Mengeles geistige Erben: Illegale Medikamententests an Schweizer Kindern

Roland Kuhn

Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn gilt als der Entdecker des ersten Antidepressivums. Dafür wurde er vielfach von der Fachwelt geehrt. Kuhn wurde mit den Ehrendoktoraten der Medizin der Universität Basel und der Université catholique de Louvain sowie dem Ehrendoktorat der Philosophie der Universität Sorbonne ausgezeichnet. 1993 ernannte die ehemalige Gemeinde Scherzingen Roland Kuhn zu ihrem Ehrenbürger. 2004 wurde Roland Kuhn die Hans-Prinzhorn-Medaille überreicht.

Wie jetzt bekannt wurde, missbrauchte er bei seinen zweifelhaften Forschungen unschuldige Kinder für illegale Medikamentenversuche. Von 1950 bis in die Mitte der 60er Jahre führte er in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen an über 1600 ahnungslosen Probanden Klinische Psychopharmaka-Tests ohne deren Einwilligung durch. Todesfälle wurden nie untersucht. Die Überlebenden leiden bis heute unter den Folgen.

Walter Emmisberger, eines der Opfer berichtet gegenüber dem Tagesanzeiger:

Ich wurde wie eine Gans mit Tabletten vollgestopft.

Kuhns Praktiken lassen unweigerlich Erinnerungen an den berühmt-berüchtigten deutschen KZ-Arzt Josef Mengele hochkommen.

In einem Interview mit dem Beobachter sagte der deutsche Psychiater Klaus Dörner dazu:

Die Jahrzehnte zuvor waren die Ära des Schocks. Psychisch Kranke wurden mit Elektroschocks oder Insulinschocks behandelt. Weil das aber Methoden aus der Nazizeit waren, herrschte plötzlich eine Euphorie über die neuen Medikamente und deren angebliche Möglichkeiten. […] Den allermeisten Psychiatern waren die neuen ethischen Standards der Helsinki-Deklaration egal. An ­eine Einwilligung in die klinischen Ver­suche dachten viele damals nicht.

Die Helsinki-Deklaration ist ein Übereinkommen des Weltärztebundes zu ethischen Grundsätzen für die medizinische Forschung am Menschen. Sie wurde im Juni 1964 von der 18. Generalversammlung des Weltärztebundes in Helsinki verabschiedet.

In der Helsinki-Deklaration heißt es unter anderem:

Bei der medizinischen Forschung an einwilligungsfähigen Personen muss jede potentielle Versuchsperson angemessen über die Ziele, Methoden, Geldquellen, eventuellen Interessenkonflikte, institutionellen Verbindungen des Forschers, den erwarteten Nutzen und die potentiellen Risiken der Studie, möglicherweise damit verbundene Beschwerden sowie alle anderen relevanten Aspekte der Studie informiert (aufgeklärt) werden. Die potentielle Versuchsperson muss über das Recht informiert (aufgeklärt) werden, die Teilnahme an der Studie zu verweigern oder eine einmal gegebene Einwilligung jederzeit zu widerrufen, ohne dass ihr irgendwelche Nachteile entstehen. Besondere Beachtung soll dem spezifischen Informationsbedarf der individuellen potentiellen Versuchspersonen sowie den für die Übermittlung der Informationen verwendeten Methoden geschenkt werden. Nachdem er sich vergewissert hat, dass die potentielle Versuchsperson diese Informationen verstanden hat, hat der Arzt oder eine andere angemessen qualifizierte Person die freiwillige, Informierte Einwilligung (Einwilligung nach Aufklärung ‐ „informed consent“) der Versuchsperson – vorzugsweise in schriftlicher Form – einzuholen.

Die Helsinki-Deklaration geht zurück auf den Nürnberger Kodex, einer ethischen Richtlinie für Experimente am Menschen, die anlässlich der während der Zeit des Nationalsozialismus im Namen der medizinischen Forschung begangenen Verbrechen verfasst wurde. Im Rahmen des Nürnberger Ärzteprozesses wurden am 20. August 1947 sieben der Angeklagten Ärzte wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode, fünf zu lebenslangen Haftstrafen und vier zu Haftstrafen zwischen 10 und 20 Jahren verurteilt.

Die Schweizer Regierung richtete jetzt einen runden Tisch ein, an dem mit den Opfern der münsterlinger Menschenversuche über eine finanzielle Entschädigung für das erlittene Unrecht verhandelt werden soll. Den Täter wird man nicht mehr zur Verantwortung ziehen können, denn Roland Kuhn ist im Oktober 2005 verstorben.

Skandalös waren die Äußerungen des Thurgauer Regierungsrats Kaspar Schläpfer (FDP Schweiz). In einem Fernsehinterview mit dem Sender Tele Ostschweiz versuchte Schläpfer die menschenverachtenden Praktiken des Psychiaters Roland Kuhn zu rationalisieren. Man müsse auch sehen, was für Wert für die Forschung entstanden sei. Dies sorgte nicht nur bei den Opfern für Empörung.

Mehr Informationen zum Thema:

Beobachter: Psychiatrie – Die Menschenversuche von Münsterlingen

Tagesanzeiger: Ich wurde wie eine Gans mit Tabletten vollgestopft

Beobachter: Psychiatrie – Abgabe von Psychopharmaka ist noch heute teils kriminell

Deklaration von Helsinki

Pflasterritzenflora: Ethik

Focus: Die Menschenversuche der Nazi-Ärzte – Euthanasie – Mord im Namen von Forschung und Rassenlehre

Mengeles Erben

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