Ulvi Kulaç: Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe

Kassel, 13.12.2016. Auf einer Pressekonferenz forderten die Anwälte von Ulvi Kulaç Schadensersatz und Schmerzensgeld in Millionenhöhe. Unter anderem soll der Freistaat Bayern im Rahmen der Amtshaftung, sowie der umstrittne Psychiater Hans-Ludwig Kröber für seine fragwürdigen Gutachten belangt werden. Kröber war auch im Fall Mollath tätig.

Kulaç saß über 13 Jahre für den Mord an Peggy Knobloch in der Psychiatrie Bayreuth ein, bis er im Sommer 2014 im Rahmen eines Wiederaufnahmeverfahrens freigesprochen wurde.

Mehr Informationen zum Thema:

TVO: Fall Peggy: Ulvi Kulac will Schadenersatz fordern

N24: Freigesprochener Ulvi K. fordert Millionen vom Freistaat Bayern

BR: Klage im Fall Peggy – Ulvi Kulac will Millionen vom Freistaat

Kassel Live: Kasseler Anwältin vertritt Ulvi K.

HNA: Fall Peggy: Ulvi K. will mit Kasseler Anwältin um Schadensersatz klagen

Opposition24: Bayern-Justiz unter Druck – Ulvi Kulac fordert Schadenersatz in Millionenhöhe

Bitterlemmer: Wiederaufnahme im Fall #Peggy: Gutachter Kröber in der Zwickmühle

Doktorspiele: Gert Postel beantwortet Fragen aus dem Publikum

Im Anschluß an eine Lesung aus seinem Buch „Doktorspiele“ stellt sich Gert Postel Fragen aus dem Publikum. Wir erfahren etwas über die Motive des Hochstaplers und sein Verhältnis zu psychiatrischen Koryphäen wie Hans-Ludwig Kröber und der ehemaligen, bayrischen Justizministerin Beate Merk, sowie Praktiken aus dem klinischen Alltag einer geschlossenen Psychiatrie, wie z.B. willkürliche Fixierungen und zwangsweise Verabreichung von Haloperidol.

Mehr Informationen zum Thema:

www.gert-postel.de

InFranken.de: Falscher Arzt Postel – „Forensik ist Astrologie“

focus online: Gert Postel – „Das kann auch eine dressierte Ziege“

Doktorspiele: Gert Postel liest in Bayreuth aus seinem Buch

BGH-Richter führt Psychiater anhand obskurer Begutachtungspraktiken vor

Fall Peggy: Wo die Leiche ist weiß nicht einmal der Geier

Peggy Knobloch verpixeltMit einem verpixelten Foto suchte die tz Mitte März 2014 nach der seit dem 7. Mai 2001 verschwundenen, damals neunjährigen Peggy Knobloch aus dem oberfränkischen Lichtenberg. Das Blatt wirft die Frage in den Raum, ob Peggy damals entführt wurde und noch am Leben ist. Unter zweifelhaften Umständen ist Ulvi Kulaç wegen Mordes an Peggy verurteilt worden. Seit dem sitzt er in der Forensik ein. Doch von einer Leiche fehlt bis heute jede Spur. Angeblich soll Kulaç damals ein Geständnis abgelegt haben, als gerade kein Tonband mitlief. Kulaçs Verteidiger Rechtsanwalt Michael Euler wirft der Polizei vor, dieses angebliche Geständnis habe sein Mandant unter Folter, in der Hoffnung daß man dann von ihm ablasse, abgegeben. Aber selbst der damalige Chef der „Soko Peggy II“ Wolfgang Geier weiß nicht, wo die Leiche von Peggy ist. Es gibt nicht einmal einen handfesten Beweis dafür, daß Peggy überhaupt ermordet wurde. Der als Gutachter bestellte Psychiater Hans-Ludwig Kröber hielt jedoch das angebliche, auf dem Gedächtnisprotokoll eines Ermittlers beruhende Geständnis für plausibel. Ein spekulatives, psychiatrisches Gutachten wurde in diesem Fall höher bewertet wie objektiv nachprüfbare Tatsachen und der Rechtsgrundsatz in dubio pro reo ad absurdum geführt. Kröber ist schon im Fall Mollath durch zweifelhafte Gutachten negativ aufgefallen.

Kulac und MollathWährend Kulaç durchgehend als „geistig behindert“, „minderbemittelt“ und „geistig zurückgeblieben“ bezeichnet wird, fragt sich kaum jemand, wie geistig minderbemittelt wohl ein Gutachter sein muß, der die von der Justiz präsentierte Version des vermeintlichen Tathergangs für plausibel hält. Wie geistig umnachtet müssen wohl die Richter gewesen sein, die Kulaç wegen Mordes verurteilt haben? Hätte Kulaç tatsächlich ein Geständnis abgelegt, dann wäre doch auch der Ort bekannt, wo die Leiche von Peggy liegt. Zu dieser einfachen, logischen Schlußfolgerung waren aber offensichtlich weder die Polizei, noch die Justiz und auch nicht der psychiatrische Gutachter fähig.

Einige, die sich mit dem Fall Peggy befasst haben mutmaßen, die Justiz habe in Kulaç ein Bauernopfer gefunden, dem sie leicht einen Mord hätten anhängen können, um die Akten endlich schließen und der Öffentlichkeit einen Schuldigen präsentieren zu können. Angesichts der unterstellten Straftat – einem Sexualdelikt und Mord an einem Kind – klingt dies durchaus nachvollziehbar, weil erfahrungsgemäß in solchen Fällen die Volksseele kocht.

Es wird behauptet, Kulaç hätte sich in der Vergangenheit schon mehrfach vor Kindern entblöst. Jedoch wurde er nicht deswegen, sondern wegen Mordes verurteilt. Je mehr Details aus diesem Fall ans Licht kommen, destomehr ist es die deutsche Justiz, die mit heruntergelassenen Hosen dasteht. Wäre das Verfahren gegen Kulaç nur eine Verfehlung eines Amtsgerichts gewesen, hätten sicher viele vollkommen zu Recht gesagt, daß Polizisten, Richter und Staatsanwälte eben auch nur Menschen sind und Fehler machen. Allerdings ging das Verfahren gegen Kulaç bis zum Bundesgerichtshof, der die Verurteilung wegen Mordes bestätigte. Ob man nun an einen großen Komplott oder eher an die komplette, geistige Umnachtung der deutschen Justiz glauben mag – beide Vorstellungen sind gleichermaßen erschreckend. Jeder könnte der nächste Ulvi Kulaç sein.

Gudrun RödelMenschen mit Zivilcourage wie Gudrun Rödel von der Bürgerinitiative Gerechtigkeit für Ulvi ist es zu verdanken, daß dieser Fall nun neu aufgerollt wird. Die Tatsache, daß erst eine Bürgerinitiative gegründet werden muß, die mittels der Medien die dubiosen Umstände dieses Falles ans Licht bringen mußte, um so durch öffentlichen Druck ein Wiederaufnahmeverfahren zu erwirken, zeigt, daß es in der deutschen Justiz offensichtlich keine wirksamen Kontrollen gibt. Gleichzeitig ermahnt uns dieser Fall einmal mehr, daß wir Freiheit, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit nicht als gegeben hinnehmen können. Wenn wir nicht bereit sind, jeden Tag aufs neue für diese Werte zu kämpfen, laufen wir in Gefahr, sie zu verlieren.

Mehr Informationen zum Thema:

tz: Wurde Peggy entführt und ist am Leben?

Bitterlemmer: Warum sich der Fall Peggy zum Debakel für Psychiatrie-Gutachter Kröber entwickelt

Frankenpost: Die Vernehmung

Hamburger Abendblatt: Verteidigung wirft Ermittlern im Fall Peggy Folter von Ulvi K. vor

nordbayern.de: Peggy-Prozess – Wurde Ulvi Kulac gefoltert?

Spiegel Online: Fall Peggy Knobloch – Das Versagen des Verteidigers von Ulvi K.

Psycho-Gutachter im Kreuzfeuer der Kritik

Podiumsdiskussion: Justizopfer in Bayern

Psycho-Gutachter im Kreuzfeuer der Kritik

psychiatrisches GutachtenBundesweit bekannt gewordene Fälle fragwürdiger, psychiatrischer Begutachtung haben in der Öffentlichkeit erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit psychologischer und psychiatrischer Gutachten aufkommen lassen. Da wurde z.B. hessischen Steuerfahndern ein „querulatorischer Wahn“ attestiert, weil sie in den Augen ihrer Vorgesetzten zu übereifrig ermittelten. Der Münchener Kunsthändler Eberhart Herrmann mußte vor der Psychiatrie ins Ausland fliehen, weil ihm der Psychiater Dr Hans-Jürgen Möller per fremdanamnetischer Ferndiagnose eine Geisteskrankheit attestiert hatte und ihm deshalb eine Zwangseinweisung drohte. Gustl Mollath saß über 7 Jahre in der Forensik ein, weil er angeblich seine Frau geschlagen und Autoreifen zerstochen haben soll, ihn die psychiatrischen Gutachter aber für schuldunfähig erklärten.

Solche Fälle werden von Vertretern der Psycho-Branche gerne als „bedauernswerte Einzelfälle“ abgetan. Doch wer sich die Mühe macht, etwas genauer hinzuschauen, wird schnell feststellen, daß hier etwas grundlegendes im Argen liegt.

Das Ärzteblatt berichtet in seiner aktuellen Ausgabe von einer Studie der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität, die ergeben hat, daß psychologische und psychiatrische Gutachter häufig eine Tendenz vom Gericht signalisiert bekommen. Dies sei bei 45% der psychologischen und 28% der psychiatrischen Gutachtern der Fall.

Angesichts dessen, daß bei 48,8% der befragten Psychologen und 29,2% der befragten Psychiater mehr als die Hälfte der Einnahmen aus Gutachtertätigkeiten stammen, sieht die Studie die Neutralität gefährdet.

Damit bestätigt die Studie das, was die Psychiaterin Dr. Hanna Ziegert im August 2013 bei Beckmann ausgesprochen hat. Damals sagte Ziegert, jeder Gutachter hätte einen Ruf und nach diesem Ruf würde er von der Staatsanwaltschaft und den Richtern gewählt. Je nach dem, welches Ergebnis erreicht werden solle, würde der Gutachter danach ausgewählt. Auch wären viele psychiatrische Gutachter finanziell davon abhängig von den Gerichten und Staatsanwaltschaften Aufträge zu bekommen, da dies ihr einziges Einkommen sei. Deshalb würden solche Gutachter darauf achten, nicht in Ungnade zu fallen.

Für sogenannte psychische Krankheiten gibt es keinerlei objektive Tests. Es gibt kein Bluttest, Hirnscan oder der gleichen, anhand dem man festmachen könnte, ob ein Proband psychisch krank ist oder nicht und welche psychische Krankheit er gegebenenfalls hat. Das Ergebnis einer psychologischen oder psychiatrischen Begutachtung hängt rein von der subjektiven Meinung des explorierenden Psychologen oder Psychiaters ab. Häufig führen Psychologen und Psychiater nicht ein mal ein Anamnesegespräch mit dem vermeindlichen Patienten, sondern übernehmen Dinge, die Dritte über diesen behaupten ungeprüft in ihre Gutachten. Diese Vorgehensweise wird im Jargon Fremdanamnese genannt.

toter Lachs im fMRTZu was dann bildgebende Verfahren in der forensischen Psychiatrie gut sind, erklärte der Psychiater Hans-Ludwig Kröber von der Berliner Charité am Rande eines Workshops mit Titel „Gefährliche Gehirne„: „Erstens, zum Einwerben von Drittmitteln, zweitens, zur Erhöhung des Impact Factors“.
Mit anderen Worten: Die forensische Psychiatrie bedient sich bildgebender Verfahren, um die Scharlatanerie, die sie feilbietet, wie echte Wissenschaft aussehen zu lassen.
Der Neuropsychologe Craig Bennett von der Universität von Kalifornien in Santa Barbara erhielt den Ig-Nobelpreis für ein Experiment, bei dem er einen toten Lachs in ein fMRT schob. Als er dem toten Tier Aufgaben stellte, zeigte das Gerät Hirnaktivität an.

Kritik an der gängigen Praxis der Psycho-Diagnostik kommt auch aus den eigenen Reihen. Thomas Insel, Direktor des National Institute of Mental Health (NIMH) bezeichnete in einem Blogbeitrag mit dem Titel Transforming Diagnosis die im DSM aufgeführten, psychiatrischen Krankheitsbilder als nicht valide. Im Gegensatz zu den Definitionen von ischämischer Herzkrankheit, Lymphom oder AIDS würden die Krankheitsbilder des DSM auf einem Konsens zu Clustern der klinischen Symptome basieren und nicht auf etwas, was man objektiv im Labor messen könne. Sein Institut hat die Unterstützung für die 5. Auflage des DSM wegen dessen Unwissenschaftlichkeit fallen gelassen.

Das DSM (auch bekannt als die Bibel der Psychiatrie) ist ein von der American Psychiatric Association (APA) herausgegebenes, psychiatrisches Diagnosehandbuch. Die darin enthaltenen Krankheitsbilder werden jedoch nicht, wie bei körperlichen Krankheiten entdeckt. Bei jeder Revision des Buchs treffen sich Vertreter der APA und stimmen darüber ab, welches Verhalten nun als psychisch Krank pathologisiert werden soll und welches nicht. Das DSM dient auch als Referenz für das Kapitel F des in Europa gebräuchlichen, von der WHO herausgegebenen Diagnosehandbuchs ICD. Dort finden wir dann z.B. unter dem Diagnoseschlüssel ICD-10 F99 die Psychische Störung ohne nähere Angabe. Mit solchen schwammigen Krankheitsbildern können Psychologen und Psychiater wirklich jeden nach belieben pathologisieren.

Das wäre alles noch nicht so schlimm, wenn nicht psychologische oder psychiatrische Gutachten, wie z.B. im Fall Mollath über das Schicksal eines Menschen entscheiden würden. Mollath saß über 7 Jahre in der Forensik ein, weil ihn Psychiater für geisteskrank und gemeingefährlich erklärt hatten. Dabei hatte er noch Glück, denn er wurde nicht wie viele seiner Leidensgenossen mit persönlichkeitsverändernden Psychopharmaka, Elektroschocks oder Psychochirurgie zwangsbehandelt. Für solche Praktiken hat Diplom-Psychologe Dr Rudolf Sponsel nur noch Hohn übrig:

Wenn forensische PsychiaterInnen in verhältnisblödsinniger Manier sich anmaßen, ohne persönliche Untersuchung, ohne Exploration und ohne entsprechende Datengrundlage „Gutachten“ über Menschen zu verfassen, die dann für Jahre oder Jahrzehnte auf dieser okkulten Basis des Nichts im Maßregelvollzug verschwinden, so müssen sie offensichtlich über geheime und verborgene Erkenntnisquellen verfügen. […] Es wäre sehr wünschenswert, wenn die DGPPN einmal erklären würde, wie man mit ihrem Zertifikat solche okkulten Fähigkeiten erwerben kann: Gutachten auf der Basis des informativen Nichts.

Der Diplom-Psychologe Dr Hans-Ulrich Gresch meint deshalb

Psychiater haben vor Gericht nichts zu suchen. Es sei denn als Angeklagte

Mehr Informationen zum Thema:

Deutsches Ärzteblatt: Medizinische Gutachten- Nicht selten geben Gerichte Tendenz vor

Süddeutsche Zeitung: Die Befangenen – Gutachter bei Gericht urteilen häufig im Sinne der Richter

Telepolis: Kritische Gutachterin kaltgestellt – falsche innere Grundhaltung zur bayerischen Justiz

Süddeutsche Zeitung: Bizarres Gutachten „Ich sehe, dass Sie geisteskrank sind“

Pflasterritzenflora: Gute und schlechte Gutachten

SciLogs: Gefährliche Gehirne – ein Phänomen des Zeitgeists

Süddeutsche Zeitung: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Gerichtsgutachter

Psychiatrie: Die endgültige Bankrotterklärung einer Pseudowissenschaft?

Ex-Polizist Dirk Lauer über seine fragwürdige psychiatrische Begutachtung

Gutachten des Wahnsinns

Der Mollath-Hype und seine Folgen: Wird Bayern bald merkbefreit?

Wer wird früher entlassen?
Es vergeht kaum mehr ein Tag, an dem wir nicht etwas neues über Gustl Mollath, den berühmtesten deutschen Forensikinsassen hören. Auf diversen Internetseiten und in den sozialen Kanälen wie Twitter und Facebook erfahren wir ständig neues rund um die Entwicklung seines Kampfes gegen seine Psychiatrisierung. Dank einem nicht müde werdenden Unterstützerkreis kommen auch die Mainstream-Massenmedien nicht mehr am Thema Gustl Mollath vorbei.

Bisheriger Höhepunkt dieses Medienhypes war der Auftritt von Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) in der Fernsehsendung „Report Mainz“. Im Rahmen eines Interviews zum Fall Mollath wurde sie beim Lügen ertappt. Die Hypo Vereinsbank hatte eine interne Untersuchung angestellt, die die Vorwürfe von Schwarzgeldgeschäften, die Mollath als Zeichen seines angeblichen Wahns angelastet wurden, bestätigten. Dieser Bericht lag einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zur Folge auch dem Bayrischen Justizministerium vor. Doch Justizministerin Merk bleibt weiterhin dabei, daß diese internen Untersuchungen der Bank eben gerade nicht die Vorwürfe des Herrn Mollath bestätigt hätten. Merk hat sich ihre Meinung im Fall Mollath offensichtlich schon gebildet. Tatsachen interessieren sie nicht. Durch ihr Verhalten macht sich Frau Merk selbst zur Zielscheibe des multimedialen Shitstorms. Und der schießt in Zeiten von Web 2.0 gnadenlos 24/7 aus allen Rohren. Das gibt auch den Freien Wählern, die schon lange Merks Rücktritt fordern, weiteren Rückenwind. Spötter sagen gar, Frau Merk bräuchte einmal Urlaub – am besten dort, wo Mollath sich seit nunmehr 7 Jahren befindet.

Unter dessen tobt ein regelrechter Gutachterkrieg. Während die einen Psychiater, wie z.B. Hans-Ludwig Kröber, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Charité, Mollath per fremdanamnetischer Ferndiagnose eine gefährliche, psychische Krankheit unterstellen, die sich unter anderem in einem Wahnsystem von angeblichen Schwarzgeldverschiebungen ausdrücken soll, bescheinigen von Mollath selbst bzw. seinen Unterstützern beauftragte Experten ihm beste geistige Gesundheit. Unter den Gutachtern, die Mollath nicht für psychisch krank halten ist auch Dr. med. Friedrich Weinberger von der Walter-von-Baeyer-Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie e.V..

Weinberger versucht dabei das Kunststück, im Falle Mollath zu beweisen, daß sein Proband nicht psychisch Krank wäre, seine Kollegen sich geirrt oder ihn gar mutwillig pathologisiert hätten, um einen lästigen Querulanten los zu werden. Gleichzeitig möchte er aber nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und die psychiatrische Diagnostik im allgemeinen hinterfragen.

Die psychiatrische Lehrmeinung propagiert, daß sogenannte psychische Krankheiten ihre Ursachen in biologischen Defekten, wie z.B. Stoffwechselstörungen im Gehirn oder anatomische Hirnanomalien hätten. So weit bekannt ist, wurde nichts von dem bei Gustl Mollath festgestellt. Genau wie bei zigtausenden anderen, psychiatrisch diagnostizierten auch nicht. Dennoch gilt in der Psychiatrie der Grundsatz, daß die Tatsache, daß bei einem Probanden keine solche Störung objektiv nachgewiesen wurde, dies nicht bedeutet, daß dieser nicht vielleicht doch psychisch krank ist. Also kann im Umkehrschluß auch kein Psychiater nach dieser Logik beweisen, daß ein Proband nicht psychisch krank ist. Aber genau das versucht Weinberger im Fall Mollath.

Die Vertreter der Antipsychiatriebewegung führen schon lange an, daß es keine psychiatrischen Krankheiten im Sinne eines medizinisch-biologischen Problems geben würde. Alle psychiatrischen Diagnosen seien nur abwertende, subjektive Werturteile auf Grundlage von Verhaltensbeobachtungen und üblen Unterstellungen. Psychiatrie sei eine Institution zur sozialen Kontrolle, die sich als medizinische Disziplin tarnt. Menschen, die stören, würden dort entsorgt.

Weinberger greift in einer Stellungnahme zum neuen Zwangsbehandlungsgesetz die Antipsychiatriebewegung, das deutsche Institut für Menschenrechte und die Psychiatrieerfahrenenverbände wie den Bundesverband Psychiatrieerfahrener e.V. (BPE) und die Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrieerfahrener (die BPE) scharf an. Die Betroffenenverbände kämpfen schon seit Jahrzehnten für ein Verbot psychiatrischer Zwangsbehandlung, die sie als Folter bezeichnen. Weinberger ist der Meinung, auch Zwangs­psych­iatrie sein in ein­zelnen Fällen notwendig. Dazu führt er Beispiele mit, wie es im Jargon heißt, Eigen- oder Fremdgefährdung an.

Doch auch Mollath wird fremdagressives Verhalten unterstellt. Er soll seine Frau angegriffen und Autoreifen zerstochen haben. Die Vorwürfe sind strittig. Aber ohne psychiatrische Diagnose würde Mollath selbst dann, wenn er deswegen strafrechtlich verurteilt worden wäre – wenn überhaupt – niemals so lange einsitzen. Nun sitzt er, dank psychiatrischer Diagnose, schon sein 7 Jahren in der Forensik ein.

Mollath selbst sieht sich nicht als psychisch krank. Psychiater nennen dies im Jargon Krankheitsuneinsichtigkeit. Genau für solche, angeblich krankheitsuneinsichtigen Zeitgenossen sind die neuen Gesetze zur Legalisierung psychiatrischer Zwangsbehandlung aber gemacht. Psychiatrische Diagnosen, die über solch schwerwiegenden Grundrechtseingriffe entscheiden sollen, sind aber stets subjektive Werturteile. Es gibt keine objektiven Verfahren, keine Gehirnscans, Bluttests oder der gleichen, mit denen man das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von sogenannten psychischen Krankheiten objektiv nachweisen kann. Mit anderen Worten: Jeder, der in die Mühlen der Psychiatrie gerät, ist der psychiatrischen Willkür ausgeliefert.

Oft reicht es, daß von mißliebigen Mitmenschen absurde Unterstellungen über den sogenannten Betroffenen an einen Psychiater herangetragen werden, damit dieser dann zwangseingewiesen und zwangsbehandelt oder eine Entmündigung angeordnet wird. Das nennt sich dann Fremdanamnese. Zwangsmaßnahmen müssen zur Wahrung des rechtsstaatlichen Anscheins noch von einem Richter abgenickt werden. Aber der ist bekanntlich nur Schreibgehilfe des Psychiaters. Der Münchener Kunsthändler Eberhart Herrmann konnte sich gerade noch rechtzeitig ins Ausland absetzen, um einer drohenden Zwangseinweisung zu entgehen. Seine Ehefrau hatte ihn bei dem Psychiater Hans-Jürgen Möller denunziert. Möller erklärte Herrmann dann per fremdanamnetischer Ferndiagnose für verrückt und stellte ein entsprechendes Attest aus.

Gustl Mollath hatte noch Glück im Unglück: Im Gegensatz zu vielen Leidensgenossen wurde er, so weit bekannt ist, nicht mit persönlichkeitszerstörenden psychiatrischen Drogen und Elektroschocks zwangsbehandelt. Hätte man ihn wie viele andere zwangsweise mit Neuroleptika vollgepumpt, wäre er jetzt in Folge der sogenannten Nebenwirkungen dieser Drogen nur noch ein sabberndes Wrack.

Der Medienrummel um Gustl Mollath hat auch dazu beigetragen, daß das Tabuthema Zwangspsychiatrie zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen wird. Der Psychiatriekritiker Dr. Hans-Ulrich Gresch schrieb in Anlehnung an die Schriften von Carlos Castaneda in seinem Blog Pflasterritzenflora, der Montagepunkt habe sich verschoben. Gemeint hat er damit die veränderte, öffentliche Wahrnehmung der Psychiatrie nach dem Mollath-Hype. Auch der sprichwörtliche Ottonormalverbraucher wird jetzt eher bereit sein, die Meinungen von psychiatrischen Experten zu hinterfragen. Dies ist auch dringend notwendig, denn Gustl Mollath ist kein „bedauernswerter Einzelfall“. Zigtausenden, die in die Mühlen von Psychiatrie und Justiz geraten, ergeht es dort noch wesentlich übler. Mollath hatte im Gegensatz zu vielen anderen das Glück, Unterstützer zu finden, die bereit sind, sich für seine Rechte einzusetzen.

www.gustl-for-help.de

ARD Mediathek: Das komplette Interview mit der bayerischen Justizministerin Beate Merk

Süddeutsche Zeitung: Justizministerin im Fall Mollath unter Druck „Dem Job nicht gewachsen“

Süddeutsche Zeitung: Psychiater im Fall Mollath – Gutachten von Berlin aus

jetzt.de: Psychiatrie – Entsorgungsapparat der modernen Gesellschaft

GEP: Zum neuen Zwangsbehandlungsgesetz und dem umgebenden Stimmengewirr

Pflasterritzenflora: Mollath

Die dunklen Seiten von Justiz und Psychiatrie

Kritik an psychiatrischer Zwangsbehandlung

Pflasterritzenflora: Verschiebung des Montagepunkts

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