Gigantischer Abrechnungsbetrug: Krankenkassen und Ärzte machen Menschen kränker als sie sind

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Kritiker behaupten schon lange, dass es im deutschen Gesundheitswesen weniger um Heilung, sondern viel mehr um die möglichst gewinnbringende Vermarktung von Krankheiten ginge. Nun scheint der Chef einer der größten deutschen Krankenkassen diese Behauptung zu bestätigen.

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sagte der Vorstandsvorsitzende der Techniker-Krankenkasse Jens Baas:

Es ist ein Wettbewerb zwischen den Kassen darüber entstanden, wer es schafft, die Ärzte dazu zu bringen, für die Patienten möglichst viele Diagnosen zu dokumentieren. Dann gibt es mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich, der hohe und teure Gesundheitsrisiken unter den einzelnen Kassen ausgleichen soll. Aus einem leichten Bluthochdruck wird ein schwerer. Aus einer depressiven Stimmung eine echte Depression, das bringt 1000 Euro mehr im Jahr pro Fall.

Wie dieser Betrug funktioniert, erklärt Baas:

Die Kassen bezahlen zum Beispiel Prämien von zehn Euro je Fall für Ärzte, wenn sie den Patienten auf dem Papier kränker machen. Sie bitten dabei um „Optimierung“ der Codierung. Manche Kassen besuchen die Ärzte dazu persönlich, manche rufen an. Und es gibt Verträge mit Ärztevereinigungen, die mehr und schwerwiegendere Diagnosen zum Ziel haben. Zudem lassen sich die Kassen in diese Richtung beraten. Dafür fallen Honorare an. Für all das haben die Kassen seit 2014 eine Milliarde Euro ausgegeben.

Wenn sich die Behauptungen von Baas bewahrheiten sollten, dann haben wir es nicht nur mit „Schummeleien“, sondern mit einem ausgewachsenen System von gewerbsmäßigen und bandenmäßigen Betrug zu tun.

Laut Zeit Online werfen auch die kommunalen Krankenhäuser den gesetzlichen Krankenkassen systematischen Abrechnungsbetrug vor und verlangen umgehende Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz habe ebenfalls Strafanzeige gegen verschiedene Krankenkassen bei der Staatsanwaltschaft Hamburg gestellt. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zur Folge sei auch das Bundesversicherungsamt alarmiert. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte das von Baas geschilderte Schema eine „Anleitung für eine Straftat“.

Systematischer Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen geht uns alle an. Dem Arbeitnehmer werden die Versicherungsbeiträge vom Lohn abgezogen – ob er will oder nicht. Der Arbeitgeber muss für jeden Arbeitnehmer ebenfalls einen Anteil draufzahlen. Betrug verhindert hier niedrigere Beiträge.

Durch Abrechnungsbetrug wird aber nicht nur der Versicherte finanziell geprellt, sondern es können auch Patienten massiven Schaden erleiden, wie Gesundheitsexperte David Matusiewicz im Focus erläutert:

Die Versicherten können einen echten Schaden davontragen. Dies könnte der Fall sein, wenn jemand aufgrund einer Müdigkeit und Kopfschmerz zum Arzt geht und dieser die Symptome – womöglich noch ohne Wissen des Patienten – als (lukrativere) leichte Depression (F-Diagnose) kodiert.

Das kann zum Problem werden, wenn der Versicherte Jahre später eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließt und in der Selbstauskunft keine Angaben zu dieser Vorerkrankung macht – da er es de facto auch nicht weiß. Kommt es nun zum Leistungsfall und die Versicherung prüft die Krankenakten, zahlt sie wegen der nicht gemeldeten Vorerkrankung womöglich nicht.

Und das ist nur ein Beispiel, wie der Versicherte durch Up-coding geschädigt werden könnte. Auch könnte eine fehlerhafte Krankheitshistorie sich negativ auf den weiteren Verlauf der Behandlung bei anderen Ärzten auswirken, da hier eine falsche Aktenlage zu Grunde liegt.

Matusiewicz erwähnt dabei nicht: Absichtlich falsche Diagnosen können auch dazu führen, dass Ärzte potentiell schädliche Behandlungsmethoden anwenden, die den Patienten dann nicht nur auf dem Papier kränker machen. So können skrupellose Ärzte beispielsweise aus reiner Profitgier zu den lukrativen F-Schlüsseln greifen, Antidepressiva oder Neuroleptika verordnen und dabei eine Schädigung ihrer Patienten billigend in Kauf nehmen.

Was das deutsche Gesundheitssystem so attraktiv für Betrüger macht, erklärt der Berliner Rechtsanwalt Sascha Kugler auf der Homepage seiner Kanzlei:

Der Gesundheitsmarkt in Deutschland setzt jährlich ca. 280 Mrd. € um. Allein in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind es ca. 170 Mrd. €. Ein solcher Markt ist anfällig für Korruption, Betrug und Missbrauch.

Dabei liegt das Problem nicht nur in der Versuchung, sondern auch im gegenwärtigen Abrechnungssystem. Der Arzt erbringt seine Leistung und stellt diese zunächst ohne Fremdkontrolle selbst in Rechnung. Dabei ordnet er seine Leistung der entsprechenden EBM-Ziffer der Gebührenordnung eigenständig zu.

Dieses komplexe und unübersichtliche System ist kaum überschaubar, weshalb Abrechnungsfehler aufgrund von Fehlern oder Irrtümern nahezu unvermeidlich sind. Gleichzeitig wird an dieser Stelle das Tor zur bewusst fehlerhaften Abrechnung weit aufgestoßen.

Mehr Informationen zum Thema:

F.A.S. exklusiv: „Wir Krankenkassen schummeln ständig“

Zeit Online: Kliniken werfen Krankenkassen Betrug vor

Focus: Manipulierte Krankenakten: Geldgier der Kassen hat gefährliche Folgen für Patienten

Süddeutsche Zeitung: Abrechnungsbetrug der Krankenkassen alarmiert Aufsichtsamt

manager-magazin.de: Abrechnungsbetrug verhindert niedrigere Kassenbeträge

Huffington Post: Betrug im Gesundheitssystem – Mit diesen Methoden werden die Krankenversicherten ausgebeutet

Der Tagesspiegel: So korrupt ist unser Gesundheitswesen

Peter Gøtzsche: Vortrag zu Übermedikalisierung und Überdosierung

Am 11. Februar 2015 hielt Peter Gøtzsche einen Vortrag zum Thema Überdiagnostizierung und Übermedikalisierung in Melbourne. Gøtzsche arbeitete als Wissenschaftler in der Pharmaindustrie und hat sich so viel Insiderwissen angeeignet. Sein Buch Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität ist absolut lesenswert.

Gleich am Anfang seines Vortrags stellt er klar:

Die meisten Patienten haben von ihrem Psychiater gehört, dass sie unter einem chemischen Ungleichgewicht leiden und dass sie ein Medikament bekommen, dass dieses chemische Ungleichgewicht korrigiert. Das ist falsch. Es konnte noch nie nachgewiesen werden, dass es in Sachen gestörte Hirnfunktionen einen Unterschied zwischen psychiatrischen Patienten und normalen Leuten gibt. Stephen Hyman, der ehemalige Direktor des National Institute of Mental Health und viele andere Leute, die darüber bescheid wissen bestätigen, was diese Medikamente tatsächlich machen: Sie erzeugen tatsächlich das, was man ein chemisches Ungleichgewicht nennen könnte. Das ist der einzige Grund, warum sie eingesetzt werden. Sie erzeugen Störungen in Neurotransmitterfunktionen. Als Reaktion nimmt das Gehirn dann eine Reihe von Anpassungen vor, um dies auszugleichen.

Der Langzeitkonsum von Psychopharmaka erzeugt substantielle und langandauernde Veränderungen in neuralen Funktionen. Dies ist der Hinweis, dass sie ein chemisches Ungleichgeicht erzeugen. Und es gibt tatsächlich Befunde die darauf hinweisen, dass diese Veränderungen langandauernd oder vielleicht sogar dauerhaft sein können. Dies bestätigt fast jede Studie. Es scheint so, dass die meisten Psychopharmaka wahrscheinlich langanhaltende oder bleibende Gehirnschäden erzeugen. Davon hört man nicht allzuviel. Aber dies ist eine traurige Tatsache. Das Gehirn ist ein sehr empfindliches Organ. Und man kann das Gehirn nicht ohne Konsequenzen stören.

Die Tatsache, dass die Zahl der diagnostizierten Fälle von Depression in den letzten Jahren explosionsartig gestiegen ist, führt Gøtzsche darauf zurück, dass die Kriterien für diese Diagnose herabgesetzt wurde. Schuld daran seien vor allem amerikanische Psychiater, die von der Pharmaindustrie finanziert würden. Je mehr Menschen als depressiv bezeichnet werden, desto mehr gibt es zu verdienen. Das klassische Beispiel sei ein Junge, der von einem Mädchen verlassen wird und sich lausig fühlt. Er kann nicht schlafen, er isst nicht viel. Und schon sind die Kriterien für eine Depression erfüllt. Es sei kompletter Unsinn, wie diese Diagnosen von der gegenwärtigen Psychiatrie benutzt würden. Wenn man diese offiziele Art, wie in der Psychiatrie diagnostiziert wird, auf gesunde Menschen anwenden würde, wie es Gøtzsche getan hat, würde niemand ohne mindestens eine psychiatrische Diagnose davonkommen. Gøtzsche nennt nur drei: Manie, ADHS oder Depression. Wir alle hätten mindestens eine dieser Diagnosen. Und wir alle würden für verrückt erklärt.

Die Inflation der psychiatrischen Diagnostik macht Gøtzsche an Hand der Kriterien für Depression, wie sie im Diagnosehandbuch DSM (auch als die Bibel der Psychiatrie bekannt) genannt werden fest: Während im DSM III aus dem Jahre 1980 jemand noch 2 Jahre um den Verlust seines Ehepartners trauern konnte, bevor er die Kriterien für eine Depresion erfüllte, waren es im DSM IV, welches im Jahr 1994 erschien, nurnoch 2 Monate. In der aktuellen Ausgabe, dem DSM V aus dem Jahre 2013 waren es nur noch 2 Wochen. Gøtzsche ist der Meinung, dass Psychiater den Hals nicht voll bekommen können. Er fragt sich warum gewöhnliche Lebensumstände zur psychiatrischen Diagnose erklärt werden sollen. Das sei falsch. Durch Psychopharmaka würden akute Zustände chronifiziert werden. Auf diese Weise würden mehr Konsumenten erzeugt.

Auch an der Wirksamkeint von Psychopharmaka hat Gøtzsche erhebliche Zweifel. Placebokontrollierte Studien der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zeigen, dass über 40% der Probanden bei Depressionen auf Placebo reagierten. Das wird im Jargon Spontanremission genannt. Der französiche Philosph Volaire drückte das mit den Worten aus:

Die Natur heilt, aber der Arzt nimmt das Geld.

Manche Patienten sagen, diese Antidepressiva hätten ihr Leben gerettet. Gøtzsche sagt, sie hätten Glück gehabt, dass sie dadurch nicht gestorben sind, denn tatsächlich würden diese Medikamente bei manchen Menschen dazu führen, dass sie sowohl Suizid als auch Mord begehen. Er glaubt auch nicht, dass Antidepressiva dazu beitragen können, Beziehungen zu retten, denn sie verursachen bei der Hälfte der Konsumenten sexuelle Störungen.

Diese Psychopharmaka machen abhängig. Beim Absetzen können ernsthafte Entzugserscheinungen auftreten. Deshalb sollten sie langsam ausgeschlichen werden. Wenn man Antidepressiva schlagartig absetzt, kann man depressiv werden. Aber das ist keine echte Depression, sondern eine medikamenteninduzierte Entzugsdepression. Doch die meisten Psychiater würden die Entzugserscheinungen als Symptome der Krankheit interpretieren, so Gøtzsche. Deshalb würden sie in manchen Fällen diese Medikamente ihren Patienten lebenslang verschreiben. Das chemische Ungleichgewicht sei ein Schwindel, der von Ärzten dazu benutzt würde, ihre Patienten davon abzuhalten, ihre Medikamente abzusetzen.

Sie sagen sogar, es sei wie einem Diabetiker Insulin zu geben. Sie würden doch nicht aufhören, einem Diabetiker Insulin zu geben, oder? Ein Psychiatrie-Professor fragte mich dies. Und ich antwortete ihm, das sei nicht das selbe. Patienten mit Diabetes haben einen Insulinmangel. Patienten mit einer Depression mangelt es nicht an Antidepressiva. Wenn Sie sich traurig sind und dann Alkohol trinken, um sich besser zu fühlen, ist das nicht, weil Ihr Gehirn einen Alkoholmangel hatte.

Den Arzneimittelbehörden, die für die Zulassung von Medikamenten zuständig sind, traut Gøtzsche ebensowenig. Sie würden eher die Pharmaindustrie, als die Patienten schützen. So hätte die FDA bei einer Studie über Antidepressiva nur die Suizide berücksichtigt, die innerhalb von 24 Stunden nach dem Absetzen des Medikaments aufgetreten sind.

Wenn man einen kalten Entzug von Antidepressiva macht, was am Ende solcher Versuche der Fall ist, erzeugt man dadurch Entzugserscheinungen. Eines dieser Symptome ist extreme Ruhelosigkeit, die als „ich möchte aus meiner Haut springen“ beschrieben werden. Dies treibt die Menschen zu Suizid und Mord.

Viele dieser Suizide würden als etwas anderes deklariert. Dabei würden für solche Versuche Probanden mit einem besonders niedrigen Suizidrisiko ausgewählt. Die Vorgehensweise bei klinischen Versuchen zu Psychopharmaka sei fast immer die selbe:

Man nimmt Patienten, die schon in Behandlung sind, z.B. wegen Depression oder Schizophrenie. Dann hat man eine Absetzphase von ein bis zwei Wochen, wo sie wo sie nichts oder ein Placebo bekommen. Dann randomisiert man. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass man jetzt Schäden in der Placebogruppe einführt, weil sich einige der Entzugserscheinungen nicht in der ersten Woche der Absetzphase zeigen. Diese zeigen sich erst später. Und das kann Depression oder Psychose sein, wenn es sich um ein Antipsychotikum handelt. Und dann sieht das Medikament viel besser aus, als es ist.

Eine Studie des Pharmakonzerns Pfizer, bei dem Probanden 30 Tage nach dem Absetzen beobachtet wurden hatte ergeben, dass das Suizidrisiko durch das Medikament Zoloft um 50% gesteigert wurde. Britische Wissenschaftler, die Zugriff auf Daten hatten, die auch Vorfälle mit einbezogen, die nach mehr als 24 Stunden auftraten, haben sogar ein verdoppeltes Suizidrisiko in allen Altersgruppen festgestellt. Der britische Psychiater David Healy, der sich an einigen Klagen in den USA beteiligte, hatte Zugriff auf unveröffentlichte Daten der Pharmakonzerne. Er berichtete, dass alle großen Firmen, wie GlaxoSmithKline, Eli Lilly und Pfizer Ergebnisse von Studien manipulierten. Wenn jemand im Rahmen einer Studie nach dem Absetzen des Medikaments suizidal wurde, hätten sie diesen Probanden im Nachhinein einfach der Placebogruppe zugeordnet, um so die Statistik zu ihren Gunsten zu verfälschen.

Im Rahmen seines Vortrags zitiert Gøtzsche auch eine australische Psychiaterin, die verschiedene Fälle von Unverträglichkeit von Antidepressiva untersucht hat. Bei diesen forensischen Fällen handelt es sich um Menschen, die auf Grund einer Genmutation das ihnen verabreichte Antidepressivum nicht metabolisieren konnten. Einer 35-jährige Frau, die wegen des Alkoholismus ihres Ehemanns besort war, wurde mit dem Antidepressivum Nortriptylin behandelt. Nach 3 Tagen tötete sie ihre minderjährige Tochter im toxischen Delirium. Ein 18-jähriger Mann, der mit Fluoxetin behandelt wurde, weil seine Schwester nach einem Autounfall ins Koma gefallen war, entwickelte eine Akathisie. 4 Tage, nachdem seine Medikamente zu Ende gegangen waren, tötete er seinen Vater. Ein 35-jähriger Mann, der unter der On-Off-Beziehungen mit der Mutter seines Kindes litt, wurde mit Paroxetin behandelt. 11 Wochen später stach er über 30 mal auf seine Partnerin ein, nachdem er durch das Medikament eine Akathisie entwickelte. Ein 46-jähriger Mann, der ebenfalls unter Paroxetin gesetzt wurde, weil er Angst hatte, nicht genug Geld zu verdienen, um den Lebensunterhalt seiner Familie sichern zu können, entwickelte manische Phasen und Akathisie. 42 Tage später, nachdem seine Dosis vor 20 Tagen erhöht wurde, tötete er seinen Sohn im Delirium.

Über die Behandlung von sogenannten Psychosen mit Neuroleptika berichtet Gøtzsche, was Insidern schon lange bekannt ist: Wissenschaftliche Langzeitstudien bestätigen, dass diejenigen, die ihre Medikamente absetzen, ein besseres Outcome haben, als diejenigen, die sie weiterhin einnehmen. Daraus zieht Gøtzsche den Schluss:

Wir müssen Patienten von diesen Medikamenten weg bekommen und nicht für immer weitermachen. Denn das ist der Hauptgrund, warum wir so viele behinderte Patienten erzeugt haben, nachdem wir anfingen so viele antipsychotischen Medikamente zu verwenden, wie wir es tun. Die heilen überhaupt nichts. Die machen Dinge nur noch schlimmer.

Zum Thema ADHS sagt Gøtzsche folgendes:

Es gibt Giraffen in Afrika. Ich habe sie gesehen. Sie existieren. AHDS existiert nicht wie eine Giraffe. Es ist nur ein Name. Wir haben Kinder, die schwiriger sind als andere, mehr aufgeweckt. Und dann haben wir Leute, die zu ruhig sind. Denken sie an die Körpergröße von Menschen. Wir können nicht alle gleich groß sein. Es gibt einige Leute, die klein sind, manche sind groß. Nehmen wir die Großen und sagen „Wir geben Dir jetzt eine Diagnose. Du hast eine Krankheit. Du brauchst eine Behandlung.“? Das ist genau das, was Leute mit ADHS gemacht haben: Sie haben die Kinder genommen, die nicht in der Mitte sind. Und dann sagen sie Du hast ADHS.

Viele Eltern lieben das, weil es ihnen eine Pseudo-Erklärung gibt. Der kleine Klaus benimmt sich so, weil er ADHS hat. Ok. Das kann man nicht machen, weil das ein Zirkelschluss ist. Es ist eine Tautologie. Man kann nicht erst sagen wir haben ihn! Er verhält sich so. Wir geben diesem Verhalten einen Namen. Jetzt erklärt der Name das Verhalten. Können Sie erkennen, wie dumm das ist? Ich denke schon.

Mehr Informationen zum Thema:

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Der Neurobiologe Gerald Hüther, einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands, der sich insbesondere mit der Entwicklung von Kindern befasst, wurde zum Enfant terrible der Pharma-Marketing Branche. 2013 sagte er zur besten Sendezeit im ZDF Heutejournal, dass ADHS – im Volksmund auch „Zappelphilipp-Syndrom“ genannt – garkeine Gehirnstörung sei. Auf die Frage, warum immer mehr Kinder – vor allem Jungen – diese Diagnose zu haben scheinen, antwortete er

Das ist bequem für alle Beteiligten. Die Eltern sind froh, dass es ein genetisches – angeblich genetisches – Defizit ist, was die Kinder haben. Die Ärzte sind froh, dass sie mit so einer einfachen Pille alles heilen können. Die Lehrer sind froh, dass endlich sie nicht dafür verantwortlich sind. Und am Ende: Die Pharmaindustrie ist auch froh, dass sie damit so viel Geld verdient.

Kritiker werfen der Pharmaindustrie Krankheitserfindung – im angelsächsischen Sprachraum auch als Disease-Mongering bekannt – vor. Die FAZ zitierte im Jahre 2012 die Direktorin der Kinderklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité Ulrike Lehmkuhl, die behauptet, 90 Prozent aller ADHS-Diagnosen seien falsch. Der Direktor des Nordic Cochrane Centers Professor Peter Gøtzsche wirft in seinem Buch Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität der Pharmaindustrie aggressive Verkaufsstrategien vor. Hoffmann-La Roche sei der größte Drogenhändler. Spätestens, als der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg und Erfinder des Krankheitsbilds ADHS kurz vor seinem Tod dem deutschen Medizinjournalisten Jörg Blech gestand, dass ADHS ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung sei, wurden viele skeptisch.

Das Pharma-Marketing Fachblatt Pharma Relations hält in Ausgabe 8/2015 dagegen:

Eine erfundene Krankheit, erziehungsunfähige Eltern, dazu die Pharmaindustrie, die Kinder mit Tabletten ruhig stellt – das hat wohl jeder schon gelesen, auch in so genannten Qualitätsmedien. ADHS ist ein Thema, bei dem oft viel Meinung mit wenig Wissen eine ungute Allianz eingeht. Manche Mythen sind scheinbar nicht aus der Welt zu schaffen, während es an konkreter Unterstützung für die Betroffenen mangelt.

Unabhängig davon, ob AHDS in Form einer realen Stoffwechselstörung im Gehirn existiert oder nicht, floriert der Markt für Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Unter den Handelsnamen Ritalin oder Medikinet wird diese Substanz vor allem Kindern verschrieben. Einem Arztreport der Barmer GEK aus dem Jahre 2013 zur Folge stieg die Zahl diagnostizierter Fälle zwischen 2006 und 2011 um 42 Prozent. In der Altersgruppe der unter 19-jährigen erhielten demnach 2011 in Deutschland 472.000 Jungen und 149.000 Mädchen die Diagnose ADHS.

Doch längst haben auch Erwachsene das Amphetamin-Derivat für sich entdeckt. Vor allem im Darknet – dem Tummelplatz für Cyberkriminelle – hat sich ein veritabler Schwarzmarkt dafür etabliert. Dort bieten einschlägig bekannte Händler wie z.B. OxyWhite verschreibungspflichtige Medikamente in selbsternannten „Lifestyle-Apotheken“ zum illegalen Kauf an. Über seine Kundschaft berichtet er im Interview mit der Online-Plattform Motherboard:

Es gibt große Unterschiede zwischen meinen Kunden: Möchte ich Medikamente, um an Wochenenden „high“ zu werden oder brauche ich diese, um meine Schmerzen aufgrund einer Erkrankung/Unfall zu lindern? Letzteres kann ich ehrlich gesagt nicht verstehen. Natürlich freue ich mich eigentlich, wenn ich etwas verkaufen kann. Allerdings würde ich persönlich niemals zu einem Online-Händler gehen um an Medikamente zu gelangen was ich ohnehin bei meinem Arzt aufgrund meiner Erkrankung verschrieben bekommen kann.

Auf diesen Trend hat auch die Pharmaindustrie reagiert. Zielgruppenerweiterung heißt das Zauberwort. So bietet das deutsch Familienunternehmen Medice unter dem Handelsnamen Medikinet adult ein speziell auf Erwachsene zugeschnittenes Methylphenidat-Präperat an. Wenn eine Subsanz in Form eines verschreibungspflichtigen Medikaments legal über die Ladentheke einer Apotheke gehen soll, bedarf es dazu eines ärztlichen Rezepts. Und der Arzt wiederum benötigt – damit er es mit der Krankenkasse abrechnen kann – einen Diagnoseschlüssel. Im Falle von ADHS einen Schlüssel aus dem Kapitel F des Diagnosehandbuchs ICD – dem Kapitel für psychische Störungen.

Mit Hilfe der Frankfurter Werbeagentur Wefra wurde eine Kampagne zur Vermarktung von ADHS bei Erwachsenen gestartet. Ziel dieser Kampagne soll es sein, ADHS bei Erwachsenen als Wort-Bild-Marke zu etablieren. Im Ausgabe 5/2014 des Pharma-Marketing Fachblatts Pharma Relations heißt es dazu:

Komplexe Aufgaben, spezielle Marktsituationen und außergewöhnliche Zielgruppen erfordern Fachkommunikation mit Feingefühl. Nur mit Gespür für die vielfältigen Zusammenhänge lassen sich auch unter schwierigen Bedingungen Ziele sicher erreichen und Marken wertsteigernd positionieren und weiterentwickeln.

Unter Verwendung von Patientenratgebern mit Beispielen auf DVD, klassischen Image-Broschüren und Filmen bis hin zu Psychoedukationsprogrammen soll so die neue Marke „Gemeinsam ADHS begegnen“ geschaffen werden.

Mehr Informationen zum Thema:

Beichte auf dem Sterbebett: ADHS gibt es garnicht!

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Deutsche Apotheker Zeitung: Methylphenidat gegen ADHS – Ein „Goldesel“ für die Pharmaindustrie

Peter Gøtzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität – Die Verbrechen der Pharmaindustrie

Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiertProfessor Peter Gøtzsche ist Direktor des Nordic Cochrane Centers, einem Institut, welches sich mit der Erstellung, Aktualisierung und Verbreitung systematischer Übersichtsarbeiten zur Bewertung von Therapien beschäftigt.

Im Rahmen seiner Arbeit erhielt er tiefe Einblicke in das Gesundheitssystem – ein System, dem er unwissenschaftliches, korruptes und kriminelles Verhalten attestiert. Der Pharmaindustrie wirft Gøtzsche aggressive Verkaufsstrategien vor. Klinische Studien seien getarntes Marketing. Das Geschäftsmodell der Pharmaindustrie sei organisierte Krimminalität und Hoffmann-La Roche der größte Drogenhändler.

Seine Erkenntnise fasste er in seinem Buch Deadly Medicines and Organised Crime zusammen. Unter dem Titel Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität: Wie die Pharmaindustrie unser Gesundheitswesen korrumpiert erschien dieses Buch nun auch in deutscher Sprache im Riva Verlag.

Die Psychiatrie bezeichnet Gøtzsche als das Paradies der Pharmaindustrie. Das Kapitel zu diesem Thema leitet er mit einem Zitat des englischen Psychiaters David Healy ein:

Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Bereich der Medizin, in dem die wissenschaftliche Literatur so sehr den Rohdaten widerspricht.

Noch deutlicher wird die ehemalige Psychiatriepatientin Judi Chamberlin, die er ebenfalls an dieser Stelle zitiert:

Die Entscheidung darüber, ob Geisteskrankheiten existieren, alleine den Psychiatern zu überlassen, ist so, wie die Entscheidung über den Wert der Astrologie dem Berufsastrologen zu überlassen… Menschen stellen die grundlegende Prämissen ihres Berufs kaum in Frage, weil für sie oft eine Menge Geld und Emotionen auf dem Spiel stehen.

Gøtzsche, der den Großteil seines Berufslebens damit verbracht hat, die Qualität der klinischen Forschung zu bewerten, kam zur Erkenntnis, daß diese in der Psychiatrie besonders schlecht sei. Die von der Industrie finanzierten Studien würden selektiv veröffentlicht.

Gøtzsche zweifelt auch diverse, nicht empirisch gesicherte psychiatrische Krankheitsbilder des DSM, wie z.B. die prämenstruelle dysphorische Störung an, die er in seinem Buch als Nicht-Krankheiten bezeichnet. Hilft es den Menschen, abgestempelt zu werden? Obwohl das DSM hunderte von Diagnosen enthält, würden nur die Hälft der behandleten Menschen die diagnostischen Kriterien für eine Störung erfüllen.

Auch von üblen Nebenwirkungen weiß Gøtzsche zu berichten. Eine rosarote Glückspille aus dem Hause Eli Lilly verursacht als Nebenwirkung Libidoverlust und Impotenz. Antidepressiva treiben vor allem Kinder in den Selbstmord.

Mehr Informationen zum Thema:

riva: Peter Gøtzsche – Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität – Wie die Pharmaindustrie das Gesundheitswesen korrumpiert

Huffington Post: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität – Die Verbrechen der Pharmaindustrie

Stichwort Bayer: Interview mit Prof. Peter Gøtzsche

Der Tagesspiegel: So korrupt ist unser Gesundheitswesen

Der Spiegel: Seelsorge für die Industrie

Etwas ist faul im Staate Dänemark

‚Koo Koo‘ – Magazin für Psychiatriekritik (Sendung vom 23. Oktober 2014)

Radio Deyeckland 102.3 mhz
In der Sendung vom vierten Oktober-Donnerstag hören wir Ausschnitte aus einem Gespräch mit Jörg Blech, Autor des Buches „DIE PSYCHOFALLE – Wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht“.

Gegen Ende gibt es dann noch eine Hörprobe aus der CD „Höhenflug ins Bodenlose“ von Ute Leuner.

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Mehr Informationen zum Thema:

freie-radios.net – ‚Koo Koo‘ – Magazin für Psychiatriekritik (Sendung vom 23. Oktober 2014)

Noch normal oder schon gestört? Wie uns Ärzte krank machen

Zeit Online: Heute noch normal, morgen schon verrückt

Etwas ist faul im Staate Dänemark

Psychiatrie: Die endgültige Bankrotterklärung einer Pseudowissenschaft?

Gustl Mollath: Wir sind alle von Psychiatrisierung bedroht

Gustl Mollath warnt auf einer Veranstaltung in Bayreuth vor der Psychiatrie:

Bisher konnte ein Bürger, vielleicht Lieschen Müller, in Deutschland glauben, sowas passiert mir nicht. Das sind ja relativ seltene Einzelfälle, die hier erscheinen und auftreten. So ist es leider Gottes nicht. Jeder Einzelfall ist schlimm genug und dürfte nicht passieren dieser Unglaublichkeiten. Und mittlerweile ist die ganze, angeblich zivilisierte Welt von Psychiatrisierung bedroht.

Dazu zitiert er aus dem Buch „Normal“ des Psychiaters Allen Frances. Frances, der bereits an dem psychiatrischen Diagnosehandbuch DSM IV mitgearbeitet hatte, kritisiert darin anlässlich des Erscheinens des DSM V die inflationäre Verwendung psychiatrischer Krankheitsbegriffe und die damit verbundene Überdiagnostik und Übertherapie.

Mehr Informationen zum Thema:

Diagnose-Wahnsinn – Ein Psychiater warnt vor den Auswüchsen der Psychiatrie

Psychiatrieopfer – Mythos Einzelfall

NIMH läßt Unterstützung für DSM-5 fallen

Frankenpost: Jeder kann der nächste Mollath sein

Spiegel Online: „Normal“ von Allen Frances – Beichte eines Psychiater-Papstes

Eva Schwenk: Fehldiagnose Rechtsstaat – Die ungezählten Psychiatrieopfer

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