürdig und für die Betroffenen wenig hilfreich ist, sind diese Behauptungen schlichtweg falsch. Unwidersprochen bleibt, dass immer mehr Menschen psychiatrische Diagnosen erhalten, und dass immer mehr Menschen eingeredet wird, ihre persönlichen und sozialen Schwierigkeiten seien behandelbar oder gar „behandlungsbedürftig“. Zweifellos kann eine psychiatrische Diagnose gewisse Vorteile mit sich bringen. Mit einer Krankschreibung bin ich entschuldigt und darf der Arbeit ungestraft fernbleiben. Ich brauche meine Bedürfnisse der Erwerbs- und Profitmaschinerie nicht mehr unterzuordnen, scheint es. Als „Mensch mit psychischer Erkrankung“ bin ich draußen und grundversorgt und alles kann so weiterlaufen wie bisher.
Dass die sogenannten „Psychischen Erkrankungen“ in den vergangenen Jahrzehnten keineswegs zugenommen haben, wurde bereits in verschiedenen Erhebungen und Langzeitstudien gezeigt. Psychiater begründen die Zunahme der psychiatrischen Diagnosen und Behandlungen zwar gerne auch damit, dass „psychische Erkrankungen“ inzwischen lediglich besser erkannt würden, sprechen andererseits aber auch von der hohen Zahl derer, die aufgrund unerkannter „Erkrankung“ bisher unbehandelt blieben.
Nur wenige Psychiater und psychiatrisch Beschäftigte sind bisher bereit, die
vielbeschworene „Tatsache der psychischen Erkrankungen“ anzuzweifeln – bildet dieses Konstrukt doch in der Regel die Grundlage ihrer Arbeit und ihres Einkommens…

„Es ist kein Zeichen seelischer Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein“ (Jiddu Krishnamurti)

Immer mehr Menschen seien in unserer wachstums-, wettbewerbs- und
leistungsorientierten Welt gefährdet, wird uns erzählt. Doch es ist nicht die Welt, es sind unsere Leistungs-, Wachstums- und Wettbewerbsorientierung, die weder den Menschen noch der Welt gut tun, die uns krank machen. Wenn wir behaupten, dass „psychisch erkrankte Menschen“ mit dieser Entwicklung nicht standhalten können, stellen wir diese Entwicklung als unpersönliche, von uns unbeeinflussbare Tatsache dar. Wer diesen zerstörerischen Irrsinn nicht mehr mitmachen kann oder will, wird als „psychisch krank“ oder auch als „von psychischer Erkrankung bedroht“ bezeichnet und gerät – nicht zuletzt durch die Behandlung – in Situationen, die zu „Erkrankungen“ oder „Behinderungen“ führen können. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, deshalb möchte ich an dieser Stelle den Blick weg von der gemeindepsychiatrisch postulierten und verbrämten Ausgangslage und hin auf die zu gestaltende Zukunft richten. Eine Zukunft, in der wir nicht mehr als „krank“ behandelt werden. Wir sehen ja heute zunehmend, wie Behandlungen nicht nur seelische und körperliche Behinderungen zur Folge haben sondern auch zu einer massiven Verkürzung unserer Lebenserwartung führen. Eine Zukunft, in der wir uns klimafreundlich verhalten, unsere Welt lebensfreundlich gestalten, in der wir unsere Kinder spielen lassen, statt sie in Unterricht zu zwingen. Eine Zukunft ohne den Druck die Rolle des psychisch Kranken oder des professionellen Helfers einnehmen zu müssen, da unser Lebensunterhalt durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen gesichert ist. Eine Zukunft, in der wir unsere Bedürfnisse und die Bedürfnisse unserer Mitwelt achten und in der unser Zusammenleben entsprechend organisieren. Das heißt: Wir wenden uns von bisherigen Prämissen ab und verabschieden uns von überkommenen Kategorien. Wir nehmen und lassen uns Zeit. Wir übernehmen Verantwortung für unser Denken, unser Tun und unser Lassen. Wo auch immer wir sind:
Wir wenden unseren Blick nicht ab.

Wir erkennen die Krise, nutzen die Chance und beginnen zu Handeln – frei nach dem
Motto:

Lieber lebendig als normal!

Mehr Informationen zum Thema:

vielfalter.podspot.de

Demonstration gegen Zwangspsychiatrie in Emmendingen

Zwischen Selbstbestimmung und Schutz: Anhörung der Grünen im Landtag Baden-Württemberg

Neuroleptika lassen das Gehirn in kürzester Zeit schrumpfen

Etwas ist faul im Staate Dänemark

BRD-Abgesandter leugnet vor UN-Komitee Folter


Am 27.3.2015 leugnete Rolf Schmachtenberg vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales vor einem UN-Komitee die Existenz von Folter in psychiatrischen Einrichtungen der BRD. In Deutschland gäbe es keine vom Staat ausgeübte Folter. Die Bundesregierung teile die Auffassung des Sonderberichterstatters nicht.

In der 22. Sitzung des “Human Rights Council” des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte erklärte der Sonderberichterstatter über Folter Juan E Méndez Zwangsbehandlung in der Psychiatrie zu Folter, bzw. grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung. Er forderte von allen Vertragsstaaten der UN-Antifolterkonvention ein absolutes Verbot aller medizinischen nicht einvernehmlichen bzw. Zwangsbehandlungen zu verhängen, einschließlich nicht-einvernehmlicher Psychochirurgie, Elektroschocks und Verabreichung bewusstseinsverändernder Drogen, sowohl in lang- wie kurzfristiger Anwendung.

Die BRD hatte sich am 1. Oktober 1990 durch Ratifizierung der UN-Antifolterkonvention völkerrechtlich bindend zur Unterbindung von Folter in ihrem Hoheitsgebiet verpflichtet. Doch die Realität sieht leider anders aus.

Im Januar 2014 brachte Martin Heidingsfelder zusammen mit anderen Antipsychiatrie-Aktivisten einen Fall einer 60-tägigen Dauerfesselung einer Insassin einer psychiatrischen Einrichtung in Taufkirchen zur Anzeige. Bis zum heutigen Tage hat die zuständige Staatsanwaltschaft keine ernsthaften Bemühungen zur Aufklärung des Falles unternommen. Fälle wie dieser sind leider keine Seltenheit, wie zahlreiche Berichte von Psychiatrie-Überlebenden zeigen.

Ferner verabschiedet die Regierung der BRD entgegen ihrer völkerrechtlichen Verbindungen weiterhin auf Bundes-, sowie auf Länderebene Gesetze zur Legalisierung psychiatrischer Zwangsbehandlung. So verabschiedete beispielsweise der Deutsche Bundestag am 17. Januar 2013 ein Gesetz zur Legalisierung psychiatrischer Zwangsbehandlung auf Basis von Betreuungsrecht. Am 20.6.2013 hat das Kabinett von Baden-Württemberg ebenfalls ein Gesetz zur Legalisierung psychiatrischer Zwangsbehandlung beschlossen.

Mehr Informationen zum Thema:

Psychiatrische Zwangsbehandlung ist Folter

UN-Hochkommissar für Menschenrechte Juan E Méndez: Psychiatrische Zwangsbehandlung ist Folter

Strafanzeige gegen Isar-Amper-Klinikum Taufkirchen

BRD bietet Mutter eines Psychiatrietoten 20000€ an

Bundestag stimmt über Gesetz zur psychiatrischen Zwangsbehandlung ab

Baden-Württemberger Landtag beschließt Foltergesetz

Telepolis: Zwangspsychiatrie und Zwangsbetreuung sind mit der UN-Behindertenkonvention unvereinbar

Der Freitag: Verstößt BRD gegen UN-Behindertenkonvention?

« Ältere Einträge |