Peter Gøtzsche: Vortrag zu Übermedikalisierung und Überdosierung

Am 11. Februar 2015 hielt Peter Gøtzsche einen Vortrag zum Thema Überdiagnostizierung und Übermedikalisierung in Melbourne. Gøtzsche arbeitete als Wissenschaftler in der Pharmaindustrie und hat sich so viel Insiderwissen angeeignet. Sein Buch Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität ist absolut lesenswert.

Gleich am Anfang seines Vortrags stellt er klar:

Die meisten Patienten haben von ihrem Psychiater gehört, dass sie unter einem chemischen Ungleichgewicht leiden und dass sie ein Medikament bekommen, dass dieses chemische Ungleichgewicht korrigiert. Das ist falsch. Es konnte noch nie nachgewiesen werden, dass es in Sachen gestörte Hirnfunktionen einen Unterschied zwischen psychiatrischen Patienten und normalen Leuten gibt. Stephen Hyman, der ehemalige Direktor des National Institute of Mental Health und viele andere Leute, die darüber bescheid wissen bestätigen, was diese Medikamente tatsächlich machen: Sie erzeugen tatsächlich das, was man ein chemisches Ungleichgewicht nennen könnte. Das ist der einzige Grund, warum sie eingesetzt werden. Sie erzeugen Störungen in Neurotransmitterfunktionen. Als Reaktion nimmt das Gehirn dann eine Reihe von Anpassungen vor, um dies auszugleichen.

Der Langzeitkonsum von Psychopharmaka erzeugt substantielle und langandauernde Veränderungen in neuralen Funktionen. Dies ist der Hinweis, dass sie ein chemisches Ungleichgeicht erzeugen. Und es gibt tatsächlich Befunde die darauf hinweisen, dass diese Veränderungen langandauernd oder vielleicht sogar dauerhaft sein können. Dies bestätigt fast jede Studie. Es scheint so, dass die meisten Psychopharmaka wahrscheinlich langanhaltende oder bleibende Gehirnschäden erzeugen. Davon hört man nicht allzuviel. Aber dies ist eine traurige Tatsache. Das Gehirn ist ein sehr empfindliches Organ. Und man kann das Gehirn nicht ohne Konsequenzen stören.

Die Tatsache, dass die Zahl der diagnostizierten Fälle von Depression in den letzten Jahren explosionsartig gestiegen ist, führt Gøtzsche darauf zurück, dass die Kriterien für diese Diagnose herabgesetzt wurde. Schuld daran seien vor allem amerikanische Psychiater, die von der Pharmaindustrie finanziert würden. Je mehr Menschen als depressiv bezeichnet werden, desto mehr gibt es zu verdienen. Das klassische Beispiel sei ein Junge, der von einem Mädchen verlassen wird und sich lausig fühlt. Er kann nicht schlafen, er isst nicht viel. Und schon sind die Kriterien für eine Depression erfüllt. Es sei kompletter Unsinn, wie diese Diagnosen von der gegenwärtigen Psychiatrie benutzt würden. Wenn man diese offiziele Art, wie in der Psychiatrie diagnostiziert wird, auf gesunde Menschen anwenden würde, wie es Gøtzsche getan hat, würde niemand ohne mindestens eine psychiatrische Diagnose davonkommen. Gøtzsche nennt nur drei: Manie, ADHS oder Depression. Wir alle hätten mindestens eine dieser Diagnosen. Und wir alle würden für verrückt erklärt.

Die Inflation der psychiatrischen Diagnostik macht Gøtzsche an Hand der Kriterien für Depression, wie sie im Diagnosehandbuch DSM (auch als die Bibel der Psychiatrie bekannt) genannt werden fest: Während im DSM III aus dem Jahre 1980 jemand noch 2 Jahre um den Verlust seines Ehepartners trauern konnte, bevor er die Kriterien für eine Depresion erfüllte, waren es im DSM IV, welches im Jahr 1994 erschien, nurnoch 2 Monate. In der aktuellen Ausgabe, dem DSM V aus dem Jahre 2013 waren es nur noch 2 Wochen. Gøtzsche ist der Meinung, dass Psychiater den Hals nicht voll bekommen können. Er fragt sich warum gewöhnliche Lebensumstände zur psychiatrischen Diagnose erklärt werden sollen. Das sei falsch. Durch Psychopharmaka würden akute Zustände chronifiziert werden. Auf diese Weise würden mehr Konsumenten erzeugt.

Auch an der Wirksamkeint von Psychopharmaka hat Gøtzsche erhebliche Zweifel. Placebokontrollierte Studien der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zeigen, dass über 40% der Probanden bei Depressionen auf Placebo reagierten. Das wird im Jargon Spontanremission genannt. Der französiche Philosph Volaire drückte das mit den Worten aus:

Die Natur heilt, aber der Arzt nimmt das Geld.

Manche Patienten sagen, diese Antidepressiva hätten ihr Leben gerettet. Gøtzsche sagt, sie hätten Glück gehabt, dass sie dadurch nicht gestorben sind, denn tatsächlich würden diese Medikamente bei manchen Menschen dazu führen, dass sie sowohl Suizid als auch Mord begehen. Er glaubt auch nicht, dass Antidepressiva dazu beitragen können, Beziehungen zu retten, denn sie verursachen bei der Hälfte der Konsumenten sexuelle Störungen.

Diese Psychopharmaka machen abhängig. Beim Absetzen können ernsthafte Entzugserscheinungen auftreten. Deshalb sollten sie langsam ausgeschlichen werden. Wenn man Antidepressiva schlagartig absetzt, kann man depressiv werden. Aber das ist keine echte Depression, sondern eine medikamenteninduzierte Entzugsdepression. Doch die meisten Psychiater würden die Entzugserscheinungen als Symptome der Krankheit interpretieren, so Gøtzsche. Deshalb würden sie in manchen Fällen diese Medikamente ihren Patienten lebenslang verschreiben. Das chemische Ungleichgewicht sei ein Schwindel, der von Ärzten dazu benutzt würde, ihre Patienten davon abzuhalten, ihre Medikamente abzusetzen.

Sie sagen sogar, es sei wie einem Diabetiker Insulin zu geben. Sie würden doch nicht aufhören, einem Diabetiker Insulin zu geben, oder? Ein Psychiatrie-Professor fragte mich dies. Und ich antwortete ihm, das sei nicht das selbe. Patienten mit Diabetes haben einen Insulinmangel. Patienten mit einer Depression mangelt es nicht an Antidepressiva. Wenn Sie sich traurig sind und dann Alkohol trinken, um sich besser zu fühlen, ist das nicht, weil Ihr Gehirn einen Alkoholmangel hatte.

Den Arzneimittelbehörden, die für die Zulassung von Medikamenten zuständig sind, traut Gøtzsche ebensowenig. Sie würden eher die Pharmaindustrie, als die Patienten schützen. So hätte die FDA bei einer Studie über Antidepressiva nur die Suizide berücksichtigt, die innerhalb von 24 Stunden nach dem Absetzen des Medikaments aufgetreten sind.

Wenn man einen kalten Entzug von Antidepressiva macht, was am Ende solcher Versuche der Fall ist, erzeugt man dadurch Entzugserscheinungen. Eines dieser Symptome ist extreme Ruhelosigkeit, die als „ich möchte aus meiner Haut springen“ beschrieben werden. Dies treibt die Menschen zu Suizid und Mord.

Viele dieser Suizide würden als etwas anderes deklariert. Dabei würden für solche Versuche Probanden mit einem besonders niedrigen Suizidrisiko ausgewählt. Die Vorgehensweise bei klinischen Versuchen zu Psychopharmaka sei fast immer die selbe:

Man nimmt Patienten, die schon in Behandlung sind, z.B. wegen Depression oder Schizophrenie. Dann hat man eine Absetzphase von ein bis zwei Wochen, wo sie wo sie nichts oder ein Placebo bekommen. Dann randomisiert man. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass man jetzt Schäden in der Placebogruppe einführt, weil sich einige der Entzugserscheinungen nicht in der ersten Woche der Absetzphase zeigen. Diese zeigen sich erst später. Und das kann Depression oder Psychose sein, wenn es sich um ein Antipsychotikum handelt. Und dann sieht das Medikament viel besser aus, als es ist.

Eine Studie des Pharmakonzerns Pfizer, bei dem Probanden 30 Tage nach dem Absetzen beobachtet wurden hatte ergeben, dass das Suizidrisiko durch das Medikament Zoloft um 50% gesteigert wurde. Britische Wissenschaftler, die Zugriff auf Daten hatten, die auch Vorfälle mit einbezogen, die nach mehr als 24 Stunden auftraten, haben sogar ein verdoppeltes Suizidrisiko in allen Altersgruppen festgestellt. Der britische Psychiater David Healy, der sich an einigen Klagen in den USA beteiligte, hatte Zugriff auf unveröffentlichte Daten der Pharmakonzerne. Er berichtete, dass alle großen Firmen, wie GlaxoSmithKline, Eli Lilly und Pfizer Ergebnisse von Studien manipulierten. Wenn jemand im Rahmen einer Studie nach dem Absetzen des Medikaments suizidal wurde, hätten sie diesen Probanden im Nachhinein einfach der Placebogruppe zugeordnet, um so die Statistik zu ihren Gunsten zu verfälschen.

Im Rahmen seines Vortrags zitiert Gøtzsche auch eine australische Psychiaterin, die verschiedene Fälle von Unverträglichkeit von Antidepressiva untersucht hat. Bei diesen forensischen Fällen handelt es sich um Menschen, die auf Grund einer Genmutation das ihnen verabreichte Antidepressivum nicht metabolisieren konnten. Einer 35-jährige Frau, die wegen des Alkoholismus ihres Ehemanns besort war, wurde mit dem Antidepressivum Nortriptylin behandelt. Nach 3 Tagen tötete sie ihre minderjährige Tochter im toxischen Delirium. Ein 18-jähriger Mann, der mit Fluoxetin behandelt wurde, weil seine Schwester nach einem Autounfall ins Koma gefallen war, entwickelte eine Akathisie. 4 Tage, nachdem seine Medikamente zu Ende gegangen waren, tötete er seinen Vater. Ein 35-jähriger Mann, der unter der On-Off-Beziehungen mit der Mutter seines Kindes litt, wurde mit Paroxetin behandelt. 11 Wochen später stach er über 30 mal auf seine Partnerin ein, nachdem er durch das Medikament eine Akathisie entwickelte. Ein 46-jähriger Mann, der ebenfalls unter Paroxetin gesetzt wurde, weil er Angst hatte, nicht genug Geld zu verdienen, um den Lebensunterhalt seiner Familie sichern zu können, entwickelte manische Phasen und Akathisie. 42 Tage später, nachdem seine Dosis vor 20 Tagen erhöht wurde, tötete er seinen Sohn im Delirium.

Über die Behandlung von sogenannten Psychosen mit Neuroleptika berichtet Gøtzsche, was Insidern schon lange bekannt ist: Wissenschaftliche Langzeitstudien bestätigen, dass diejenigen, die ihre Medikamente absetzen, ein besseres Outcome haben, als diejenigen, die sie weiterhin einnehmen. Daraus zieht Gøtzsche den Schluss:

Wir müssen Patienten von diesen Medikamenten weg bekommen und nicht für immer weitermachen. Denn das ist der Hauptgrund, warum wir so viele behinderte Patienten erzeugt haben, nachdem wir anfingen so viele antipsychotischen Medikamente zu verwenden, wie wir es tun. Die heilen überhaupt nichts. Die machen Dinge nur noch schlimmer.

Zum Thema ADHS sagt Gøtzsche folgendes:

Es gibt Giraffen in Afrika. Ich habe sie gesehen. Sie existieren. AHDS existiert nicht wie eine Giraffe. Es ist nur ein Name. Wir haben Kinder, die schwiriger sind als andere, mehr aufgeweckt. Und dann haben wir Leute, die zu ruhig sind. Denken sie an die Körpergröße von Menschen. Wir können nicht alle gleich groß sein. Es gibt einige Leute, die klein sind, manche sind groß. Nehmen wir die Großen und sagen „Wir geben Dir jetzt eine Diagnose. Du hast eine Krankheit. Du brauchst eine Behandlung.“? Das ist genau das, was Leute mit ADHS gemacht haben: Sie haben die Kinder genommen, die nicht in der Mitte sind. Und dann sagen sie Du hast ADHS.

Viele Eltern lieben das, weil es ihnen eine Pseudo-Erklärung gibt. Der kleine Klaus benimmt sich so, weil er ADHS hat. Ok. Das kann man nicht machen, weil das ein Zirkelschluss ist. Es ist eine Tautologie. Man kann nicht erst sagen wir haben ihn! Er verhält sich so. Wir geben diesem Verhalten einen Namen. Jetzt erklärt der Name das Verhalten. Können Sie erkennen, wie dumm das ist? Ich denke schon.

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Die Psychiatrie-Überlebende Daniela berichtet von ihrem Martyrium in der Psychiatrie. Mit der Diagnose einer „Wochenbettdepression“ nach der Geburt ihrer Tochter begann eine Psychiatrie-Karriere. Daniela wurde mit Antidepressiva, Elektroschocks, Fixierungen, Isolation und zweifelhaften Verhaltenstherapien „behandelt“. Dies führte dazu, dass sie sich selbst verletzte und Suizidgedanken entwickelte.

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Sind Depressive potentielle Massenmörder?

Am 24. März 2015 zerschellte ein Airbus A320 der Fluggesellschaft Germanwings auf seinem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in einem Bergmassiv in den südfranzösischen Seealpen. Alle 150 Insassen starben bei diesem Unglück.

In letzter Zeit hatte es immer wieder technische Probleme mit Airbus-Flugzeugen gegeben, die beinahe zu Katastrophen geführt hätten. So hatten im November 2014 vereiste Strömungsdrucksensoren bei einem Airbus A321 dem Bordcomputer falsche Daten geliefert, was diesen dazu veranlasste, automatisch den Sinkflug einzuleiten, um einen vermeindlichen Strömungsabriss abzufangen. Nur durch Eingreifen der Besatzung konnte die Katastrophe abgewendet werden.

Am 19. Dezember 2010 stürzte in Köln ein Airbus A319 beinahe ab, weil giftige Gase ins Cockpit eingedrungen waren und die Piloten fast bewußtlos gemacht hätten. Um die Kabine mit Frischluft zu versorgen, wird bei modernen Verkehrsflugzeugen Luft von den Triebwerken abgezweigt und ins Innere des Flugzeugs geleitet. Dies kann jedoch dazu führen, dass Öl aus den Triebwerk in die Kabinenluft gerät. Das Problem ist seit längerer Zeit bekannt.

Der Flugschreiber des Unglücksflugs 4U9525 ist noch nicht geborgen, als bekannt wird, dass der Copilot Andreas Lubitz in psychiatrischer Behandlung war. Angeblich sei er depressiv gewesen. Schnell hat sich die Boulevardpresse auf Lubitz als Verursacher der Katastrophe eingeschossen. Er habe die Maschine in suizidaler Absicht in den Berg geflogen und dabei 149 andere Menschen mit in den Tod gerissen. Dazu habe er den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt, als dieser auf die Toilette ging. Mögliche technische Ursachen für das Unglück rücken in den Hintergrund.

Schnell sind auch Psycho-Experten mit ihrer Kaffeesatzleserei zur Stelle. Florian Holsboer war 25 Jahre lang Chef des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. Heute ist Holsboer Geschäftsführer der HolsboerMaschmeyer NeuroChemie GmbH, die sich der Entwicklung von Medikamente gegen Depression und Angsterkrankung verschrieben hat. In einem Interview mit der Zeitschrift Bunte spekuliert er über den Gesundheitszustand des Copiloten der Unglücksmaschine:

Das war nicht die Tat eines akut schwer depressiven Menschen, das halte ich für ausgeschlossen. Ein akut schwer depressiver Mensch braucht allein eine Stunde, um seine Uniform zuzuknöpfen. Der ist lahm gelegt – und kann nach außen unmöglich unauffällig sein. Offensichtlich ist dem Piloten überhaupt nichts aufgefallen. Das ist bei einer akuten schweren Depression nicht vorstellbar. Er kann maximal mittelgradig depressiv gewesen sein – was aber für die Tat keine Rolle gespielt hat.

Per postumer, fremdanamnetischer Ferndiagnose wagt es Holsboer dem Copiloten eine „Psychose mit Wahnideen“ zu attestieren. Der Chemiker und Psychiater, der mit seiner Firma Gentests und Biomarker für psychische Erkrankungen entwickeln will, weiß über die Willkürlichkeit psychiatrischer Diagnostik zu berichten:

Was wissen wir über Andreas L. gesichert? Er war vor sechs Jahren angeblich wegen Depressionen in Behandlung. Ob es wirklich Depressionen waren, wissen wir nicht. Diagnosen in der Psychiatrie sind beliebig, weil sie keine objektiven Laborergebnisse enthalten. Man hat kein Röntgenbild, keine Blutwerte, es sind auf verbaler Kommunikation basierende Einschätzungen. Diagnosekriterien ändern sich alle zehn Jahre. Ich halte es auch für möglich, dass es eine Gefälligkeitsdiagnose war, um dem jungen Mann nicht die Zukunft als Pilot zu verbauen. Oder es war schlicht eine Fehldiagnose. Oder wirklich eine Depression – doch jetzt muss er eben eine ganz andere psychische Störung gehabt haben.

Die Angst vor gefährlichen Irren rief sofort Politiker auf den Plan, die eine Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht fordern. Der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer forderte eine Lockerung der Schweigepflicht für sensible Berufe. Der Rheinischen Post sagte er:

Piloten müssen zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden. Diese Ärzte müssen gegenüber dem Arbeitgeber und dem Luftfahrtbundesamt von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden sein.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach meinte in der „Bild“-Zeitung, dass der Arzt verpflichtet sei, den Arbeitgeber über die Arbeitsunfähigkeit des Mitarbeiters zu informieren. Dies gelte ganz besonders im Fall psychischer Erkrankungen und einer möglichen Selbstmordgefahr.

Dieses Klima der Angst führt nun dazu, dass Menschen, die so naiv waren, einem Psychologen oder Psychiater ihr Leid zu klagen und den Stempel Depression aufgedrückt bekamen, als potentielle Massenmörder stigmatisiert und entrechtet werden. Dabei sind psychiatrische Diagnosen – wie auch Holsboer offen zugibt – beliebig und ohne jede wissenschaftliche Grundlage. Sie sind stets ein subjektives Werturteil des untersuchenden Psychiaters über seinen Probanden.

Sind solche Psycho-Diagnosen einmal in den Akten, können sie einem Menschen lebenslang zum Nachteil werden. Lauterbach, der jetzt die Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht fordert, warnte in einem Interview mit der TAZ im Jahr 2010 noch:

Die Akten laufen durchs gesamte System.

So ein System würde zum Betrug einladen. Aus Abrechnungsgründen könnte zum Beispiel ein Arzt aus einer psychischen Krise eine Schizophrenie machen. Je kränker der Patient ist, umso mehr kann der Arzt abrechnen.

Während es für sogenannte psychische Krankheiten keine wissenschafliche Grundlagen gibt, deuten zahlreiche wissenschaftliche Studien auf erhöhtes Suizidrisiko durch Antidepressiva hin. Das Arznei-Telegramm berichtete bereits im Jahr 2005, dass sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) wie Paroxetin (SEROXAT u.a.) Selbsttötungstendenzen verstärken könnten. SSRI würden im Vergleich zu Plazebo die Häufigkeit von Ängstlichkeit und Aggressivität – Eigenschaften, die die Suizidneigung fördern können – verdoppeln. In den USA sind 47 Fälle von Flugzeugabstürzen dokumentiert, bei denen der Pilot unter dem Einfluss von Antidepressiva stand.

Mehr Informationen zum Thema:

Bunte: Airbus-Absturz – „Er muss eine Psychose gehabt haben“

Psychiatriekritik: Florian Holsboer über Andreas Lubitz – Das Mirakel psychiatrischer Diagnostik

aerzteblatt.de: Germanwings-Pilot – Ärzte attestierten weder Suizidalität noch Fremdaggressivität

Zeit online: Wer depressiv ist, will anderen kein Leid antun

Ärztezeitung: Politiker fordern Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht

FAZ: Flug 4U9525 Germanwings-Absturz entfacht Diskussion um Schweigepflicht

Gefährliche Glückspillen

Arznei-Telegramm: Antidepressiva – Lebensgefährliche Placebos?

Pilots Crashing on Antidepressants: A (Not So) Brief History

Gustl Mollath: Wir sind alle von Psychiatrisierung bedroht

Gustl Mollath warnt auf einer Veranstaltung in Bayreuth vor der Psychiatrie:

Bisher konnte ein Bürger, vielleicht Lieschen Müller, in Deutschland glauben, sowas passiert mir nicht. Das sind ja relativ seltene Einzelfälle, die hier erscheinen und auftreten. So ist es leider Gottes nicht. Jeder Einzelfall ist schlimm genug und dürfte nicht passieren dieser Unglaublichkeiten. Und mittlerweile ist die ganze, angeblich zivilisierte Welt von Psychiatrisierung bedroht.

Dazu zitiert er aus dem Buch „Normal“ des Psychiaters Allen Frances. Frances, der bereits an dem psychiatrischen Diagnosehandbuch DSM IV mitgearbeitet hatte, kritisiert darin anlässlich des Erscheinens des DSM V die inflationäre Verwendung psychiatrischer Krankheitsbegriffe und die damit verbundene Überdiagnostik und Übertherapie.

Mehr Informationen zum Thema:

Diagnose-Wahnsinn – Ein Psychiater warnt vor den Auswüchsen der Psychiatrie

Psychiatrieopfer – Mythos Einzelfall

NIMH läßt Unterstützung für DSM-5 fallen

Frankenpost: Jeder kann der nächste Mollath sein

Spiegel Online: „Normal“ von Allen Frances – Beichte eines Psychiater-Papstes

Eva Schwenk: Fehldiagnose Rechtsstaat – Die ungezählten Psychiatrieopfer

Diagnose-Wahnsinn: Lassen wir uns verrückt machen?

Es ist eine Art Bibel: das neue US-Handbuch der Psychiatrie. Auch bei uns hat es großen Einfluss darauf, was noch als gesund gilt, was als krank. Viele neue Diagnosen sind umstritten. Ist bald niemand mehr normal?

Mehr Informationen zum Thema:

Bayrischer Rundfunk: Diagnose-Wahnsinn Lassen wir uns verrückt machen?

Diagnose-Wahnsinn – Ein Psychiater warnt vor den Auswüchsen der Psychiatrie

NIMH läßt Unterstützung für DSM-5 fallen

Wikipedia: Disease Mongering

Ein Fall für den Psychiater?

Der Freitag - Ein Fall für den Psychiater?
Die Wochenzeitung der Freitag widmet sich in ihrer aktuellen Ausgabe mit der Titelgeschichte „Ein Fall für den Psychiater – Wahnsinn wird immer alltäglicher“ dem Pathologisierungswahn. Psychische Krankheiten würden zunehmen. Was bedeutet normal, wenn laut Studien jeder dritte im psychiatrischen Sinn als unnormal gelten soll? Die Suche nach der Ursache der Psycho-Welle habe zu einer einleuchtenden Diagnose geführt. Die Psychiatrie selbst versuche die Massen zu pathologisieren, und zwar im Dienste einer gewissenlosen, profitgierigen Pharmaindustrie. Ausführlich wird auch auf die aktuelle Debatte um die Neuauflage des DSM – der Bibel der Psychiatrie – eingegangen. Dazu wird auch der Psychiater Allen Frances zitiert, der zur Zeit mit seiner Kritik am Diagnosehandbuch DSM 5 für Schlagzeilen sorgt.

Mehr Informationen zum Thema:

der Freitag

Noch normal oder schon gestört? Wie uns Ärzte krank machen

Diagnose-Wahnsinn – Ein Psychiater warnt vor den Auswüchsen der Psychiatrie

Zeit Online: Heute noch normal, morgen schon verrückt

Wikipedia: Pathologisierung

NIMH läßt Unterstützung für DSM-5 fallen

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