Psychiater im Selbstversuch

Erstellt am 28.11.2015 von Winston Smith

Fresst Euer Gift selbst!

Für gewöhnlich leugnen Psychiater die fatale Wirkung von Neuroleptika. Gerne werden Symptome, wie z.B. Dyskinesien, kognitive Störungen, sowie Persönlichkeitsveränderungen auf die angebliche „Grunderkrankung“ geschoben. Nur wenige Psychiater, wie z.B. Peter Breggin, Volkmar Aderhold oder Josef Zehentbauer warnen öffentlich vor den Gefahren dieser Psychopharmaka. Seit dem Aufkommen der ersten Neuroleptika in der Mitte des letzten Jahrhunderts zeigten zahlreiche wissenschaftliche Studien, wie schädlich diese Nervengifte sind.

Weit weniger bekannt sind Selbstversuche, bei denen Psychiater sich selbst Neuroleptika verabreicht und deren Wirkung auf Körper und Geist dokumentiert haben. In seinem Buch der chemische Knebel hat der Psychiatrie-Überlebende Peter Lehmann einige bekannte Selbstversuche von Psychiatern mit Neuroleptika aufgelistet. So probierte am 9. November 1951 die Psychiaterin Cornelia Quarti die Wirkung von Chlorpromazin am eigenen Leibe aus. In den Aufzeichnungen ihres Versuchs beschreibt sie die Wirkung des Neuroleptikums:

Bis 12 Uhr fühlte ich keine subjektive Änderungen, dann hatte ich den Eindruck, schwächer zu werden und zu sterben. Es war sehr anstrengend und quälend.

Ich fühlte mich unfähig, mich über irgend etwas aufzuregen.

Von der Wirkung von Chlorpromazin auf einen Kollegen im Rahmen eines Selbstversuchs aus dem Jahre 1954 berichtet der Psychiater Gerhard Orzechowski:

Bald nach der Injektion eine psycho-motorische Unstetigkeit, Fahrigkeit, herabgesetzte Aufmerksamkeit und Konzentration, Gedankenleere; dann eine länger anhaltende Verlangsamung, ja Hemmung, dazu flüchtige Sprachschwierigkeiten, müder, leerer Gesichtsausdruck mit verengten Lidspalten, gerötete Augenlieder; unzweckmäßige Ziellosigkeit, überschießend verzettelte Gestik auf äußeren Anstoß hin; eine apathische Teilnahmslosigkeit, Uninteressiertheit und Abgesperrtheit gegenüber Vorgängen und Einwirkungen aus der Umgebung; zunehmendes Ruhebedürfnis mit kurzandauerndem Schlaf bei leichter Erweckbarkeit. Im weiteren Verlauf (bei fortgesetzter oraler Megaphen-Einnahme) wird beobachtet vorwiegend eine ausgesprochene Müdigkeit, kaum überwindbare Antriebsschwäche bei Verwirklichung vorgefaßter Entschlüsse, teilnahmslose Schlaffheit, die Stimmung sorglos gehoben, Lichtreize werden verstärkt empfunden, Gehörseindrücke kommen ‚gar nicht so recht heran‘.

Im Rahmen seiner Dissertation machte der schweizer Psychiater Klaus Ernst im Jahr 1954 ebenfalls einen Selbstversuch. Er und seine Frau verabreichten sich gegenseitig Largacitil und beobachteten sich dabei. Beide waren nicht mehr im Stande, Texte zu lesen. Über die Auswirkungen auf das Gefühlsleben seiner Frau schreibt Ernst:

Es lag über Gebärde, Mimik und Wort etwas wie ein Schleier, der alle Farben dämpft und alle Konturen leise verwischt.

Das Gefühl glich demjenigen des ‚Kaltgestelltseins‘ durch Abwendung des Partners und erzeugte das Bedürfnis, diesen immer wieder affektiv anzugehen, um ihn zur Erwiederung des Gefühls zu bewegen.

Frau Ernst schilderte ihre Neuroleptika-Erfahrungen selbst:

Der ganze Versuch war für mich ein eigentümlich unangenehmes Erlebnis.

Zu einer eigentlichen Furcht kam es freilich nicht, es reichte nur zu einer durch Apathie und Hilflosigkeit halb verdeckten Ängstlichkeit. Alle Beziehungen zur Umwelt schienen mir, besonders rückblickend, abgebaut gewesen zu sein. Ich wollte von nichts wissen und konnte mich auch deshalb weder für Lektüre, noch für meinen Besuch, noch für meine Schlüssel interessieren.

Eigentümlich verändert waren auch die Träume und Einschlafphantasien.

Die Wirkung der Droge auf ihren Mann beschrieb Frau Ernst mit dem Worten

Ich erhielt den Eindruck eines Abbaus des Schicklichkeitsgefühls, der mich ohne Kenntnis der Medikamentenwirkung bedenklich gestimmt hätte, aber gleichzeitig eine komische Note hatte.

Die Mißlaunigkeit, die Stumpfheit gegenüber allen menschlichen Gefühlswerten, die Pedanterie und nicht zuletzt der völlige Verlust des Humors ließen mich an das Bild eines dysphorisch verstimmten Greises denken.

Ein Jahr nach Ernst publizierten die beiden Schweizer Psychiater Hans Heimann und Peter Nikolaus Witt die Ergebnisse eines Selbstversuchs, der ebenfalls bestätigte, wie Neuroleptika apathisch, dysphorisch und stumpfsinnig machen. Eine Versuchsperson berichtete:

Ich fühlte mich regelrecht körperlich und seelisch krank. Auf einmal erschien mir meine ganze Situation hoffnungslos und schwierig. Vor allem war die Tatsache quälend, dass man überhaupt so elend und preisgegeben sein kann, so leer und überflüssig, weder von Wünschen, noch anderem erfüllt.

Von einem Selbstversuch der eher unfreiwilligen Art berichtete die Augsburger Allgemeine im Jahre 2008. Ein Pfleger hatte aus Rache das Neuroleptikum Haldol in Milchtüten im Kühlschrank der Station geträufelt. Im Zeitraum eines Jahres habe er die Dosis gesteigert. Trotz der wohl eher homöopathischen Dosierung zeigten die Kollegen im Laufe der Zeit verschiedene Beschwerden. Sie fühlten sich schlapp und müde. Die Staatsanwaltschaft berichtete, dass es bei einigen der Opfern zu Gesichtslähmungen und Kiefersperren gekommen sei. Insgesamt 14 Betroffene, darunter auch ein Arzt, wurden gegen die Folgen der Neuroleptika-Behandlung behandelt, drei davon stationär. Auch dauerhafte Schäden zog die Staatsanwaltschaft in Betracht. Für gefährliche Körperverletzung würde es zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Gefängnis geben. Laut Strafgesetzbuch §224 begeht gefährliche Körperverletzung, wer jemanden Gift oder andere gesundheitsschädliche Stoffe beibringt oder jemanden einer lebensgefährlichen Behandlung unterzieht.

Mehr Informationen zum Thema:

Peter Lehmann: Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen

Klaus Ernst: Psychopathologische Wirkungen des Phenothiazinderivates „Largactil“ (=„Megaphen“) im Selbstversuch und bei Kranken

Hans Heimann und Peter Nikolaus Witt: Die Wirkung einer einmaligen Largactilgabe bei Gesunden

Augsburger Allgemeine: Medikamente ins Getränk gemischt

Wie Menschen in der Psychiatrie zu Gemüse therapiert werden

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Kommentar

Sehr deutlich finde ich das, was Klaus Ernst in dem paper über die Chlorpromazin-Wirkung bei seiner Frau schreibt:

„Ein tieferes Darniederliegen aller Initiative und aller sthenischen Energien zeigte sich deutlicher nach Abklingen der Schlafphase. Trotzdem die Müdigkeit nun verschwunden war, blieb die sorgfaltig vorbereitete Lektüre, auf die sich die Vp. [Versuchsperson] vorher gefreut hatte, beinahe unberührt auf dem Nachttischchen liegen. Belletristische Werke, die sie ,,endlich“ hatte lesen wollen, legte sie nach einer halben Seite weg, nicht aus Müdigkeit, sondern aus Interesselosigkeit, wie sie erklärte.“

Kommt mir bekannt vor. Es ist mir mit 10 bzw. 15 mg Abilify wochenlang so gegangen, so lange wie ich es genommen habe. Bücher habe ich nach zwei Seiten wieder weggelegt. Der Interessenverlust war umfassend, Studieninhalte, Hobbys, alles.

Abilify hat mich nicht müde gemacht, ansonsten war es aber lähmend in jeder Hinsicht.

Hier beschreibt eine gesunde Versuchsperson genau dieses Phänomen, dieser massive Interessenverlust.

Auf meinem facebook-account kann man zwei der papers lesen, das paper von 1954 von Klaus Ernst[1]
und das paper von 1955 von Heimann und Witt[2]

Im Internet sind die papers nur gegen Bezahlung zu lesen, in Uni-Bibliotheken sind sie oft frei zugänglich.

Das paper [1]: Klaus Ernst: Psychopathologische Wirkungen des Phenothiazinderivates „Largactil“ (=„Megaphen“) im Selbstversuch und bei Kranken
Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, 23. DEZEMBER 1954, Volume 192, Issue 6, pp 573-590
http://link.springer.com/article/10.1007%2FBF00344703

Das paper [2]: H. Heimann, P.N. Witt: Die Wirkung einer einmaligen Largactilgabe bei Gesunden
(Vergleichend psychopathologisch-elektroencephalographische Untersuchungen)
Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie 1955;129:104–121 (DOI:10.1159/000139737)
http://www.karger.de/Article/Pdf/139737

Weil die beiden paper im allgemeinen Internet nicht ohne Weiteres verfügbar sind, habe ich sie als Photoalbum auf facebook gepostet.

[1]https://www.facebook.com/schutzvor.zwang/media_set?set=a.1757914144435577.1073741846.100006510250074&type=3

[2]https://www.facebook.com/schutzvor.zwang/media_set?set=a.1757545367805788.1073741845.100006510250074&type=3

Danke für Deinen tollen Einsatz Susanne!
Ich habe unter dem Beitrag noch Links zu den Papers hinzugefügt.