Psychiater Volkmar Aderhold im Gespräch: Schäden und verkürzte Lebenserwartung durch Neuroleptika

Volkmar AderholdMirko Olostiak Brahms im Gespräch mit Prof. Dr. Volkmar Aderhold, der in Deutschland nicht nur die Debatte über Schäden und verkürzte Lebenserwartung durch Neuroleptika angestoßen hat, sondern hierzulande auch durch Seminare, Fortbildungen und Vorträge die Konzepte der Bedürfnisangepassten Behandlung und des Offenen Dialog voranbringen will.

Über das Geschäftsmodell der Psychiatrie ist Aderhold desillusioniert

Als ich in die Psychiatrie ging – war irgendwie noch, das war so 1982, war klar: Die Psychiatrie ist ein Kostenfaktor und man kann sich gesellschaftlich einbilden wenn´s weniger kostet und besser wird, dann freuen sich alle. Und es war ne ziemliche Ernüchterung, dass ich erst im Laufe der letzten 15 Jahre langsam gemerkt habe: Das hat sich längst gedreht. Krankheit ist zur Ware geworden. Kliniken rechnen sich. Das wusste ich zwar vorher schon, aber die rechnen sich so kräftig, dass man dass man sie echt am Netz halten will. Und auch Chronifizierungen sind ein Geschäft.

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Mehr Informationen zum Thema:

VielFalter Magazin gegen Monokultur: Sendung vom 28. Juli 2016

Volkmar Aderhold über Neuroleptika

FAZ: Neuroleptika Wenn Psychopillen das Gehirn schrumpfen lassen

Der Nervenarzt: Frontale Hirnvolumenminderung durch Antipsychotika?

Deutsche Apotheker Zeitung: „Pharmaindustrie schlimmer als die Mafia“

Neuroleptika lassen das Gehirn in kürzester Zeit schrumpfen

Peter Gøtzsche: Vortrag zu Übermedikalisierung und Überdosierung

Gehirnscans – was uns die bunten Bildchen sagen

Politische Psychiatrie in Deutschland

Schon seit geraumer Zeit wird die deutsche Psychiatrie nicht nur von Menschenrechtsaktivisten, sondern auch auf der internationalen, politischen Bühne mißtrauisch beäugt. So erklärte der Sonderberichterstatter über Folter des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Juan E Méndez, in der 22. Sitzung des „Human Rights Council“ am 4. März 2013 Zwangsbehandlung in der Psychiatrie zu Folter, bzw. grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung. Er forderte, dass alle Staaten ein absolutes Verbot aller medizinischen nicht einvernehmlichen bzw. Zwangsbehandlungen verhängen sollten, einschließlich nicht-einvernehmlicher Psychochirurgie, Elektroschocks und Verabreichung bewusstseinsverändernder Drogen, sowohl in lang- wie kurzfristiger Anwendung. Die Verpflichtung, erzwungene psychiatrische Behandlung zu beenden, wäre sofort zu verwirklichen. Am 27.3.2015 wurde Rolf Schmachtenberg vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales vor einem UN-Komitee mit Foltervorwürfen in psychiatrischen Einrichtungen der BRD konfrontiert, die er doch ve­he­ment bestritt.

Jetzt gab der Psychiater Dr. Friedrich Weinberger von der Walter-von-Baeyer-Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie (GEP) dem deutschsprachigen Ableger des Russischen Staatssenders Russia Today ein Interview zum Thema politische Psychiatrie in Deutschland. Als konkrete Fallbeispiele nennt Weinberger unter anderem die bundesweit bekannt gewordenen Fälle Gustl Mollath, der, nachdem er Schwarzgeldgeschäfte, in der auch seine damalige Ehefrau verwickelt war, angezeigt hatte und drauf hin über 7 Jahre in der Psychiatrie verschwand, sowie die Affäre um die Hessischen Steuerfahnder um Rudolf Schmenger, die für den Geschmack einiger deutschen Machthaber etwas zu gründlich ermittelten und deswegen per psychiatrischer Begutachtung vorzeitig in Rente geschickt wurden.

Warum es so gut funktioniert, unbequeme Menschen mit Hilfe der Psychiatrie mudtod zu machen, erklärt Weinberger:

Das ist offen­sichtlich der Grund für den Mißbrauch der Heilkunde, dass Machthaber unter­schied­lich­ster Fär­bung auf unterschiedlichsten Ebenen sie allzu gern gebrauchen und wei­terhin ge­brauchen wol­len, um Oppositionelle, ggf. ganze Gruppen, ganze Lager, die das Sy­stem hinter­fra­gen, zu „erle­di­gen“, sie in leichten Fällen damit (etwa unter der Dia­gnose „Ver­schwö­rungstheoretiker“) zu diskreditieren, in „schwereren“, sie ganz aus dem Ver­kehr zu zie­hen, wo­bei sie ihre Hände noch in Unschuld waschen. Ärzte, Psy­cho­logen, „Sach­ver­ständige“ über­nehmen für sie ja die Drecksarbeit und versehen diese gar noch mit inter­na­tio­nal- „wissenschaftlichen“ Gütesiegel.

Doch auch die Psychiatriekritik ist nicht davor gefeit, politisch instrumentalisiert zu werden. Dazu schreibt Weinberger auf der Internetseite der GEP folgendes:

Unsere Vereinigung, Teil da­mals einer aus „ähnlichen“ Gruppierun­gen in ver­schie­denen Ländern beste­hen­den Asso­zia­tion, der IAPUP, war an ihm voll beteiligt. Mit der Zeit merkten wir jedoch, daß diese ande­ren Grup­­­pen auch von uns abweichende Ziele verfolg­ten und ihnen trübes Geld zuging. In die­sem Kreis, der dann ganz auf (amerikanisch-freud-marxistische) „Reform“ umschwenkte, hör­ten wir 1991, daß die Smith-Richard­­­son-Foun­da­tion, eine der Haupt-Geldquellen – unsere deut­sche Ver­­eini­gung war of­fen­sicht­­lich die ein­zige, die sich über die Jahre al­lein aus Mit­glieds­beiträgen nähr­te -, das Wort „Psy­chia­triemiß­brauch“ nicht mehr hören wolle. Laut Wikipedia un­ter­stützt die Foun­dation vor allem kon­ser­vative US-Po­l­itik! Wir ver­ließen IAPUP rasch. Außer von uns war der sowjeti­sche Psycho-Miß­brauch hier­zuland nur von der FAZ ver­merkt worden. Jetzt aber – die Sowjetunion war 1991 in Auf­lösung, das Hauptziel der Geldgeber wohl er­reicht – tauch­­te be­sag­­tes Wort auch in der FAZ nie mehr auf, auch in Zusammenhang mit der DDR oder jetzt mit Mollath, Schmenger u.a. nie mehr. West­lichen Machthabern, die das Fach, wie sich bald zeigte, ähn­lich miß­brau­chen wie seinerzeit Chrusch­tschow & Co., wollte wohl auch die FAZ das Spiel nicht verderben.

Mehr Informationen zum Thema:

RT: Als verrückt abgestempelt – Psychiatriemissbrauch als Waffe

Psychiatrie und Ethik: Interview am 15.1.2016 bei RT Deutsch zum Psychiatriemißbrauch

Wikipedia: Politischer Missbrauch der Psychiatrie

BRD-Abgesandter leugnet vor UN-Komitee Folter

Psychiatrie-Mißbrauch oder Modus Operandi?

Psycho-Gutachter im Kreuzfeuer der Kritik

‚Hilfe‘, ‚Schutz‘ und ‚Anti-Stigma‘ – Propaganda und ‚Neusprech‘ in der Psychiatrie

Anstaltspsychiatrie, Zwangsjacken oder Elektroschock sind Begriffe, die einer dunklen, scheinbar überwundenen Vergangenheit der Psychiatrie zugeschrieben werden. Dass der Elektroschock unter der Bezeichnung EKT (Elektrokrampftherapie) seit einigen Jahren zunehmend wieder eingesetzt wird, dass die Zwangsjacken lediglich durch die Verabreichung von Psychopharmaka abgelöst wurden und dass Zwangsmaßnahmen und -Behandlungen weiterhin an der Tagesordnung sind, ist vielen Menschen nicht bewußt. Vor 40 Jahren sollte mit der Psychiatrie-Enquete eine „tiefgreifende Reform der Psychiatrie“ auf den Weg gebracht werden – an den fragwürdigen Grundlagen des psychiatrischen Menschenbildes hat sich jedoch wenig geändert. Das Konzept der „psychischen Erkrankungen“ wird kaum hinterfragt. Dabei werden immer mehr Menschen psychiatrisch behandelt. Die Zahl der Krankschreibungen und Früh-Berentungen aufgrund psychiatrischer Diagnosen und auch die Verschreibung von Psychopharmaka haben Rekordniveau erreicht. Im Geschäft mit der Psyche werden Milliardenumsätze erzielt. Worüber jedoch kaum jemand spricht: Über 10.000 Menschen kommen jährlich allein in Deutschland im Zusammenhang mit psychiatrischer Behandlung ums Leben. Die Langzeitbehandlung mit Neuroleptika (im psychiatrischen Neusprech auch „Antipsychotika“ genannt) führt zu einer Verkürzung der Lebenserwartung um durschnittlich 25 bis 32 Jahre. Zunehmend werden auch Kinder und Jugendliche zu psychiatrischen Patienten – häufig wegen Problemen, die im Zusammenhang mit der Schule entstehen.

Unsere Sprache bestimmt unser Denken. Die Begriffe, die wir verwenden, beeinflussen unsere Einstellung und unsere Gefühle. Es macht einen Unterschied, wie wir die Dinge bezeichnen. Und es ist kein Zufall, dass sich viele Namen und Bezeichnungen in den vergangenen Jahren (zum Teil mehrfach hintereinander) geändert haben. Halt! Die Namen haben sich nicht von alleine geändert – sie wurden geändert. Raider heißt jetzt Twix. Das Arbeitsamt ist von der Agentur für Arbeit zum Jobcenter mutiert. Meine Krankenkasse nennt sich jetzt Gesundheitskasse. So sollen Akzeptanz hergestellt und positive Assoziationen hervorgerufen werden. Das kleine Wörtchen ‚für‘ kann sehr wirkungsvoll sein für solche Zwecke.

Die ehemaligen Nervenheilanstalten heißen inzwischen „Zentren für Psychiatrie“ – oder noch besser: „Zentren für Seelische Gesundheit“. Statt auf der Geschlossenen finden wir uns im „geschützten Bereich“ wieder. Dort wird uns „die notwendige Hilfe nicht vorenthalten“. Das klingt zumindest viel angenehmer, als von „einsperren“ und „isolieren“ zu sprechen, von „Zwangsbehandeln“ oder vom Brechen des Willens. Was in der Psychiatrie mit „Schutz“ und „Hilfe“ bezeichnet wird, könnten wir aus anderer Perspektive auch „Freiheitsberaubung“ und „Folter“ nennen. Wir werden ans Bett gefesselt und es werden uns mit Gewalt Substanzen verabreicht, die massive Störungen (nicht nur) im Gehirn verursachen. Natürlich nur zu unserem „Wohl“ und weil wir „krankheitsbedingt“ nicht in der Lage seien, in die „notwendige Behandlung“ einzuwilligen. Wie fragwürdig die Konzepte der psychiatrischen „Erkrankungen“ und deren Behandlung sind, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin: wir werden nicht mehr als „Geisteskranke“ bezeichnet. Inzwischen werden wir mit dem Label „Psychisch Kranke“ bedacht, das in jüngerer Zeit zunehmend durch den Begriff „Menschen mit psychischen Erkrankungen“ ersetzt wird. Das klingt zwar schon viel menschlicher, verschleiert aber den Umstand, dass diese sogenannten „Erkrankungen“ keine beweisbaren Tatsachen sondern lediglich willkürliche Zuschreibungen sind. Den Mangel an Beweisen machen die Meinungsbildner in der Psychiatrie wett durch in sich verschachtelte Konstrukte aus Behauptungen und Zirkelschlüssen gepaart mit ausgefeilter Rhetorik. Der „Mythos Geisteskrankheit“ wird uns tagtäglich quer durch sämtliche Medien als Tatsachenbehauptung untergejubelt. Wir haben uns gewöhnt an die Propaganda. An die Lügen und Halbwahrheiten, an das Verschweigen und Vorenthalten von Information. Manche Märchen werden so oft wiederholt, dass es aussichtslos erscheint, jedes mal von Neuem auf Richtigstellung zu pochen. Die Medienvertreter*innen sind auch nur zu gerne bereit, zu glauben, was sogenannte Fachleute ihnen einreden. Wir wissen, dass es um Geld geht. Um sehr viel Geld. Die Pharma-Industrie macht Milliardenumsätze mit Psychopharmaka. Wir wissen auch, dass z.B. die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und auch viele ihrer Mitglieder mehr als dankbar sind für die finanziellen Zuwendungen, die sie von der Industrie erhalten. Sehr ärgerlich ist jedoch, dass für die Finanzierung der Propagandakampagnen der DGPPN das Bundesministerium für Gesundheit aufkommt. Und dass sich über 80 Organisationen dafür hergeben diese Kampagnen mit ihrem Namen mitzutragen. Folgende Sätze lesen sich wie ein geschickt formulierter Werbetext, den eine PR-Agentur im Auftrag von Pharma-Unternehmen verfasst haben könnte:

Psychopharmaka wirken aufs Gehirn, aufs Fühlen, Erleben und Handeln. „Doch sie verändern nicht die Persönlichkeit, sondern bekämpfen die Symptome, die bei den Patienten einen hohen Leidensdruck verursachen“, erklärt Dr. Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Sie stellen nicht ruhig, sondern setzen an den biologischen Ursachen der Erkrankung an, indem sie einen Mangel oder Überschuss von bestimmten Botenstoffen im Gehirn (Neurotransmitter) regulieren. Und die meisten Medikamente – allen voran die beiden Hauptgruppen Antidepressiva und Antipsychotika (s. Teil VI) – machen auch nach jahre- oder jahrzehntelanger Einnahme nicht abhängig.

Tatsächlich stammt dieser Text vom „Aktionsbündnis Seelische Gesundheit“, das vor 10 Jahren „von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) gemeinsam mit Open the doors als Partner des internationalen Antistigma-Programms“ initiiert wurde, wie auf der Startseite zu lesen ist. Die Unterseite „fairmedia“ gibt Journalist*innen Empfehlungen, wie „ein angemessenes Bild von Menschen mit psychischen Erkrankungen in den Medien“ entstehen soll. Für die Gestaltung der Seiten ist – wen wundert´s – eine Werbefirma aus Berlin verantwortlich.

Unverantwortlich ist allerdings der Inhalt (nicht nur) dieser hier zitierten Behauptungen. Es ist wahr, dass Psychopharmaka aufs Gehirn, aufs Fühlen, Erleben und Handeln wirken. Die Wirkung beschränkt sich jedoch nicht aufs Gehirn. Je nach Substanz müssen wir mit massiven körperlichen ‚Neben‘-Wirkungen rechnen. Ob Gewichtszunahme, Diabetes, Libidoverlust und Impotenz, Blutbildveränderungen, Herz- und Kreislaufprobleme, Bewegungsstörungen oder gar plötzlicher Tod: die Liste unerwünschter Wirkungen ist lang. Seit Jahren ist bekannt, dass Konsumenten von Neuroleptika bei Langzeiteinnahme mit einer Verkürzung der Lebenserwartung um 25 bis 32 Jahre rechnen müssen. Die Wirkung von Psychopharmaka aufs Gehirn, aufs Fühlen, Erleben und Handeln lässt sich im Einzelfall auch kaum vorhersagen. Immerhin handelt es sich um Stoffe, die die Hirnchemie verändern und dadurch in die Persönlichkeit eingreifen. Jedes Gehirn ist anders, und welche Substanz in welcher Dosierung welche Effekte hat, wird von Person zu Person neu durchprobiert. Die Behauptung, dass die Persönlichkeit unverändert bliebe, trotz erheblicher Veränderung von Erleben, Fühlen und Handeln, lässt sich meines Wissens nicht belegen. Wer jedoch in Fachliteratur und Studien nach persönlichkeitsverändernden Wirkungen sowohl von Antidepressiva als auch insbesondere von Neuroleptika sucht, kann an vielen Stellen fündig werden. Psychopharmaka werden in der Tat eingesetzt um Symptome zu bekämpfen. Wie erfolgreich diese Symptombehandlung im Einzelfall ist, lässt sich nicht vorhersagen. Studien mit Antidepressiva vom Typ SSRI haben zum Beispiel gezeigt, dass diese Mittel sich in der Wirksamkeit kaum von Placebos unterscheiden. Im Gegensatz zu Placebos muss mit einer ausgeprägten Absetzsymptomatik gerechnet werden, wenn die Einnahme dieser Mittel beendet wird. Die These, psychische Ausnahmezustände („Störungen“, „Erkrankungen“) seien auf ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn zurückzuführen, nutzt vor allem denen, die daran verdienen. Weder der Überschuss noch der Mangel an Botenstoffen lässt sich als Ursache von Störungen nachweisen. Bezeichnend ist, dass vor allem jene Behandlungsformen nachhaltige Ergebnisse erzielen, die ohne oder mit möglichst wenig Psychopharmaka-Einsatz auskommen.

Die dreisteste Lüge ist hier jedoch die Behauptung, dass Psychopharmaka nicht abhängig machen.

„Jedes Psychopharmakon kann Entzugssymptome produzieren. Dies geschieht zum Teil, weil das Gehirn sich an das Psychopharmakon anpasst und es in einem abnormal kompensierten Zustand zurückgelassen wird, wenn die Dosis eines Medikaments reduziert wird oder das Medikament abgesetzt wird.“

schreibt der amerikanische Psychiater Peter Breggin. Ist es nicht naheliegend, von Abhängigkeit zu sprechen, wenn wir davon ausgehen müssen, dass beim Absetzen einer Substanz Probleme auftreten, die zuvor nicht vorhanden waren? Die Verharmloser*innen der Psychopharmaka können natürlich einwenden, dass bei einem Großteil der sogenannten Medikamente nicht sämtliche Kriterien der WHO-Definition von „Abhängigkeit“ zutreffen, und dass vor diesem Hintergrund die Behauptung „die meisten Medikamente machen auch nach jahre- oder jahrzehntelanger Einnahme nicht abhängig“ zwar irreführend und missverständlich ist, jedoch nicht als Lüge gewertet werden sollte. Der Vollständigkeit halber sollten wir dann aber auch anfügen, dass die WHO-Definition von Abhängigkeit im Jahre 1987 den Erfordernissen des Marktes angepasst wurde – in Zeiten in denen die Genehmigungsverfahren für die neuen SSRI von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) bearbeitet wurden. Was sollen all diejenigen dazu sagen, die mit ansehen müssen, oder gar am eigenen Leib erleben, welche Probleme das Absetzen von Psychopharmaka auslösen kann und mit welchen Auswirkungen das verbunden ist? Wer warnt verantwortungsvolle Journalist*innen davor, bei dieser Werbekampagne gegen die „Stigmatisierung von Medikamenten“ unhinterfragt abzuschreiben?

Wir müssen lernen, die Behauptungen zu hinterfragen, die uns von denjenigen, die an Behandlung und Hilfe verdienen, als angeblich sachliche Informationen aufgetischt werden. In einer wirklich „fairen“ Diskussion müssen auch die unbequemen Tatsachen offen zur Sprache kommen. Risiken und (Neben-)Wirkungen dürfen nicht weiter verharmlost werden. Mögliche Schäden müssen dem erhofften Nutzen gegenübergestellt werden. Als Patienten und Angehörige, aber auch als interessierte Öffentlichkeit, haben wir das Recht auf ungeschönte Information. Wir haben das Recht auf informierte Entscheidung und wollen die Entscheidungen über unsere Gesundheit, unsere Zukunft und unser Leben nicht nur auf Halbwahrheiten und Werbelügen stützen.

Mehr Informationen zum Thema:

Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Irrenoffensive.de: Zwangspsychiatrie – ein durch Folter aufrecht erhaltenes System

Thomas Szasz: Mythos Geisteskrankheit

Dr. Volkmar Aderhold: Mortalität durch Neuroleptika

Dr. Shaw und Kollegen: Kann die Behandlung von Depressionen mit Antidepressiva zu Persönlichkeitsveränderungen führen?

ADHS: Eine Psycho-Diagnose als Wort-Bild-Marke

NIMH dreht der Psychiatrie den Geldhahn zu

NIMH läßt Unterstützung für DSM-5 fallen

Psychiater im Selbstversuch

Wie Menschen in der Psychiatrie zu Gemüse therapiert werden

Wenn Rüdiger Müller-Isberner sich beleidigt fühlt

Klapsendiktator Müller-Isberner Stop!
Als ärztlicher Direktor der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie im Hessischen Haina trägt Rüdiger Müller-Isberner die Verantwortung für die dort inhaftierten Menschen. Müller-Isberner ist auch Autor des psychiatrischen Lehrbuchs „Praxishandbuch Maßregelvollzug“, welches in vielen Gerichtsverfahren von Juristen zitiert wird. Als Psychiater begutachtet er Menschen. Diese erhalten dann Stempel wie „persönlichkeitsgestört“ oder „schizophren“. Psychiatrische Gutachten sind subjektive Werturteile des expolorierenden Psychiaters über dessen Probanden – mit oft schwerwiegenden Konsequenzen für die Betroffenen wie Zwangseinweisung in eine Psychiatrie inklusive Zwangsbehandlung mit fragwürdigen Medikamenten. Doch Kritik an seiner Person oder seiner Einrichtung duldet er nicht.

2011 warf der Patientenfürsprecher des Landkreises Gießen Hans Fink frustriert das Handtuch. Einem Bericht der Gießener Allgemeinen zur Folge soll Finks Arbeit dadurch behindert worden sein, dass man ihm trotz der Vorlage einer Entbindung von der Schweigepflicht die Einsicht in Patientenakten verweigerte. Einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Januar 2006 zur Folge sei die Einrichtung aber dazu verpflichtet. Die Einrichtung gab gegenüber Vertreter des Kreises zu den Vorwürfen keinerlei Stellung ab. Günther Semmler vom Kreisausschuss für Soziales, Jugend, Frauen, Integration, Gesundheit und Ehrenamt kommentierte dies mit dem Worten

Es ist unakzeptabel, dass Vertreter des Kreises und somit der Öffentlichkeit so abgespeist werden.

Mitunter fällt die Kritik gegen Müller-Isberner und seine Einrichtung auch derber aus. Im Rahmen einer Demonstration auf dem Gelände der Vitos Klinik in Gießen im Juni 2014 wurde er als „Klapsendiktator“ bezeichnet. Nicht selten wird er von seinen Kritikern mit zwielichtigen historischen oder literarischen Figuren verglichen. So forderte im April 2008 Hanswerner K., ein langjähriger Mitarbeiter des Landeswohlfahrtsverbands Hessen in einem Leserbrief an die Frakfurter Rundschau

dass die Richter in Marburg diesen Irrenarzt frankensteinscher Provenienz stoppen

Anstatt dem mit professioneller Distanz zu begegnen und einfach darüber zu stehen, strengte Müller-Isberner ein Gerichtsverfahren wegen Beleidigung gegen Hanswerner K. an. Dieser brachte zu seiner Verteidigung vor, dass Frankenstein ja der Arzt und nicht das Monster sei. Deshalb könne er keine Beleidigung erkennen.

Solch rigeroses Vorgehen gegen seine Kritiker ist bei Müller-Isberner kein Einzelfall. Im Dezember 2015 erhielt Frau Z. einen Strafbefehl wegen Beleidigung und Verleumndung vom Amtsgericht Bad Salzungen. Sie soll 600 Euro bezahlen, weil sie in einem längst gelöschten Blogbeitrag Rüdiger Müller-Isberner als „Drogendealer“ und „Nachfolger von Mengele“ bezeichnet und ihm vorgeworfen hat, er würde in seiner Einrichtung Menschen foltern und quälen, sie zu lebensunfähigen Krüppeln machen und sei herrschsüchtig, machtbesessen und jähzornig.

Dennis Stephan war nach einem Brand in seiner Wohnung als vermeindlich gefährlicher Straftäter vier Monate lang Insasse von Müller-Isberners Anstalt, davon 13 Tage in Isolationshaft. Er berichtete gegenüber der Frankfurter Rundschau, wie er seinerzeit von einem Psychiater begutachtet wurde:

Er hat mich zehn Minuten im Leben gesehen, mich nicht aufgeklärt, und ich habe gesagt, dass ich nicht mit ihm reden will.

Über die Zustände in dieser Einrichtung sagte Stephan

Man wird gequält, die Menschenrechte werden mit Füßen getreten.

Unter dessen berichtet das Presseportal HNA, dass in Müller-Isberners Einrichtung nächstes Jahr 50 Betten wegfielen und eine ganze Station geschlossen werde. Ein geändertes Klima an den Gerichten würde dazu führen, dass Richter weniger dazu tendieren, Rechtsbrecher in einer forensischen Anstalt unterzubringen. Im Rahmen der Verhältnismäßigkeit müssten Rechtsbrecher, die schon sehr lange in einer Forensik einsitzen, entlassen werden – auch dann, wenn die Klinik dies nicht befürworte.

Mehr Informationen zum Thema:

Frankfurter Rundschau: Teufel trifft Frankenstein

Gießener Allgemeine: Patientenfürsprecher hört frustriert auf

Echo: Ein folgenreicher Brief aus der Klinik

Frankfurter Rundschau: Gesetz zum Maßregelvollzug „Ein Gefühl völliger Entmachtung“

HNA: In Hainaer Forensik stehen 50 Betten leer

Demonstration gegen Zwangspsychiatrie in Gießen

Wie Menschen in der Psychiatrie zu Gemüse therapiert werden

Die menschenverachtende Ideologie der Psychiatrie

Ärztliche Holzwege

E-Book Ärztliche Holzwege
Der Diplom-Psychologe Hans-Ulrich Gresch setzt sich schon sein Jahren kritisch mit dem Thema Psychiatrie auseinander. Jetzt hat er ein E-Book mit dem Titel „Holzwege der Psychiatrie“ veröffentlicht.

In dem Buch geht Gresch vor allem der Frage nach der Validität psychiatrischer Diagnostik nach. Welche psychiatrischen Krankheitsbilder gibt es und welche Untersuchungsmethoden wenden Psychiater an? Können Psychiater sogenannte psychisch Kranke von Gesunden sicher unterscheiden? Gibt es in Zeiten von Gehirnscans und DNA-Analyse nicht objektive Untersuchungsmethoden, mit denen man feststellen kann, ob jemand eine psychiatrische Krankheit hat oder nicht? Kann die forensische Psychiatrie die Gefährlichkeit von Straftätern sicher prognostizieren und so die Gesellschaft vor ihnen schützen? Wie kann es sein, dass Homosexualität einst als Geisteskrankheit galt und jetzt nicht mehr?

1968 schickte David Rosenhan im Rahmen eines Experiments gesunde Probanden in zwölf verschiedene psychiatrische Anstalten, um zu sehen, ob die Psychiater in der Lage wären, diese von den „echten“ Kranken zu unterscheiden. Keine der Testpersonen wurde von den Psychiatern als gesund erkannt. Später kündigte Rosenhan an, weitere Pseudopatienten in die Psychiatrien zu schicken. Dies tat er jedoch nicht. Trotzdem waren die dort beschäftigten Psychiater der festen Überzeugung, sie hätten einige von Rosenhans Pseudopatienten entlarvt.

Sogenannte psychische Krankheiten hätten biologische Ursachen, wie z.B. Stoffwechselstörungen im Gehirn – so jedenfalls das Mantra, das man allerorts hört. Doch steht diese Behauptung auf einem soliden, wissenschaftlichen Fundament? Was sagen führende Wissenschaftler, wie Thomas Insel vom NIMH zu diesem Thema?

Die in der Psychiatrie üblichen Behandlungsmethoden sind Anwendung von Zwang, physischer Gewalt, Drohungen und ähnlichen, Erzeugung von extremem, traumatisierendem Stress, Beeinflussung des Nervensystems durch chemische Substanzen, Elektroschocks, sensorische Deprivation, soziale Isolierung und Fesselung. Durch Suggestion soll das Denken und Fühlen beeinflusst werden, um eine Veränderung des Verhaltens und Erlebens zu bewirken. Ist dies nicht Gehirnwäsche in ihrer schwersten Form?

Ferner beleuchtet Gresch das Thema Stigmatisierung: In wie fern führen Psycho-Diagnosen, die er als „strategische Etiketten“ bezeichnet, die sogenannten Betroffenen in Sackgassen?

Wenn das wissenschaftliche Fundament der Psychiatrie fragwürdig ist, ihre Behandlungsmethoden den Betroffenen, sowie der Gesellschaft insgesamt mehr Schaden als Nutzen bringt, warum ändert sich dann nichts? Welche sozialen, politischen und ökonomischen Verflechtungen verhindern einen Wandel?

In vorliegendem E-Book fasst Gresch sehr fundiert und mit vielen Quellenangaben den derzeitigen Stand der Psychiatrie zusammen. Trotz der Tiefe des vermittelten Wissens bleibt der Text halbwegs laienkompatibel. Ein guter Einstiegspunkt für Menschen, die sich zum ersten mal mit dem Thema Psychiatriekritik beschäftigen.

Mehr Informationen zum Thema:

Psychiatrie: Die endgültige Bankrotterklärung einer Pseudowissenschaft?

Evidenzbasierte Psychiatrie – ein Oxymoron

NIMH dreht der Psychiatrie den Geldhahn zu

Gehirnscans – was uns die bunten Bildchen sagen

APA gesteht ein: Psychiatrie ist ein Glaubenssystem

Evidenzbasierte Psychiatrie – ein Oxymoron

Nachdem sich die Medien in letzer Zeit ausführlich mit einigen psychiatrischen Fallbeispielen, wie z.B. Gustl Mollath, Ilona Haslbauer oder Ulvi Kulaç beschäftigt haben, wird auch immer öfter die Psychiatrie selbst mit ihren zweifelhaften Diagnose- und Behandlungsverfahren hinterfragt. Der Laie hatte diesbezüglich bis jetzt bestenfalls Halbwissen. Sogenannte psychische Krankheiten hätten ihre Ursachen in Stoffwechselstörungen im Gehirn wird immer wieder in Zeitschriften behauptet. Sogenannte psychisch Kranke müssten wie Diabetiker lebenslang Medikamente einnehmen, hat man irgendwo gelesen.

So beschäftigte sich auch Katrin Fischer in einem Beitrag für eigentümlich frei mit dem Thema Psychiatrie und stellt dabei fest:

Seit rund 150 Jahren steht die Frage im Raum, ob der Psychiatrie überhaupt die Berechtigung zukommt, als ein Zweig der Medizin anerkannt zu sein. Diese Frage wird nicht nur von „Psychiatriekritikern“ gestellt, sondern kommt auch aus Teilen ihrer eigenen Wissenschaftsgemeinde.

Die Psychiatrie will gerne als Wissenschaft gelten. Aus diesem Grunde muss sie sich auch an wissenschaftlichen Maßstäben messen lassen. In der Medizin wird seit Jahren eine auf empirische Belege gestützte Heilkunde – sogenannte Evidenzbasierte Medizin – angestrebt. Doch damit tut sich die Psychiatrie schwer. Der dänische Arzt Peter Gøtzsche zitiert hierzu in seinem Buch Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität den englischen Psychiater David Healy:

Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Bereich der Medizin, in dem die wissenschaftliche Literatur so sehr den Rohdaten widerspricht.

Die Heidenheimer Zeitung berichtet von einer Konferenz führender Psychiater, die im November diesen Jahres in Heidenheim unter dem Motto „Ist die Psychiatrie noch zu retten?“ stattfand. Große Hoffnungen auf wissenschaftliche Erklärungen für sogenannte psychische Erkrankungen seien enttäuscht worden. Bis heute sehen die Psychiater keine pharmakologischen oder psychotherapeutischen Behandlungsverfahren, die denen von vor 20 Jahren überlegen wären.

In einem Leserbrief an das deutsche Ärzteblatt geht Dr. med. Argeo Bämayr mit seinen Kollegen hart ins Gericht:

Da die Psychiatrie keine exakte Wissenschaft ist, können auch psychiatrische Gutachten keine objektiven Befunde und Diagnosen liefern, sondern nur – und dies ist höchstrichterlich bestätigt (BGH, Az.: VI ZR 140/98) – nur subjektive Werteinschätzungen. Folglich handelt es sich auch bei einer gutachterlichen Feststellung einer Selbstbestimmungs(un)fähigkeit, für die es ebenfalls keine objektiven Messmethoden gibt, zwangsläufig um eine subjektive Werteinschätzung, die der Willkür Tür und Tor öffnet…

Bis zum heutigen Tag kann die Psychiatrie keine objektiven Untersuchungsmethoden vorweisen, mit denen man feststellen könnte, ob ein Proband psychisch krank ist oder nicht und was für eine psychische Krankheit dieser gegebenenfalls hat. Gleichwohl haben die Psychiater Fantasie, wenn es um die Benennung sogenannter psychischer Krankheitsbilder geht. Sehr gerne wird von Psychiatern die „schizophrene Psychose“ diagnostiziert. Zu diesem Krankheitsbild gehören Wahnvorstellungen, die angeblich von Stoffwechselstörungen im Gehirn ausgelöst werden. Kann ein Psychiater bei einem Probanden weder Stoffwechselstörungen im Gehirn, noch Wahnsymptome nachweisen, wird gerne „Dissimulation“ unterstellt. Der Proband würde angeblich seine Krankheit wegsimulieren. Verlässt einen Psychiater einmal seine Fantasie, so kann er sich immernoch des Diagnoseschlüssels F-99 aus dem Diagnosehandbuch ICD-10 – der „Psychische Störung ohne nähere Angabe“ – bedienen.

Potentiell schädliche Behandlungsmethoden auf Grund von zweifelhafter Diagnostik zu verordnen ist die eine Sache. Viel schlimmer jedoch ist, daß mit sogenannten psychiatrischen Gutachten, also auf Grund eines subjektiven Werturteils eines Psychiaters, nicht selten eine vollkommene Entrechtung des Betroffenen einhergeht. Das Spektrum von möglichen Zwangsmaßnahmen geht von Entmündigung (euphemistisch „Betreuung“ genannt) über Zwangseinweisung in eine psychiatrische Anstalt bis hin zu Zwangsbehandlung mit hirnschädigenden Behandlungsmethoden wie Neuroleptika oder Elektroschock. Spätestens seit dem Fall Mollath sollte klar sein: Es kann jeden treffen.

Mehr Informationen zum Thema:

eigentümlich frei: Medizin – Der Willkür Tür und Tor geöffnet

Heidenheimer Zeitung: Psychiatrie – Chefärzte aus ganz Deutschland in Heidenheim

Deutsches Ärzteblatt: Zwangsbehandlung – Subjektive Werteinschätzung

BGH-Richter führt Psychiater anhand obskurer Begutachtungspraktiken vor

Etwas ist faul im Staate Dänemark

Psychiatrie: Die endgültige Bankrotterklärung einer Pseudowissenschaft?

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