Peter Gøtzsche: Vortrag zu Übermedikalisierung und Überdosierung

Am 11. Februar 2015 hielt Peter Gøtzsche einen Vortrag zum Thema Überdiagnostizierung und Übermedikalisierung in Melbourne. Gøtzsche arbeitete als Wissenschaftler in der Pharmaindustrie und hat sich so viel Insiderwissen angeeignet. Sein Buch Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität ist absolut lesenswert.

Gleich am Anfang seines Vortrags stellt er klar:

Die meisten Patienten haben von ihrem Psychiater gehört, dass sie unter einem chemischen Ungleichgewicht leiden und dass sie ein Medikament bekommen, dass dieses chemische Ungleichgewicht korrigiert. Das ist falsch. Es konnte noch nie nachgewiesen werden, dass es in Sachen gestörte Hirnfunktionen einen Unterschied zwischen psychiatrischen Patienten und normalen Leuten gibt. Stephen Hyman, der ehemalige Direktor des National Institute of Mental Health und viele andere Leute, die darüber bescheid wissen bestätigen, was diese Medikamente tatsächlich machen: Sie erzeugen tatsächlich das, was man ein chemisches Ungleichgewicht nennen könnte. Das ist der einzige Grund, warum sie eingesetzt werden. Sie erzeugen Störungen in Neurotransmitterfunktionen. Als Reaktion nimmt das Gehirn dann eine Reihe von Anpassungen vor, um dies auszugleichen.

Der Langzeitkonsum von Psychopharmaka erzeugt substantielle und langandauernde Veränderungen in neuralen Funktionen. Dies ist der Hinweis, dass sie ein chemisches Ungleichgeicht erzeugen. Und es gibt tatsächlich Befunde die darauf hinweisen, dass diese Veränderungen langandauernd oder vielleicht sogar dauerhaft sein können. Dies bestätigt fast jede Studie. Es scheint so, dass die meisten Psychopharmaka wahrscheinlich langanhaltende oder bleibende Gehirnschäden erzeugen. Davon hört man nicht allzuviel. Aber dies ist eine traurige Tatsache. Das Gehirn ist ein sehr empfindliches Organ. Und man kann das Gehirn nicht ohne Konsequenzen stören.

Die Tatsache, dass die Zahl der diagnostizierten Fälle von Depression in den letzten Jahren explosionsartig gestiegen ist, führt Gøtzsche darauf zurück, dass die Kriterien für diese Diagnose herabgesetzt wurde. Schuld daran seien vor allem amerikanische Psychiater, die von der Pharmaindustrie finanziert würden. Je mehr Menschen als depressiv bezeichnet werden, desto mehr gibt es zu verdienen. Das klassische Beispiel sei ein Junge, der von einem Mädchen verlassen wird und sich lausig fühlt. Er kann nicht schlafen, er isst nicht viel. Und schon sind die Kriterien für eine Depression erfüllt. Es sei kompletter Unsinn, wie diese Diagnosen von der gegenwärtigen Psychiatrie benutzt würden. Wenn man diese offiziele Art, wie in der Psychiatrie diagnostiziert wird, auf gesunde Menschen anwenden würde, wie es Gøtzsche getan hat, würde niemand ohne mindestens eine psychiatrische Diagnose davonkommen. Gøtzsche nennt nur drei: Manie, ADHS oder Depression. Wir alle hätten mindestens eine dieser Diagnosen. Und wir alle würden für verrückt erklärt.

Die Inflation der psychiatrischen Diagnostik macht Gøtzsche an Hand der Kriterien für Depression, wie sie im Diagnosehandbuch DSM (auch als die Bibel der Psychiatrie bekannt) genannt werden fest: Während im DSM III aus dem Jahre 1980 jemand noch 2 Jahre um den Verlust seines Ehepartners trauern konnte, bevor er die Kriterien für eine Depresion erfüllte, waren es im DSM IV, welches im Jahr 1994 erschien, nurnoch 2 Monate. In der aktuellen Ausgabe, dem DSM V aus dem Jahre 2013 waren es nur noch 2 Wochen. Gøtzsche ist der Meinung, dass Psychiater den Hals nicht voll bekommen können. Er fragt sich warum gewöhnliche Lebensumstände zur psychiatrischen Diagnose erklärt werden sollen. Das sei falsch. Durch Psychopharmaka würden akute Zustände chronifiziert werden. Auf diese Weise würden mehr Konsumenten erzeugt.

Auch an der Wirksamkeint von Psychopharmaka hat Gøtzsche erhebliche Zweifel. Placebokontrollierte Studien der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zeigen, dass über 40% der Probanden bei Depressionen auf Placebo reagierten. Das wird im Jargon Spontanremission genannt. Der französiche Philosph Volaire drückte das mit den Worten aus:

Die Natur heilt, aber der Arzt nimmt das Geld.

Manche Patienten sagen, diese Antidepressiva hätten ihr Leben gerettet. Gøtzsche sagt, sie hätten Glück gehabt, dass sie dadurch nicht gestorben sind, denn tatsächlich würden diese Medikamente bei manchen Menschen dazu führen, dass sie sowohl Suizid als auch Mord begehen. Er glaubt auch nicht, dass Antidepressiva dazu beitragen können, Beziehungen zu retten, denn sie verursachen bei der Hälfte der Konsumenten sexuelle Störungen.

Diese Psychopharmaka machen abhängig. Beim Absetzen können ernsthafte Entzugserscheinungen auftreten. Deshalb sollten sie langsam ausgeschlichen werden. Wenn man Antidepressiva schlagartig absetzt, kann man depressiv werden. Aber das ist keine echte Depression, sondern eine medikamenteninduzierte Entzugsdepression. Doch die meisten Psychiater würden die Entzugserscheinungen als Symptome der Krankheit interpretieren, so Gøtzsche. Deshalb würden sie in manchen Fällen diese Medikamente ihren Patienten lebenslang verschreiben. Das chemische Ungleichgewicht sei ein Schwindel, der von Ärzten dazu benutzt würde, ihre Patienten davon abzuhalten, ihre Medikamente abzusetzen.

Sie sagen sogar, es sei wie einem Diabetiker Insulin zu geben. Sie würden doch nicht aufhören, einem Diabetiker Insulin zu geben, oder? Ein Psychiatrie-Professor fragte mich dies. Und ich antwortete ihm, das sei nicht das selbe. Patienten mit Diabetes haben einen Insulinmangel. Patienten mit einer Depression mangelt es nicht an Antidepressiva. Wenn Sie sich traurig sind und dann Alkohol trinken, um sich besser zu fühlen, ist das nicht, weil Ihr Gehirn einen Alkoholmangel hatte.

Den Arzneimittelbehörden, die für die Zulassung von Medikamenten zuständig sind, traut Gøtzsche ebensowenig. Sie würden eher die Pharmaindustrie, als die Patienten schützen. So hätte die FDA bei einer Studie über Antidepressiva nur die Suizide berücksichtigt, die innerhalb von 24 Stunden nach dem Absetzen des Medikaments aufgetreten sind.

Wenn man einen kalten Entzug von Antidepressiva macht, was am Ende solcher Versuche der Fall ist, erzeugt man dadurch Entzugserscheinungen. Eines dieser Symptome ist extreme Ruhelosigkeit, die als „ich möchte aus meiner Haut springen“ beschrieben werden. Dies treibt die Menschen zu Suizid und Mord.

Viele dieser Suizide würden als etwas anderes deklariert. Dabei würden für solche Versuche Probanden mit einem besonders niedrigen Suizidrisiko ausgewählt. Die Vorgehensweise bei klinischen Versuchen zu Psychopharmaka sei fast immer die selbe:

Man nimmt Patienten, die schon in Behandlung sind, z.B. wegen Depression oder Schizophrenie. Dann hat man eine Absetzphase von ein bis zwei Wochen, wo sie wo sie nichts oder ein Placebo bekommen. Dann randomisiert man. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass man jetzt Schäden in der Placebogruppe einführt, weil sich einige der Entzugserscheinungen nicht in der ersten Woche der Absetzphase zeigen. Diese zeigen sich erst später. Und das kann Depression oder Psychose sein, wenn es sich um ein Antipsychotikum handelt. Und dann sieht das Medikament viel besser aus, als es ist.

Eine Studie des Pharmakonzerns Pfizer, bei dem Probanden 30 Tage nach dem Absetzen beobachtet wurden hatte ergeben, dass das Suizidrisiko durch das Medikament Zoloft um 50% gesteigert wurde. Britische Wissenschaftler, die Zugriff auf Daten hatten, die auch Vorfälle mit einbezogen, die nach mehr als 24 Stunden auftraten, haben sogar ein verdoppeltes Suizidrisiko in allen Altersgruppen festgestellt. Der britische Psychiater David Healy, der sich an einigen Klagen in den USA beteiligte, hatte Zugriff auf unveröffentlichte Daten der Pharmakonzerne. Er berichtete, dass alle großen Firmen, wie GlaxoSmithKline, Eli Lilly und Pfizer Ergebnisse von Studien manipulierten. Wenn jemand im Rahmen einer Studie nach dem Absetzen des Medikaments suizidal wurde, hätten sie diesen Probanden im Nachhinein einfach der Placebogruppe zugeordnet, um so die Statistik zu ihren Gunsten zu verfälschen.

Im Rahmen seines Vortrags zitiert Gøtzsche auch eine australische Psychiaterin, die verschiedene Fälle von Unverträglichkeit von Antidepressiva untersucht hat. Bei diesen forensischen Fällen handelt es sich um Menschen, die auf Grund einer Genmutation das ihnen verabreichte Antidepressivum nicht metabolisieren konnten. Einer 35-jährige Frau, die wegen des Alkoholismus ihres Ehemanns besort war, wurde mit dem Antidepressivum Nortriptylin behandelt. Nach 3 Tagen tötete sie ihre minderjährige Tochter im toxischen Delirium. Ein 18-jähriger Mann, der mit Fluoxetin behandelt wurde, weil seine Schwester nach einem Autounfall ins Koma gefallen war, entwickelte eine Akathisie. 4 Tage, nachdem seine Medikamente zu Ende gegangen waren, tötete er seinen Vater. Ein 35-jähriger Mann, der unter der On-Off-Beziehungen mit der Mutter seines Kindes litt, wurde mit Paroxetin behandelt. 11 Wochen später stach er über 30 mal auf seine Partnerin ein, nachdem er durch das Medikament eine Akathisie entwickelte. Ein 46-jähriger Mann, der ebenfalls unter Paroxetin gesetzt wurde, weil er Angst hatte, nicht genug Geld zu verdienen, um den Lebensunterhalt seiner Familie sichern zu können, entwickelte manische Phasen und Akathisie. 42 Tage später, nachdem seine Dosis vor 20 Tagen erhöht wurde, tötete er seinen Sohn im Delirium.

Über die Behandlung von sogenannten Psychosen mit Neuroleptika berichtet Gøtzsche, was Insidern schon lange bekannt ist: Wissenschaftliche Langzeitstudien bestätigen, dass diejenigen, die ihre Medikamente absetzen, ein besseres Outcome haben, als diejenigen, die sie weiterhin einnehmen. Daraus zieht Gøtzsche den Schluss:

Wir müssen Patienten von diesen Medikamenten weg bekommen und nicht für immer weitermachen. Denn das ist der Hauptgrund, warum wir so viele behinderte Patienten erzeugt haben, nachdem wir anfingen so viele antipsychotischen Medikamente zu verwenden, wie wir es tun. Die heilen überhaupt nichts. Die machen Dinge nur noch schlimmer.

Zum Thema ADHS sagt Gøtzsche folgendes:

Es gibt Giraffen in Afrika. Ich habe sie gesehen. Sie existieren. AHDS existiert nicht wie eine Giraffe. Es ist nur ein Name. Wir haben Kinder, die schwiriger sind als andere, mehr aufgeweckt. Und dann haben wir Leute, die zu ruhig sind. Denken sie an die Körpergröße von Menschen. Wir können nicht alle gleich groß sein. Es gibt einige Leute, die klein sind, manche sind groß. Nehmen wir die Großen und sagen „Wir geben Dir jetzt eine Diagnose. Du hast eine Krankheit. Du brauchst eine Behandlung.“? Das ist genau das, was Leute mit ADHS gemacht haben: Sie haben die Kinder genommen, die nicht in der Mitte sind. Und dann sagen sie Du hast ADHS.

Viele Eltern lieben das, weil es ihnen eine Pseudo-Erklärung gibt. Der kleine Klaus benimmt sich so, weil er ADHS hat. Ok. Das kann man nicht machen, weil das ein Zirkelschluss ist. Es ist eine Tautologie. Man kann nicht erst sagen wir haben ihn! Er verhält sich so. Wir geben diesem Verhalten einen Namen. Jetzt erklärt der Name das Verhalten. Können Sie erkennen, wie dumm das ist? Ich denke schon.

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Ärztliche Holzwege

E-Book Ärztliche Holzwege
Der Diplom-Psychologe Hans-Ulrich Gresch setzt sich schon sein Jahren kritisch mit dem Thema Psychiatrie auseinander. Jetzt hat er ein E-Book mit dem Titel „Holzwege der Psychiatrie“ veröffentlicht.

In dem Buch geht Gresch vor allem der Frage nach der Validität psychiatrischer Diagnostik nach. Welche psychiatrischen Krankheitsbilder gibt es und welche Untersuchungsmethoden wenden Psychiater an? Können Psychiater sogenannte psychisch Kranke von Gesunden sicher unterscheiden? Gibt es in Zeiten von Gehirnscans und DNA-Analyse nicht objektive Untersuchungsmethoden, mit denen man feststellen kann, ob jemand eine psychiatrische Krankheit hat oder nicht? Kann die forensische Psychiatrie die Gefährlichkeit von Straftätern sicher prognostizieren und so die Gesellschaft vor ihnen schützen? Wie kann es sein, dass Homosexualität einst als Geisteskrankheit galt und jetzt nicht mehr?

1968 schickte David Rosenhan im Rahmen eines Experiments gesunde Probanden in zwölf verschiedene psychiatrische Anstalten, um zu sehen, ob die Psychiater in der Lage wären, diese von den „echten“ Kranken zu unterscheiden. Keine der Testpersonen wurde von den Psychiatern als gesund erkannt. Später kündigte Rosenhan an, weitere Pseudopatienten in die Psychiatrien zu schicken. Dies tat er jedoch nicht. Trotzdem waren die dort beschäftigten Psychiater der festen Überzeugung, sie hätten einige von Rosenhans Pseudopatienten entlarvt.

Sogenannte psychische Krankheiten hätten biologische Ursachen, wie z.B. Stoffwechselstörungen im Gehirn – so jedenfalls das Mantra, das man allerorts hört. Doch steht diese Behauptung auf einem soliden, wissenschaftlichen Fundament? Was sagen führende Wissenschaftler, wie Thomas Insel vom NIMH zu diesem Thema?

Die in der Psychiatrie üblichen Behandlungsmethoden sind Anwendung von Zwang, physischer Gewalt, Drohungen und ähnlichen, Erzeugung von extremem, traumatisierendem Stress, Beeinflussung des Nervensystems durch chemische Substanzen, Elektroschocks, sensorische Deprivation, soziale Isolierung und Fesselung. Durch Suggestion soll das Denken und Fühlen beeinflusst werden, um eine Veränderung des Verhaltens und Erlebens zu bewirken. Ist dies nicht Gehirnwäsche in ihrer schwersten Form?

Ferner beleuchtet Gresch das Thema Stigmatisierung: In wie fern führen Psycho-Diagnosen, die er als „strategische Etiketten“ bezeichnet, die sogenannten Betroffenen in Sackgassen?

Wenn das wissenschaftliche Fundament der Psychiatrie fragwürdig ist, ihre Behandlungsmethoden den Betroffenen, sowie der Gesellschaft insgesamt mehr Schaden als Nutzen bringt, warum ändert sich dann nichts? Welche sozialen, politischen und ökonomischen Verflechtungen verhindern einen Wandel?

In vorliegendem E-Book fasst Gresch sehr fundiert und mit vielen Quellenangaben den derzeitigen Stand der Psychiatrie zusammen. Trotz der Tiefe des vermittelten Wissens bleibt der Text halbwegs laienkompatibel. Ein guter Einstiegspunkt für Menschen, die sich zum ersten mal mit dem Thema Psychiatriekritik beschäftigen.

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Sind Depressive potentielle Massenmörder?

Am 24. März 2015 zerschellte ein Airbus A320 der Fluggesellschaft Germanwings auf seinem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in einem Bergmassiv in den südfranzösischen Seealpen. Alle 150 Insassen starben bei diesem Unglück.

In letzter Zeit hatte es immer wieder technische Probleme mit Airbus-Flugzeugen gegeben, die beinahe zu Katastrophen geführt hätten. So hatten im November 2014 vereiste Strömungsdrucksensoren bei einem Airbus A321 dem Bordcomputer falsche Daten geliefert, was diesen dazu veranlasste, automatisch den Sinkflug einzuleiten, um einen vermeindlichen Strömungsabriss abzufangen. Nur durch Eingreifen der Besatzung konnte die Katastrophe abgewendet werden.

Am 19. Dezember 2010 stürzte in Köln ein Airbus A319 beinahe ab, weil giftige Gase ins Cockpit eingedrungen waren und die Piloten fast bewußtlos gemacht hätten. Um die Kabine mit Frischluft zu versorgen, wird bei modernen Verkehrsflugzeugen Luft von den Triebwerken abgezweigt und ins Innere des Flugzeugs geleitet. Dies kann jedoch dazu führen, dass Öl aus den Triebwerk in die Kabinenluft gerät. Das Problem ist seit längerer Zeit bekannt.

Der Flugschreiber des Unglücksflugs 4U9525 ist noch nicht geborgen, als bekannt wird, dass der Copilot Andreas Lubitz in psychiatrischer Behandlung war. Angeblich sei er depressiv gewesen. Schnell hat sich die Boulevardpresse auf Lubitz als Verursacher der Katastrophe eingeschossen. Er habe die Maschine in suizidaler Absicht in den Berg geflogen und dabei 149 andere Menschen mit in den Tod gerissen. Dazu habe er den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt, als dieser auf die Toilette ging. Mögliche technische Ursachen für das Unglück rücken in den Hintergrund.

Schnell sind auch Psycho-Experten mit ihrer Kaffeesatzleserei zur Stelle. Florian Holsboer war 25 Jahre lang Chef des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Heute ist Holsboer Geschäftsführer der HolsboerMaschmeyer NeuroChemie GmbH, die sich der Entwicklung von Medikamente gegen Depression und Angsterkrankung verschrieben hat. In einem Interview mit der Zeitschrift Bunte spekuliert er über den Gesundheitszustand des Copiloten der Unglücksmaschine:

Das war nicht die Tat eines akut schwer depressiven Menschen, das halte ich für ausgeschlossen. Ein akut schwer depressiver Mensch braucht allein eine Stunde, um seine Uniform zuzuknöpfen. Der ist lahm gelegt – und kann nach außen unmöglich unauffällig sein. Offensichtlich ist dem Piloten überhaupt nichts aufgefallen. Das ist bei einer akuten schweren Depression nicht vorstellbar. Er kann maximal mittelgradig depressiv gewesen sein – was aber für die Tat keine Rolle gespielt hat.

Per postumer, fremdanamnetischer Ferndiagnose wagt es Holsboer dem Copiloten eine „Psychose mit Wahnideen“ zu attestieren. Der Chemiker und Psychiater, der mit seiner Firma Gentests und Biomarker für psychische Erkrankungen entwickeln will, weiß über die Willkürlichkeit psychiatrischer Diagnostik zu berichten:

Was wissen wir über Andreas L. gesichert? Er war vor sechs Jahren angeblich wegen Depressionen in Behandlung. Ob es wirklich Depressionen waren, wissen wir nicht. Diagnosen in der Psychiatrie sind beliebig, weil sie keine objektiven Laborergebnisse enthalten. Man hat kein Röntgenbild, keine Blutwerte, es sind auf verbaler Kommunikation basierende Einschätzungen. Diagnosekriterien ändern sich alle zehn Jahre. Ich halte es auch für möglich, dass es eine Gefälligkeitsdiagnose war, um dem jungen Mann nicht die Zukunft als Pilot zu verbauen. Oder es war schlicht eine Fehldiagnose. Oder wirklich eine Depression – doch jetzt muss er eben eine ganz andere psychische Störung gehabt haben.

Die Angst vor gefährlichen Irren rief sofort Politiker auf den Plan, die eine Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht fordern. Der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer forderte eine Lockerung der Schweigepflicht für sensible Berufe. Der Rheinischen Post sagte er:

Piloten müssen zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden. Diese Ärzte müssen gegenüber dem Arbeitgeber und dem Luftfahrtbundesamt von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden sein.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach meinte in der „Bild“-Zeitung, dass der Arzt verpflichtet sei, den Arbeitgeber über die Arbeitsunfähigkeit des Mitarbeiters zu informieren. Dies gelte ganz besonders im Fall psychischer Erkrankungen und einer möglichen Selbstmordgefahr.

Dieses Klima der Angst führt nun dazu, dass Menschen, die so naiv waren, einem Psychologen oder Psychiater ihr Leid zu klagen und den Stempel Depression aufgedrückt bekamen, als potentielle Massenmörder stigmatisiert und entrechtet werden. Dabei sind psychiatrische Diagnosen – wie auch Holsboer offen zugibt – beliebig und ohne jede wissenschaftliche Grundlage. Sie sind stets ein subjektives Werturteil des untersuchenden Psychiaters über seinen Probanden.

Sind solche Psycho-Diagnosen einmal in den Akten, können sie einem Menschen lebenslang zum Nachteil werden. Lauterbach, der jetzt die Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht fordert, warnte in einem Interview mit der TAZ im Jahr 2010 noch:

Die Akten laufen durchs gesamte System.

So ein System würde zum Betrug einladen. Aus Abrechnungsgründen könnte zum Beispiel ein Arzt aus einer psychischen Krise eine Schizophrenie machen. Je kränker der Patient ist, umso mehr kann der Arzt abrechnen.

Während es für sogenannte psychische Krankheiten keine wissenschafliche Grundlagen gibt, deuten zahlreiche wissenschaftliche Studien auf erhöhtes Suizidrisiko durch Antidepressiva hin. Das Arznei-Telegramm berichtete bereits im Jahr 2005, dass sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Paroxetin (SEROXAT u.a.) Selbsttötungstendenzen verstärken könnten. SSRI würden im Vergleich zu Plazebo die Häufigkeit von Ängstlichkeit und Aggressivität – Eigenschaften, die die Suizidneigung fördern können – verdoppeln. In den USA sind 47 Fälle von Flugzeugabstürzen dokumentiert, bei denen der Pilot unter dem Einfluss von Antidepressiva stand.

Mehr Informationen zum Thema:

Bunte: Airbus-Absturz – „Er muss eine Psychose gehabt haben“

Psychiatriekritik: Florian Holsboer über Andreas Lubitz – Das Mirakel psychiatrischer Diagnostik

aerzteblatt.de: Germanwings-Pilot – Ärzte attestierten weder Suizidalität noch Fremdaggressivität

Zeit online: Wer depressiv ist, will anderen kein Leid antun

Ärztezeitung: Politiker fordern Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht

FAZ: Flug 4U9525 Germanwings-Absturz entfacht Diskussion um Schweigepflicht

Gefährliche Glückspillen

Arznei-Telegramm: Antidepressiva – Lebensgefährliche Placebos?

Pilots Crashing on Antidepressants: A (Not So) Brief History

Psychiatrie-Mißbrauch oder Modus Operandi?

Auf ihrer Internetseite Psychiatrie-Mißbrauch.de beschäftigt sich die Psychiaterin Petra Kutschke mit verschiedenen Fallbeispielen, wie Gustl Mollath oder den hessischen Steuerfahndern, die sie dem Bereich des Psychiatriemißbrauchs zuordnet. Fälle wie diese haben dazu geführt, daß die Psychiatrie auch in der Öffentlichkeit immer häufiger als Pseudowissenschaft und menschenverachtendes Terrorystem wahrgenommen wird. Eine Wahrnehmung, der Frau Kutschke entschieden widerspricht:

Die Psychiatrie ist keine Pseudowissenschaft!!!

In der Psychiatrie haben wir es in der Regel mit Erkrankungen des Gehirns zu tun, sei es infolge von Stoffwechselstörungen, Degeneration, Tumoren, Infektionserkrankungen etc. Es gibt klare Definitionen der Erkrankungen und gutachterliche Richtlinien. Und weil es klare Definitionen und gutachterliche Richtlinien gibt, kann man solche Schlechtachten wie von den Herren Leipziger, Kröber, Pfäfflin und co auch entlarven. Dazu braucht es mitunter noch nicht einmal medizinischen Sachverstand. Es zeigt sich schon dem medizinischen Laien, dass die Schlechtachten denkunlogisch sind.

Wie solche angeblich „klaren Definitionen“ von sogenannten psychischen Krankheiten aussehen, kann man in den einschlägigen Diagnosehandbüchern DSM bzw. ICD nachlesen. Im ICD ist beispielsweise unter dem Diagnoseschlüssel F-99 die „Psychische Störung ohne nähere Angabe“ katalogisiert, die zu den „nicht näher bezeichnete psychische Störungen“ gehört. Als Ausschlußkriterium für diese „Diagnose“ wird die „organische psychische Störung“ genannt.

Über die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft hat sich der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper Gedanken gemacht. Popper machte dies vor allem an der Falsifikierbarkeit fest. Jemand, der eine wissenschaftliche Theorie aufstellt, soll eine Antwort auf die Frage geben, unter welchen Bedingungen er bereit sei, ihre Unhaltbarkeit zuzugeben. William Warren Bartley nannte als weiteres Kriterium für eine Pseudowissenschaft verstärkte/verschärfte Dogmen bzw. den „doppelt verschanzten Dogmatismus“ – eingebaute Immunisierungsmechanismen, welche philosophische Systeme gegen jede Art von Kritik oder Angriff abschotten.

Ein Dogma der Psychiatrie ist, daß sogenannte psychische Krankheiten Erkrankungen des Gehirns, Stoffwechselstörungen oder gar Gendefekte wären. Der doppelt verschanzten Dogmatismus zeigt sich in der Psychiatrie dann, wenn solche bei einem Probanden nicht nachgewiesen werden. Wenn sogenannte psychische Krankheiten Erkrankungen des Gehirns sein sollen, man bei einem Probanden eine solche nicht nachweisen kann, müsste also der Verdacht, der Proband habe eine psychische Krankheit im Rahmen der Falsifikierbarkeit als widerlegt gelten. Nicht so in der Psychiatrie. Dort unterstellen Psychiater gerne eine sogenannte Dissimulation, d.h. der Proband soll eine angebliche Gehirnkrankheit „wegsimuliert“ haben – und zwar so gut, daß diese nicht einmal mit Hilfe der modernen Apparatemedizin nachweisbar wären. Der Heidelberger Psychiater Professor Dr Johannes Schröder wußte dazu im Rahmen eines Gerichtsverfahrens vor dem Stuttgarter Landgericht zu berichten, daß die „klinische Erfahrung“ zeigen würde, daß „psychisch Kranke“ häufig ihre Krankheit „dissimulieren“ würden.

Dissimulation

Nach präzisen, wissenschaftlichen Verfahren, die eindeutig eine Erkrankung des Gehirns, Stoffwechselstörungen usw. im Rahmen einer sogenannten psychischen Krankheit objektiv messbar machen, sucht die Psychiatrie jedoch anders, als Frau Kutschke behauptet, bis weilen vergeblich. Der Amerikanische Psychiater und Direktor des National Institute of Mental Health (NIMH) Thomas Insel schrieb zur psychiatrischen Forschung in seinem Blog:

Wenn man ein negatives Ergebnis herausbekommt und man nicht weiß warum und dann nach Zufallsprinzip etwas anderes versucht, ist dies eine unglaubliche Verschwendung von Geld.

Im April 2013 versetzte Insel die Fachwelt in Aufruhr, als sein Institut die 5. Revision des psychiatrischen Diagnosehandbuchs DSM (auch bekannt als die Bibel der Psychiatrie) zurückwies. Die darin enthaltenen Krankheitsbilder seien nur ein Sammelsorium von Symptombeschreibungen und nicht valide.

Auch der Psychiater Tilman Steinert ist der Frage nachgegangen, ob es aktuell in Deutschland Mißbrauch der Psychiatrie gäbe. Die Frage bejat er in einer Abhandlung in der Zeitschrift Psychiatrische Praxis. Laut Steinert hätten Teile von Politik und Öffentlichkeit einen Konsens gefunden, die Psychiatrie zu bestimmten Zwecken missbrauchen zu wollen. Dieser Mißbrauch würde vom bekannten Missbrauch des Begriffs Schizophrenie als Metapher für alles, was widersprüchlich erscheint bis zu diffamierenden Äußerungen reichen. Als Beispiele aus der Praxis nennt Steinert Angehörige, die ihre demenzkranke Mutter in der Klinik abliefern, um dann ungestört in den Urlaub fahren zu können, Menschen mit somatischen Beschwerden, die jedoch von Allgemeinmedizinern ungeachtet einer diagnostischen Klärung und Indikationsstellung in die Psychiatrie abgeschoben werden, oder der seiner Meinung nach noch problematischeren, vielerorts bekannte Praxis, die psychiatrischen Klinik als „Strafkolonie“ für (häufig aggressive) Menschen zu benutzen, um sie zu disziplinieren.

Der Staat kann und darf Ärzte nicht zu Aufgaben legitimieren bzw. ihnen diese sogar zuschreiben, die ihnen von der Berufsordnung her eindeutig verboten sind. Es gibt bekanntlich keine Medikamente, die für die Indikation einer Ruhigstellung als Sicherungsmaßnahme zugelassen wären, ebenso wenig eine Differenzierung von Medikamentenverordnungen zur Behandlung und zur „Ruhigstellung“. Behandlung bei krankheitsbedingter Fremdgefährdung gehört zu unseren Aufgaben, eine Ruhigstellung unabhängig von einer Behandlungsindikation aber sicher nicht.

Es ist ganz besonders bemerkenswert, daß solche offenen Worte ausgerechnet von Tilman Steinert kommen, der nachdem das Bundesverfassungsgericht 2011 psychiatrische Zwangsbehandlung für verfassungswidrig erklärt hatte, sogenannten psychisch Kranken notfalls unter Berufung auf das Bundesseuchengesetz zu Leibe rücken wollte. Steinert war es auch, der sich in der darauf hin folgenden politischen Diskussion als glühender Verfechter psychiatrischer Zwangsbehandlung profilierte.

Während sich Steinert als unfreiwilliger Handlanger von Teilen der Öffentlichkeit und Politik sieht, die ihn und seine Kollegen quasi dazu nötigen würden, die Psychiatrie mißbräuchlich als Disziplinierungsmittel einzusetzen, zeigt sein Kollege Manfred Lütz ernste Anzeichen von Realitätsverlust. In der WDR-Sendung West Art wurde Lütz mit Fällen aus der Praxis des Rechtsanwalts Thomas Saschenbrecker konfrontiert. In einem Einspieler zum Thema, der in der Sendung gezeigt wurde heißt es:

Werden zu viele Menschen ohne triftigen Grund in die Psychiatrie eingewiesen? Mindestens ein Drittel aller Zwangseinweisungen, so schätzen Experten, dienen nicht dem Patienten. Sie nutzen allein denen, die an einer Entsorgung der nur vermeintlich psychisch Kranken interessiert sind. Ein Beispiel: Eine Ehefrau möchte ihren Mann loswerden. Eifersucht und Eheprobleme sind das Motiv. Sie muß ihn nur überzeugend verdächtigen, psychisch krank zu sein. Schon landet er in der Anstalt. Fremdanamnese, also eine Befunderhebung durch Angehörige wird das genannt. Ein anderes Beispiel: Ein Vater möchte das alleinige Sorgerecht für sein Kind. Wiederum gilt: Erklärt er seine Frau für psychisch krank und spielt auf eine Gefährdung der Kinder an, wird er sein Ziel erreichen. Habgier – auch ein Motiv. Wer an das Vermögen seiner Verwandten will, stempelt diese als verwirrt und dement ab. Er behauptet, sich nur Sorgen zu machen. Und schon müssen diese in die Anstalt. Die Psychiatrie kann der effektivste und kostengünstigste Weg sein, lästige Mieter loszuwerden. Ein Rechtsstreit ist teuer und kann sich hinziehen. Also wird so getan, als sorge man sich um das Wohl des Mieters, der alleine nicht mehr zu recht komme. Der Vermieter wendet sich an die Betreuungsbehörde oder das Betreuungsgericht. Da ist der Mieter schnell entsorgt, während die Zimmer in der Psychiatrie voll belegt sind.

Lütz empörte sich über diese Darstellung des NDR:

Ich bin seit 30 Jahren in der Psychiatrie tätig. Ich war in verschiedenen Psychiatrien tätig. Da unterstellt man tatsächlich, daß wir jetzt der verlängerte Arm von Ehefrauen, Vermietern und so weiter sind. Das ist eine Frechheit!

Daß Frau Kutschke die umstrittenen Gutachten im Fall Mollath analysiert und ihre Erkenntnisse öffentlich macht, ist löblich. Doch ihr Bild von der Psychiatrie als wissenschaftlich arbeitende, medizinische Disziplin, die den Menschen helfen will, bleibt ein Trugbild. In jüngster Zeit sind immer mehr Fälle von fragwürdigen, psychiatrischen Begutachtungen und Behandlungen ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Fälle wie Mollath oder die der hessischen Steuerfahnder, die per psychiatrischem Gutachten für arbeitsunfähig erklärt wurden, weil sie unbequeme Ermittlungen anstellten, sind eben keine traurigen Einzelfälle. Sie sind die Regel. Sicherlich gibt es auch Menschen, die wirklich Wahnvorstellungen haben. Aber was haben Menschen, die Wahnvorstellungen haben, Menschen die an sozialen Konflikten verzweifeln, Whistleblower, Dissidenten, alte Menschen und nervige Kinder gemeinsam? Sie stören ihre Umwelt. Und genau hier bietet die Psychiatrie Lösungen an, um Menschen außerhalb der Strafgerichtsbarkeit aus dem Verkehr zu ziehen und sie für unerwünschtes Verhalten zu sanktionieren. Das medizinisch-biologische Erklärungsmodell der Psychiatrie entbindet dabei alle an einem sozialen Konflikt beteiligten von Verantwortung. Während bei sozialen Konflikten, die durch Meinungsverschiedenheiten, antisoziales Verhalten, schlechte Erziehung und ähnliches entstehen, müssten alle Beteiligten ihr Verhalten hinterfragen. Bequemer ist es jedoch, wenn man einen der beteiligten Konfliktpartner pathologisiert. Für eine Krankheit, also einen biologischen Defekt kann schließlich keiner etwas. Unterdrückung kann so als vermeintlich wohlwollende Hilfe verkauft werden. Psychiatrie ist somit faktisch eben keine medizinische Disziplin, sondern eine Institution der sozialen Kontrolle außerhalb der Strafgerichtsbarkeit.

In seinem Buch „Der Fall Mollath“ rechnet der Rechtsanwalt Gerhard Strate mit der Psychiatrie ab. Als Verteidiger von Gustl Mollath wurde er Zeuge des an seinem Mandanten verübten Unrechts. Zulässige und sachlich begründete Beschwerden seien nicht einmal mehr bearbeitet wurden. Das Verfahren sei zu einer kafkaesken Realität mutiert, die im diametralen Gegensatz zur rechtsstaatlichen Intention richterlicher Kontrollfunktionen stünde. Ausgerechnet die Richter wären zu Beteiligten an der Rechtlosstellung Mollaths geworden. Psychiatrie sei eine Wissenschaft der Stigmatisierung. Sie würde dem uralten Bedürfnis Rechnung tragen, Individuen oder willkürlich definierte Menschengruppen vom allgemein geltenden Rechtssystem auszuschließen.

Fälle wie die von Frau Kutschke oder Herrn Steinert zitierten sind eben keine Psychiatrie-Mißbräuche. Sie sind vielmehr Beispiele für den Modus Operandi der Psychiatrie. Daß dies kein Versehen, sondern durchaus politisch gewollt ist, zeigt der Umgang mit Menschen, die sich gegen psychiatrisches Unrecht zur Wehr setzen. Menschen, die mit der Psychiatrie Erfahrung gemacht haben, obwohl sie nachweislich weder Wahnvorstellungen, noch irgendwelche Gehirnerkrankungen hatten, kämpfen oft jahrzehntelang vergeblich vor Gericht um Anerkennung des ihnen zugefügten Unrechts und Schadensersatz. Psychiater, die nicht nur eindeutig gegen die von Steinert beschworene Berufsordnung verstoßen haben, sondern auch strafrechtlich relevante Vergehen, wie Freiheitsberaubung und gefährliche Körperverletzung begangen haben, werden von der Strafjustiz verschont und können unbehelligt weitermachen wie zuvor.

Mehr Informationen zum Thema:

Psychiatrie-Mißbrauch.de: Psychiatrie ist keine Pseudowissenschaft

Thieme.de: Missbrauch der Psychiatrie

eigentümlich frei: Medizin – Der Willkür Tür und Tor geöffnet

Legal Tribune: Rezension zu Gerhard Strates „Der Fall Mollath“ – Natürlich kein neutrales Buch

Psychiatrie: Die endgültige Bankrotterklärung einer Pseudowissenschaft?

Gustl Mollath: Wir sind alle von Psychiatrisierung bedroht

Gert Postel live in Bayreuth: Die Fragwürdigkeit der Forensikgutachten als Wissenschaft

Von Psychiatriekritikern geliebt, von Psychiatern gehasst – keiner hat die Psychiatrie so vorgeführt wie der moderne Till Eulenspiegel Gert Postel. Als Hochstapler arbeitete er jahrelang unentdeckt als Chefpsychiater. Postel selbst sagt, er habe sich als Hochstapler unter Hochstaplern gefühlt. Für psychiatrische Expertisen hat Postel nur Hohn übrig:

Wer die psychiatrische Sprache beherrscht, der kann grenzenlos jeden Schwachsinn formulieren und ihn in das Gewand des Akademischen stecken!

Der Vorsitzender Richter am BGH Armin Nack lobt Postel in höchsten Tönen. Er sei der beste Gutachter gewesen – besser als die gelernten Psychiater.

Darüber, wie er als gelernter Postbote zum Chefpsychiater wurde und was er dann erlebt hat, hat Postel ein Buch mit dem Titel „Doktorspiele“ geschrieben. Darin erhält der Leser interessante Einblicke in die Welt der psychiatrischen Gutachter. Selbst nachdem Postel letzendlich aufflog, wurden die von ihm angefertigten psychiatrischen Gutachten nie in Frage gestellt.

Am 7. Januar 2015 findet in Bayreuth im Becher-Bräu, St. Nikolausstr. 25 ein Themenabend unter dem Motto “Die Fragwürdigkeit der Forensikgutachten als Wissenschaft” mit statt. Dort wird Gert Postel aus seinem Buch lesen. Im Anschluß gibt es eine Diskussion.

Mehr Informationen zum Thema:

archeviva.com: Postel – “Die Fragwürdigkeit der Forensikgutachten als Wissenschaft”

ein-buch-lesen.de: Vorsitzender Richter am BGH Armin Nack lobt Gert Postel – die Freitagskolumne von Ursula Prem

gert-postel.de

Lexikon der Psychiatriekritik: Grundfragen der forensischen Psychiatrie

Psychiatrie: Die endgültige Bankrotterklärung einer Pseudowissenschaft?

Evidenzbasierte Psychiatrie – ein Oxymoron

Nachdem sich die Medien in letzer Zeit ausführlich mit einigen psychiatrischen Fallbeispielen, wie z.B. Gustl Mollath, Ilona Haslbauer oder Ulvi Kulaç beschäftigt haben, wird auch immer öfter die Psychiatrie selbst mit ihren zweifelhaften Diagnose- und Behandlungsverfahren hinterfragt. Der Laie hatte diesbezüglich bis jetzt bestenfalls Halbwissen. Sogenannte psychische Krankheiten hätten ihre Ursachen in Stoffwechselstörungen im Gehirn wird immer wieder in Zeitschriften behauptet. Sogenannte psychisch Kranke müssten wie Diabetiker lebenslang Medikamente einnehmen, hat man irgendwo gelesen.

So beschäftigte sich auch Katrin Fischer in einem Beitrag für eigentümlich frei mit dem Thema Psychiatrie und stellt dabei fest:

Seit rund 150 Jahren steht die Frage im Raum, ob der Psychiatrie überhaupt die Berechtigung zukommt, als ein Zweig der Medizin anerkannt zu sein. Diese Frage wird nicht nur von „Psychiatriekritikern“ gestellt, sondern kommt auch aus Teilen ihrer eigenen Wissenschaftsgemeinde.

Die Psychiatrie will gerne als Wissenschaft gelten. Aus diesem Grunde muss sie sich auch an wissenschaftlichen Maßstäben messen lassen. In der Medizin wird seit Jahren eine auf empirische Belege gestützte Heilkunde – sogenannte Evidenzbasierte Medizin – angestrebt. Doch damit tut sich die Psychiatrie schwer. Der dänische Arzt Peter Gøtzsche zitiert hierzu in seinem Buch Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität den englischen Psychiater David Healy:

Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Bereich der Medizin, in dem die wissenschaftliche Literatur so sehr den Rohdaten widerspricht.

Die Heidenheimer Zeitung berichtet von einer Konferenz führender Psychiater, die im November diesen Jahres in Heidenheim unter dem Motto „Ist die Psychiatrie noch zu retten?“ stattfand. Große Hoffnungen auf wissenschaftliche Erklärungen für sogenannte psychische Erkrankungen seien enttäuscht worden. Bis heute sehen die Psychiater keine pharmakologischen oder psychotherapeutischen Behandlungsverfahren, die denen von vor 20 Jahren überlegen wären.

In einem Leserbrief an das deutsche Ärzteblatt geht Dr. med. Argeo Bämayr mit seinen Kollegen hart ins Gericht:

Da die Psychiatrie keine exakte Wissenschaft ist, können auch psychiatrische Gutachten keine objektiven Befunde und Diagnosen liefern, sondern nur – und dies ist höchstrichterlich bestätigt (BGH, Az.: VI ZR 140/98) – nur subjektive Werteinschätzungen. Folglich handelt es sich auch bei einer gutachterlichen Feststellung einer Selbstbestimmungs(un)fähigkeit, für die es ebenfalls keine objektiven Messmethoden gibt, zwangsläufig um eine subjektive Werteinschätzung, die der Willkür Tür und Tor öffnet…

Bis zum heutigen Tag kann die Psychiatrie keine objektiven Untersuchungsmethoden vorweisen, mit denen man feststellen könnte, ob ein Proband psychisch krank ist oder nicht und was für eine psychische Krankheit dieser gegebenenfalls hat. Gleichwohl haben die Psychiater Fantasie, wenn es um die Benennung sogenannter psychischer Krankheitsbilder geht. Sehr gerne wird von Psychiatern die „schizophrene Psychose“ diagnostiziert. Zu diesem Krankheitsbild gehören Wahnvorstellungen, die angeblich von Stoffwechselstörungen im Gehirn ausgelöst werden. Kann ein Psychiater bei einem Probanden weder Stoffwechselstörungen im Gehirn, noch Wahnsymptome nachweisen, wird gerne „Dissimulation“ unterstellt. Der Proband würde angeblich seine Krankheit wegsimulieren. Verlässt einen Psychiater einmal seine Fantasie, so kann er sich immernoch des Diagnoseschlüssels F-99 aus dem Diagnosehandbuch ICD-10 – der „Psychische Störung ohne nähere Angabe“ – bedienen.

Potentiell schädliche Behandlungsmethoden auf Grund von zweifelhafter Diagnostik zu verordnen ist die eine Sache. Viel schlimmer jedoch ist, daß mit sogenannten psychiatrischen Gutachten, also auf Grund eines subjektiven Werturteils eines Psychiaters, nicht selten eine vollkommene Entrechtung des Betroffenen einhergeht. Das Spektrum von möglichen Zwangsmaßnahmen geht von Entmündigung (euphemistisch „Betreuung“ genannt) über Zwangseinweisung in eine psychiatrische Anstalt bis hin zu Zwangsbehandlung mit hirnschädigenden Behandlungsmethoden wie Neuroleptika oder Elektroschock. Spätestens seit dem Fall Mollath sollte klar sein: Es kann jeden treffen.

Mehr Informationen zum Thema:

eigentümlich frei: Medizin – Der Willkür Tür und Tor geöffnet

Heidenheimer Zeitung: Psychiatrie – Chefärzte aus ganz Deutschland in Heidenheim

Deutsches Ärzteblatt: Zwangsbehandlung – Subjektive Werteinschätzung

BGH-Richter führt Psychiater anhand obskurer Begutachtungspraktiken vor

Etwas ist faul im Staate Dänemark

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