Der Nürnberger Kodex ist Makulatur

Justizpalast Nürnberg
Nach Ende des 2. Weltkriegs wurden im Rahmen der Nürnberger Ärzteprozesse ehemalige KZ-Ärzte von einem US-Amerikanischen Militärgericht angeklagt. Die Anklagepunkte umfassten unter anderem unfreiwillige Menschenversuche, sowie Massentötungen im Rahmen der Aktion T4. Sieben der 23 Angeklagten wurden freigesprochen, weitere sieben zum Tode verurteilt, andere erhielten lange Haftstrafen.

Um solche Gräultaten in Zukunft zu verhindern, wurde 1947 der Nürnberger Kodex formuliert. In 10 Punkten wurden ethische Richtlinien für Ärzte zur Durchführung von Menschenversuchen bestimmt:

  1. Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich. Das heißt, dass die betreffende Person im juristischen Sinne fähig sein muss, ihre Einwilligung zu geben; dass sie in der Lage sein muss, unbeeinflusst durch Gewalt, Betrug, List, Druck, Vortäuschung oder irgendeine andere Form der Überredung oder des Zwanges, von ihrem Urteilsvermögen Gebrauch zu machen; dass sie das betreffende Gebiet in seinen Einzelheiten hinreichend kennen und verstehen muss, um eine verständige und informierte Entscheidung treffen zu können. Diese letzte Bedingung macht es notwendig, dass der Versuchsperson vor der Einholung ihrer Zustimmung das Wesen, die Länge und der Zweck des Versuches klargemacht werden; sowie die Methode und die Mittel, welche angewendet werden sollen, alle Unannehmlichkeiten und Gefahren, welche mit Fug zu erwarten sind, und die Folgen für ihre Gesundheit oder ihre Person, welche sich aus der Teilnahme ergeben mögen. Die Pflicht und Verantwortlichkeit, den Wert der Zustimmung festzustellen, obliegt jedem, der den Versuch anordnet, leitet oder ihn durchführt. Dies ist eine persönliche Pflicht und Verantwortlichkeit, welche nicht straflos an andere weitergegeben werden kann.
  2. Der Versuch muss so gestaltet sein, dass fruchtbare Ergebnisse für das Wohl der Gesellschaft zu erwarten sind, welche nicht durch andere Forschungsmittel oder Methoden zu erlangen sind. Er darf seiner Natur nach nicht willkürlich oder überflüssig sein.
  3. Der Versuch ist so zu planen und auf Ergebnissen von Tierversuchen und naturkundlichem Wissen über die Krankheit oder das Forschungsproblem aufzubauen, dass die zu erwartenden Ergebnisse die Durchführung des Versuchs rechtfertigen werden.
  4. Der Versuch ist so auszuführen, dass alles unnötige körperliche und seelische Leiden und Schädigungen vermieden werden.
  5. Kein Versuch darf durchgeführt werden, wenn von vornherein mit Fug angenommen werden kann, dass es zum Tod oder einem dauernden Schaden führen wird, höchstens jene Versuche ausgenommen, bei welchen der Versuchsleiter gleichzeitig als Versuchsperson dient.
  6. Die Gefährdung darf niemals über jene Grenzen hinausgehen, die durch die humanitäre Bedeutung des zu lösenden Problems vorgegeben sind.
  7. Es ist für ausreichende Vorbereitung und geeignete Vorrichtungen Sorge zu tragen, um die Versuchsperson auch vor der geringsten Möglichkeit von Verletzung, bleibendem Schaden oder Tod zu schützen.
  8. Der Versuch darf nur von wissenschaftlich qualifizierten Personen durchgeführt werden. Größte Geschicklichkeit und Vorsicht sind auf allen Stufen des Versuchs von denjenigen zu verlangen, die den Versuch leiten oder durchführen.
  9. Während des Versuches muss der Versuchsperson freigestellt bleiben, den Versuch zu beenden, wenn sie körperlich oder psychisch einen Punkt erreicht hat, an dem ihr seine Fortsetzung unmöglich erscheint.
  10. Im Verlauf des Versuchs muss der Versuchsleiter jederzeit darauf vorbereitet sein, den Versuch abzubrechen, wenn er auf Grund des von ihm verlangten guten Glaubens, seiner besonderen Erfahrung und seines sorgfältigen Urteils vermuten muss, daß eine Fortsetzung des Versuches eine Verletzung, eine bleibende Schädigung oder den Tod der Versuchsperson zur Folge haben könnte.

Haben sich Ärzte in der Nachkriegszeit an diesen Kodex gehalten?

Nach Recherchen in den Archiven des Pharmakonzerns Merk stellte die Pharmazeutin Sylvia Wagner fest, dass auch nach 1945 Heimkinder und Kinder, die Insassen von Psychiatrien waren, für unfreiwillige Medikamententests benutzt wurden. Einem Bericht der Zeit zur Folge habe man in dem für seine Grausamkeit bekannten katholische Franz-Sales-Haus in Essen Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 13 Jahren das Neuroleptikum Decentan verabreicht.

Die Ergebnisse seiner Versuche hat der Arzt Dr. Waldemar Strehl dokumentiert:

Starrkrampf im Bereich der Rückenmuskulatur. Blickkrampf nach links oben. Plötzlich Schreikrämpfe. Die linke Seite war wie gelähmt, der Mund schief. Die Zunge war wie gelähmt. Steht apathisch herum. Das Gesicht ist mimikarm völlig verändert. Taumelt.

Wagner kommentiert dies mit den Worten

Es war erschreckend zu lesen. Hier hat jemand ohne Unrechtsbewusstsein gehandelt.

Die beschriebenen Symptome sind im medizinischen Jargon unter dem Sammelbegriff Dyskinesien bekannt. Sie sind die unmittelbaren, neurotoxischen Wirkungen der Neuroleptika. Quälende Bewegungsstörungen, die dadurch verursacht werden, dass die Neuroleptika das Gehirn massiv schädigen.

Der Pharma-Experte Prof. Gerd Glaeske bestätigt dies:

Bei Kindern, deren Gehirne sich noch entwickeln, muss man vermuten, dass sie dauerhafte Schäden davongetragen haben.

Die Ärztezeitung zitiert einen Betroffenen:

Nach dem Mittagessen mussten wir uns hintereinander aufstellen, die Hand aufhalten und bekamen eine Tablette. Die mussten wir schlucken und hinterher den Mund aufmachen und zeigen, dass sie weg ist.

Sylvia Wagner hat durch Recherchen in historischen Archiven und Fachzeitschriften herausgefunden, dass es in Deutschland etwa 50 derartiger Versuchsreihen gab.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, wiegelt der Merck-Sprecher Gangolf Schrimpf ab:

Die derzeit diskutierten Tests liegen mehr als 50 Jahre zurück und die Gesetzeslage war damals eine andere. Nach unserer Kenntnis hat Merck nicht rechtswidrig gehandelt. Daher stellt sich die Frage nach Wiedergutmachung nicht.

Auch aus der Schweiz wurden ähnliche Fälle bekannt. Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn missbrauchte einem Bericht des Tagesanzeigers zur Folge bei seinen zweifelhaften Forschungen unschuldige Kinder für illegale Medikamentenversuche. Von 1950 bis in die Mitte der 60er Jahre führte er in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen an über 1600 ahnungslosen Probanden Klinische Psychopharmaka-Tests ohne deren Einwilligung durch.

Unter dessen verabschiedete der Deutsche Bundestag ein Gesetz, welches Arzneimitteltest an nicht-einwilligungsfähigen Personen erlaubt. Doch zur nicht-einwilligungsfähigen Person kann jeder per psychiatrischem Gutachten erklärt werden. Spätestens damit wird der Nürnberger Kodex zur Makulatur.

Weitere Informationen zum Thema:

Deutsches Ärzteblatt: Ethische Kodizes in Medizin und Biotechnologie – Schutz vor ärztlichen Verfehlungen

Zeit Online: Missbrauch von Heimkindern – „Plötzlich Schreikrämpfe. Der Mund schief“

Stern: Heimkinder in Deutschland für Medikamententests missbraucht

Spiegel Online: Medikamententests – Heimkinder waren Versuchskaninchen

Ärzte Zeitung: Medikamententests im Heim? – Ein Betroffener erzählt.

WDR: Bethel räumt Medikamenten-Versuche ein

Ärzte Zeitung: Bundestag lässt gruppennützige Arzneitests zu

Der Tagesspiegel: Bundestag setzt sich über Bedenken hinweg – Mehr Arzneitests an Demenzkranken

dieDatenschützer Rhein Main: Medikamententests an Demenzkranken und geistig Behinderten – ein Verstoß gegen das informationelle Selbstbestimmungsrecht

Mengeles geistige Erben: Illegale Medikamententests an Schweizer Kindern

Psychiater Volkmar Aderhold im Gespräch: Schäden und verkürzte Lebenserwartung durch Neuroleptika

Volkmar AderholdMirko Olostiak Brahms im Gespräch mit Prof. Dr. Volkmar Aderhold, der in Deutschland nicht nur die Debatte über Schäden und verkürzte Lebenserwartung durch Neuroleptika angestoßen hat, sondern hierzulande auch durch Seminare, Fortbildungen und Vorträge die Konzepte der Bedürfnisangepassten Behandlung und des Offenen Dialog voranbringen will.

Über das Geschäftsmodell der Psychiatrie ist Aderhold desillusioniert

Als ich in die Psychiatrie ging – war irgendwie noch, das war so 1982, war klar: Die Psychiatrie ist ein Kostenfaktor und man kann sich gesellschaftlich einbilden wenn´s weniger kostet und besser wird, dann freuen sich alle. Und es war ne ziemliche Ernüchterung, dass ich erst im Laufe der letzten 15 Jahre langsam gemerkt habe: Das hat sich längst gedreht. Krankheit ist zur Ware geworden. Kliniken rechnen sich. Das wusste ich zwar vorher schon, aber die rechnen sich so kräftig, dass man dass man sie echt am Netz halten will. Und auch Chronifizierungen sind ein Geschäft.

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Mehr Informationen zum Thema:

VielFalter Magazin gegen Monokultur: Sendung vom 28. Juli 2016

Volkmar Aderhold über Neuroleptika

FAZ: Neuroleptika Wenn Psychopillen das Gehirn schrumpfen lassen

Der Nervenarzt: Frontale Hirnvolumenminderung durch Antipsychotika?

Deutsche Apotheker Zeitung: „Pharmaindustrie schlimmer als die Mafia“

Neuroleptika lassen das Gehirn in kürzester Zeit schrumpfen

Peter Gøtzsche: Vortrag zu Übermedikalisierung und Überdosierung

Gehirnscans – was uns die bunten Bildchen sagen

Aktion Mensch erntet Shitstorm wegen Unterstützung fragwürdiger Autismus-Therapie

Wegen der finanziellen Unterstützung einer fragwürdigen Disziplinierungs- und Konditionierungstechnik für Autisten Namens Applied Behavior Analysis (ABA) hat die Lotterie Aktion Mensch einen veritablen Shitstorm geerntet. Auf seinem Blog Quergedachtes rief der Journalist Aleksander Knauerhase am 29. Februar 2016 unter der Überschrift Warum? zum Protest gegen die Aktion Mensch auf:

Im Hilfeschrei sind fast täglich neue Informationen und Quellen/Belege zu ABA und vorallem dem Menschenbild und der Praxis hinzugekommen.

Je mehr ich kämpfe und auf das Unrecht aufmerksam mache umso mehr stellt sich mir eine Frage: Warum ist es so vielen Menschen egal?

Warum ignoriert uns die Aktion Mensch?

Warum müssen wir uns immer wieder dafür rechtfertigen, dass wir ABA bekämpfen?

Eine Bitte an meine Leser: Stellt diese einfache Frage an die Aktion Mensch. Fragt sie: “Warum?”. Bei Twitter, bei Facebook, wo immer Ihr auf die Aktion Mensch trefft. Es kostet Euch nur ein paar Sekunden. Verwendet den Hashtag #FragtWarum um auf diese Aktion aufmerksam zu machen. Ich denke wir alle haben ein Recht darauf zu erfahren warum die Aktion Mensch ABA Projekte fördert und die Bedenken der Autisten dabei schnell mal ignoriert.

Am 13. Februar 2016 hatte Knauerhase in einem Blogpost mit der Überschrift Hilfeschrei seine Kritik an ABA ausführlich begründet. Diesem Aufruf sind zahlreiche Menschen, darunter auch viele, die sich selbst als Autisten bezeichnen, gefolgt. Die Protestierenden sind der Meinung, das Abrichten von Kindern mittels manipulativer Psychotechniken sei unethisch und würde gegen die UN-Behindertenrechtskonvention verstoßen. Die Behindertenrechts-Aktivistin Julia Probst bezeichnet ABA auf Twitter gar als Folter:

Beim Betrachten der Videos zum Thema ABA, die Knauerhase auf seinem Blog listet, wird der fachkundige Zuschauer sofort an die Skinner-Box erinnert. Die Skinner-Box ist eine Versuchsanordnung zur operanten Konditionierung von Versuchstieren, die von dem US-amerikanischen Psychologen Burrhus Frederic Skinner ersonnen wurde. Ein Lehrfilm der Universität Yale zeigt eindrucksvoll wie das funktioniert: Das Verhalten der Versuchstiere wird mittels Bestrafung durch Elektroschocks bzw. Belohnung in Form von Nahrung geformt.

Der Psychiatrie-Professor Hans E. Kehrer, dessen Institute die Aktion Mensch laut Angaben von Knauerhase mit aktuell 249.591 Euro fördert, machte in einem Spiegel-Interview aus dem Jahre 1972 keinen großen Hehl daraus. Die Behandlung von autistischen Kindern hätte

große Ähnlichkeit mit Dressur bei Tieren

Dies spräche nach Kehrers Meinung aber nicht gegen diese Methode.

Mehr Informationen zum Thema:

Quergedachtes: Hilfeschrei

innenwelt: Aktion Mensch fördert ABA

Aktion Mensch: Engagierte Diskussion über ABA

dasfotobus: Warum ich ABA verlassen habe (eine Übersetzung)

Der Spiegel: Psychiatrie – Leere Festung

Motivation und Belohnung

‚Hilfe‘, ‚Schutz‘ und ‚Anti-Stigma‘ – Propaganda und ‚Neusprech‘ in der Psychiatrie

Anstaltspsychiatrie, Zwangsjacken oder Elektroschock sind Begriffe, die einer dunklen, scheinbar überwundenen Vergangenheit der Psychiatrie zugeschrieben werden. Dass der Elektroschock unter der Bezeichnung EKT (Elektrokrampftherapie) seit einigen Jahren zunehmend wieder eingesetzt wird, dass die Zwangsjacken lediglich durch die Verabreichung von Psychopharmaka abgelöst wurden und dass Zwangsmaßnahmen und -Behandlungen weiterhin an der Tagesordnung sind, ist vielen Menschen nicht bewußt. Vor 40 Jahren sollte mit der Psychiatrie-Enquete eine „tiefgreifende Reform der Psychiatrie“ auf den Weg gebracht werden – an den fragwürdigen Grundlagen des psychiatrischen Menschenbildes hat sich jedoch wenig geändert. Das Konzept der „psychischen Erkrankungen“ wird kaum hinterfragt. Dabei werden immer mehr Menschen psychiatrisch behandelt. Die Zahl der Krankschreibungen und Früh-Berentungen aufgrund psychiatrischer Diagnosen und auch die Verschreibung von Psychopharmaka haben Rekordniveau erreicht. Im Geschäft mit der Psyche werden Milliardenumsätze erzielt. Worüber jedoch kaum jemand spricht: Über 10.000 Menschen kommen jährlich allein in Deutschland im Zusammenhang mit psychiatrischer Behandlung ums Leben. Die Langzeitbehandlung mit Neuroleptika (im psychiatrischen Neusprech auch „Antipsychotika“ genannt) führt zu einer Verkürzung der Lebenserwartung um durschnittlich 25 bis 32 Jahre. Zunehmend werden auch Kinder und Jugendliche zu psychiatrischen Patienten – häufig wegen Problemen, die im Zusammenhang mit der Schule entstehen.

Unsere Sprache bestimmt unser Denken. Die Begriffe, die wir verwenden, beeinflussen unsere Einstellung und unsere Gefühle. Es macht einen Unterschied, wie wir die Dinge bezeichnen. Und es ist kein Zufall, dass sich viele Namen und Bezeichnungen in den vergangenen Jahren (zum Teil mehrfach hintereinander) geändert haben. Halt! Die Namen haben sich nicht von alleine geändert – sie wurden geändert. Raider heißt jetzt Twix. Das Arbeitsamt ist von der Agentur für Arbeit zum Jobcenter mutiert. Meine Krankenkasse nennt sich jetzt Gesundheitskasse. So sollen Akzeptanz hergestellt und positive Assoziationen hervorgerufen werden. Das kleine Wörtchen ‚für‘ kann sehr wirkungsvoll sein für solche Zwecke.

Die ehemaligen Nervenheilanstalten heißen inzwischen „Zentren für Psychiatrie“ – oder noch besser: „Zentren für Seelische Gesundheit“. Statt auf der Geschlossenen finden wir uns im „geschützten Bereich“ wieder. Dort wird uns „die notwendige Hilfe nicht vorenthalten“. Das klingt zumindest viel angenehmer, als von „einsperren“ und „isolieren“ zu sprechen, von „Zwangsbehandeln“ oder vom Brechen des Willens. Was in der Psychiatrie mit „Schutz“ und „Hilfe“ bezeichnet wird, könnten wir aus anderer Perspektive auch „Freiheitsberaubung“ und „Folter“ nennen. Wir werden ans Bett gefesselt und es werden uns mit Gewalt Substanzen verabreicht, die massive Störungen (nicht nur) im Gehirn verursachen. Natürlich nur zu unserem „Wohl“ und weil wir „krankheitsbedingt“ nicht in der Lage seien, in die „notwendige Behandlung“ einzuwilligen. Wie fragwürdig die Konzepte der psychiatrischen „Erkrankungen“ und deren Behandlung sind, steht auf einem anderen Blatt. Immerhin: wir werden nicht mehr als „Geisteskranke“ bezeichnet. Inzwischen werden wir mit dem Label „Psychisch Kranke“ bedacht, das in jüngerer Zeit zunehmend durch den Begriff „Menschen mit psychischen Erkrankungen“ ersetzt wird. Das klingt zwar schon viel menschlicher, verschleiert aber den Umstand, dass diese sogenannten „Erkrankungen“ keine beweisbaren Tatsachen sondern lediglich willkürliche Zuschreibungen sind. Den Mangel an Beweisen machen die Meinungsbildner in der Psychiatrie wett durch in sich verschachtelte Konstrukte aus Behauptungen und Zirkelschlüssen gepaart mit ausgefeilter Rhetorik. Der „Mythos Geisteskrankheit“ wird uns tagtäglich quer durch sämtliche Medien als Tatsachenbehauptung untergejubelt. Wir haben uns gewöhnt an die Propaganda. An die Lügen und Halbwahrheiten, an das Verschweigen und Vorenthalten von Information. Manche Märchen werden so oft wiederholt, dass es aussichtslos erscheint, jedes mal von Neuem auf Richtigstellung zu pochen. Die Medienvertreter*innen sind auch nur zu gerne bereit, zu glauben, was sogenannte Fachleute ihnen einreden. Wir wissen, dass es um Geld geht. Um sehr viel Geld. Die Pharma-Industrie macht Milliardenumsätze mit Psychopharmaka. Wir wissen auch, dass z.B. die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und auch viele ihrer Mitglieder mehr als dankbar sind für die finanziellen Zuwendungen, die sie von der Industrie erhalten. Sehr ärgerlich ist jedoch, dass für die Finanzierung der Propagandakampagnen der DGPPN das Bundesministerium für Gesundheit aufkommt. Und dass sich über 80 Organisationen dafür hergeben diese Kampagnen mit ihrem Namen mitzutragen. Folgende Sätze lesen sich wie ein geschickt formulierter Werbetext, den eine PR-Agentur im Auftrag von Pharma-Unternehmen verfasst haben könnte:

Psychopharmaka wirken aufs Gehirn, aufs Fühlen, Erleben und Handeln. „Doch sie verändern nicht die Persönlichkeit, sondern bekämpfen die Symptome, die bei den Patienten einen hohen Leidensdruck verursachen“, erklärt Dr. Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Sie stellen nicht ruhig, sondern setzen an den biologischen Ursachen der Erkrankung an, indem sie einen Mangel oder Überschuss von bestimmten Botenstoffen im Gehirn (Neurotransmitter) regulieren. Und die meisten Medikamente – allen voran die beiden Hauptgruppen Antidepressiva und Antipsychotika (s. Teil VI) – machen auch nach jahre- oder jahrzehntelanger Einnahme nicht abhängig.

Tatsächlich stammt dieser Text vom „Aktionsbündnis Seelische Gesundheit“, das vor 10 Jahren „von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) gemeinsam mit Open the doors als Partner des internationalen Antistigma-Programms“ initiiert wurde, wie auf der Startseite zu lesen ist. Die Unterseite „fairmedia“ gibt Journalist*innen Empfehlungen, wie „ein angemessenes Bild von Menschen mit psychischen Erkrankungen in den Medien“ entstehen soll. Für die Gestaltung der Seiten ist – wen wundert´s – eine Werbefirma aus Berlin verantwortlich.

Unverantwortlich ist allerdings der Inhalt (nicht nur) dieser hier zitierten Behauptungen. Es ist wahr, dass Psychopharmaka aufs Gehirn, aufs Fühlen, Erleben und Handeln wirken. Die Wirkung beschränkt sich jedoch nicht aufs Gehirn. Je nach Substanz müssen wir mit massiven körperlichen ‚Neben‘-Wirkungen rechnen. Ob Gewichtszunahme, Diabetes, Libidoverlust und Impotenz, Blutbildveränderungen, Herz- und Kreislaufprobleme, Bewegungsstörungen oder gar plötzlicher Tod: die Liste unerwünschter Wirkungen ist lang. Seit Jahren ist bekannt, dass Konsumenten von Neuroleptika bei Langzeiteinnahme mit einer Verkürzung der Lebenserwartung um 25 bis 32 Jahre rechnen müssen. Die Wirkung von Psychopharmaka aufs Gehirn, aufs Fühlen, Erleben und Handeln lässt sich im Einzelfall auch kaum vorhersagen. Immerhin handelt es sich um Stoffe, die die Hirnchemie verändern und dadurch in die Persönlichkeit eingreifen. Jedes Gehirn ist anders, und welche Substanz in welcher Dosierung welche Effekte hat, wird von Person zu Person neu durchprobiert. Die Behauptung, dass die Persönlichkeit unverändert bliebe, trotz erheblicher Veränderung von Erleben, Fühlen und Handeln, lässt sich meines Wissens nicht belegen. Wer jedoch in Fachliteratur und Studien nach persönlichkeitsverändernden Wirkungen sowohl von Antidepressiva als auch insbesondere von Neuroleptika sucht, kann an vielen Stellen fündig werden. Psychopharmaka werden in der Tat eingesetzt um Symptome zu bekämpfen. Wie erfolgreich diese Symptombehandlung im Einzelfall ist, lässt sich nicht vorhersagen. Studien mit Antidepressiva vom Typ SSRI haben zum Beispiel gezeigt, dass diese Mittel sich in der Wirksamkeit kaum von Placebos unterscheiden. Im Gegensatz zu Placebos muss mit einer ausgeprägten Absetzsymptomatik gerechnet werden, wenn die Einnahme dieser Mittel beendet wird. Die These, psychische Ausnahmezustände („Störungen“, „Erkrankungen“) seien auf ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn zurückzuführen, nutzt vor allem denen, die daran verdienen. Weder der Überschuss noch der Mangel an Botenstoffen lässt sich als Ursache von Störungen nachweisen. Bezeichnend ist, dass vor allem jene Behandlungsformen nachhaltige Ergebnisse erzielen, die ohne oder mit möglichst wenig Psychopharmaka-Einsatz auskommen.

Die dreisteste Lüge ist hier jedoch die Behauptung, dass Psychopharmaka nicht abhängig machen.

„Jedes Psychopharmakon kann Entzugssymptome produzieren. Dies geschieht zum Teil, weil das Gehirn sich an das Psychopharmakon anpasst und es in einem abnormal kompensierten Zustand zurückgelassen wird, wenn die Dosis eines Medikaments reduziert wird oder das Medikament abgesetzt wird.“

schreibt der amerikanische Psychiater Peter Breggin. Ist es nicht naheliegend, von Abhängigkeit zu sprechen, wenn wir davon ausgehen müssen, dass beim Absetzen einer Substanz Probleme auftreten, die zuvor nicht vorhanden waren? Die Verharmloser*innen der Psychopharmaka können natürlich einwenden, dass bei einem Großteil der sogenannten Medikamente nicht sämtliche Kriterien der WHO-Definition von „Abhängigkeit“ zutreffen, und dass vor diesem Hintergrund die Behauptung „die meisten Medikamente machen auch nach jahre- oder jahrzehntelanger Einnahme nicht abhängig“ zwar irreführend und missverständlich ist, jedoch nicht als Lüge gewertet werden sollte. Der Vollständigkeit halber sollten wir dann aber auch anfügen, dass die WHO-Definition von Abhängigkeit im Jahre 1987 den Erfordernissen des Marktes angepasst wurde – in Zeiten in denen die Genehmigungsverfahren für die neuen SSRI von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) bearbeitet wurden. Was sollen all diejenigen dazu sagen, die mit ansehen müssen, oder gar am eigenen Leib erleben, welche Probleme das Absetzen von Psychopharmaka auslösen kann und mit welchen Auswirkungen das verbunden ist? Wer warnt verantwortungsvolle Journalist*innen davor, bei dieser Werbekampagne gegen die „Stigmatisierung von Medikamenten“ unhinterfragt abzuschreiben?

Wir müssen lernen, die Behauptungen zu hinterfragen, die uns von denjenigen, die an Behandlung und Hilfe verdienen, als angeblich sachliche Informationen aufgetischt werden. In einer wirklich „fairen“ Diskussion müssen auch die unbequemen Tatsachen offen zur Sprache kommen. Risiken und (Neben-)Wirkungen dürfen nicht weiter verharmlost werden. Mögliche Schäden müssen dem erhofften Nutzen gegenübergestellt werden. Als Patienten und Angehörige, aber auch als interessierte Öffentlichkeit, haben wir das Recht auf ungeschönte Information. Wir haben das Recht auf informierte Entscheidung und wollen die Entscheidungen über unsere Gesundheit, unsere Zukunft und unser Leben nicht nur auf Halbwahrheiten und Werbelügen stützen.

Mehr Informationen zum Thema:

Aktionsbündnis Seelische Gesundheit

Irrenoffensive.de: Zwangspsychiatrie – ein durch Folter aufrecht erhaltenes System

Thomas Szasz: Mythos Geisteskrankheit

Dr. Volkmar Aderhold: Mortalität durch Neuroleptika

Dr. Shaw und Kollegen: Kann die Behandlung von Depressionen mit Antidepressiva zu Persönlichkeitsveränderungen führen?

ADHS: Eine Psycho-Diagnose als Wort-Bild-Marke

NIMH dreht der Psychiatrie den Geldhahn zu

NIMH läßt Unterstützung für DSM-5 fallen

Psychiater im Selbstversuch

Wie Menschen in der Psychiatrie zu Gemüse therapiert werden

Peter Gøtzsche: Vortrag zu Übermedikalisierung und Überdosierung

Am 11. Februar 2015 hielt Peter Gøtzsche einen Vortrag zum Thema Überdiagnostizierung und Übermedikalisierung in Melbourne. Gøtzsche arbeitete als Wissenschaftler in der Pharmaindustrie und hat sich so viel Insiderwissen angeeignet. Sein Buch Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität ist absolut lesenswert.

Gleich am Anfang seines Vortrags stellt er klar:

Die meisten Patienten haben von ihrem Psychiater gehört, dass sie unter einem chemischen Ungleichgewicht leiden und dass sie ein Medikament bekommen, dass dieses chemische Ungleichgewicht korrigiert. Das ist falsch. Es konnte noch nie nachgewiesen werden, dass es in Sachen gestörte Hirnfunktionen einen Unterschied zwischen psychiatrischen Patienten und normalen Leuten gibt. Stephen Hyman, der ehemalige Direktor des National Institute of Mental Health und viele andere Leute, die darüber bescheid wissen bestätigen, was diese Medikamente tatsächlich machen: Sie erzeugen tatsächlich das, was man ein chemisches Ungleichgewicht nennen könnte. Das ist der einzige Grund, warum sie eingesetzt werden. Sie erzeugen Störungen in Neurotransmitterfunktionen. Als Reaktion nimmt das Gehirn dann eine Reihe von Anpassungen vor, um dies auszugleichen.

Der Langzeitkonsum von Psychopharmaka erzeugt substantielle und langandauernde Veränderungen in neuralen Funktionen. Dies ist der Hinweis, dass sie ein chemisches Ungleichgeicht erzeugen. Und es gibt tatsächlich Befunde die darauf hinweisen, dass diese Veränderungen langandauernd oder vielleicht sogar dauerhaft sein können. Dies bestätigt fast jede Studie. Es scheint so, dass die meisten Psychopharmaka wahrscheinlich langanhaltende oder bleibende Gehirnschäden erzeugen. Davon hört man nicht allzuviel. Aber dies ist eine traurige Tatsache. Das Gehirn ist ein sehr empfindliches Organ. Und man kann das Gehirn nicht ohne Konsequenzen stören.

Die Tatsache, dass die Zahl der diagnostizierten Fälle von Depression in den letzten Jahren explosionsartig gestiegen ist, führt Gøtzsche darauf zurück, dass die Kriterien für diese Diagnose herabgesetzt wurde. Schuld daran seien vor allem amerikanische Psychiater, die von der Pharmaindustrie finanziert würden. Je mehr Menschen als depressiv bezeichnet werden, desto mehr gibt es zu verdienen. Das klassische Beispiel sei ein Junge, der von einem Mädchen verlassen wird und sich lausig fühlt. Er kann nicht schlafen, er isst nicht viel. Und schon sind die Kriterien für eine Depression erfüllt. Es sei kompletter Unsinn, wie diese Diagnosen von der gegenwärtigen Psychiatrie benutzt würden. Wenn man diese offiziele Art, wie in der Psychiatrie diagnostiziert wird, auf gesunde Menschen anwenden würde, wie es Gøtzsche getan hat, würde niemand ohne mindestens eine psychiatrische Diagnose davonkommen. Gøtzsche nennt nur drei: Manie, ADHS oder Depression. Wir alle hätten mindestens eine dieser Diagnosen. Und wir alle würden für verrückt erklärt.

Die Inflation der psychiatrischen Diagnostik macht Gøtzsche an Hand der Kriterien für Depression, wie sie im Diagnosehandbuch DSM (auch als die Bibel der Psychiatrie bekannt) genannt werden fest: Während im DSM III aus dem Jahre 1980 jemand noch 2 Jahre um den Verlust seines Ehepartners trauern konnte, bevor er die Kriterien für eine Depresion erfüllte, waren es im DSM IV, welches im Jahr 1994 erschien, nurnoch 2 Monate. In der aktuellen Ausgabe, dem DSM V aus dem Jahre 2013 waren es nur noch 2 Wochen. Gøtzsche ist der Meinung, dass Psychiater den Hals nicht voll bekommen können. Er fragt sich warum gewöhnliche Lebensumstände zur psychiatrischen Diagnose erklärt werden sollen. Das sei falsch. Durch Psychopharmaka würden akute Zustände chronifiziert werden. Auf diese Weise würden mehr Konsumenten erzeugt.

Auch an der Wirksamkeint von Psychopharmaka hat Gøtzsche erhebliche Zweifel. Placebokontrollierte Studien der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zeigen, dass über 40% der Probanden bei Depressionen auf Placebo reagierten. Das wird im Jargon Spontanremission genannt. Der französiche Philosph Volaire drückte das mit den Worten aus:

Die Natur heilt, aber der Arzt nimmt das Geld.

Manche Patienten sagen, diese Antidepressiva hätten ihr Leben gerettet. Gøtzsche sagt, sie hätten Glück gehabt, dass sie dadurch nicht gestorben sind, denn tatsächlich würden diese Medikamente bei manchen Menschen dazu führen, dass sie sowohl Suizid als auch Mord begehen. Er glaubt auch nicht, dass Antidepressiva dazu beitragen können, Beziehungen zu retten, denn sie verursachen bei der Hälfte der Konsumenten sexuelle Störungen.

Diese Psychopharmaka machen abhängig. Beim Absetzen können ernsthafte Entzugserscheinungen auftreten. Deshalb sollten sie langsam ausgeschlichen werden. Wenn man Antidepressiva schlagartig absetzt, kann man depressiv werden. Aber das ist keine echte Depression, sondern eine medikamenteninduzierte Entzugsdepression. Doch die meisten Psychiater würden die Entzugserscheinungen als Symptome der Krankheit interpretieren, so Gøtzsche. Deshalb würden sie in manchen Fällen diese Medikamente ihren Patienten lebenslang verschreiben. Das chemische Ungleichgewicht sei ein Schwindel, der von Ärzten dazu benutzt würde, ihre Patienten davon abzuhalten, ihre Medikamente abzusetzen.

Sie sagen sogar, es sei wie einem Diabetiker Insulin zu geben. Sie würden doch nicht aufhören, einem Diabetiker Insulin zu geben, oder? Ein Psychiatrie-Professor fragte mich dies. Und ich antwortete ihm, das sei nicht das selbe. Patienten mit Diabetes haben einen Insulinmangel. Patienten mit einer Depression mangelt es nicht an Antidepressiva. Wenn Sie sich traurig sind und dann Alkohol trinken, um sich besser zu fühlen, ist das nicht, weil Ihr Gehirn einen Alkoholmangel hatte.

Den Arzneimittelbehörden, die für die Zulassung von Medikamenten zuständig sind, traut Gøtzsche ebensowenig. Sie würden eher die Pharmaindustrie, als die Patienten schützen. So hätte die FDA bei einer Studie über Antidepressiva nur die Suizide berücksichtigt, die innerhalb von 24 Stunden nach dem Absetzen des Medikaments aufgetreten sind.

Wenn man einen kalten Entzug von Antidepressiva macht, was am Ende solcher Versuche der Fall ist, erzeugt man dadurch Entzugserscheinungen. Eines dieser Symptome ist extreme Ruhelosigkeit, die als „ich möchte aus meiner Haut springen“ beschrieben werden. Dies treibt die Menschen zu Suizid und Mord.

Viele dieser Suizide würden als etwas anderes deklariert. Dabei würden für solche Versuche Probanden mit einem besonders niedrigen Suizidrisiko ausgewählt. Die Vorgehensweise bei klinischen Versuchen zu Psychopharmaka sei fast immer die selbe:

Man nimmt Patienten, die schon in Behandlung sind, z.B. wegen Depression oder Schizophrenie. Dann hat man eine Absetzphase von ein bis zwei Wochen, wo sie wo sie nichts oder ein Placebo bekommen. Dann randomisiert man. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass man jetzt Schäden in der Placebogruppe einführt, weil sich einige der Entzugserscheinungen nicht in der ersten Woche der Absetzphase zeigen. Diese zeigen sich erst später. Und das kann Depression oder Psychose sein, wenn es sich um ein Antipsychotikum handelt. Und dann sieht das Medikament viel besser aus, als es ist.

Eine Studie des Pharmakonzerns Pfizer, bei dem Probanden 30 Tage nach dem Absetzen beobachtet wurden hatte ergeben, dass das Suizidrisiko durch das Medikament Zoloft um 50% gesteigert wurde. Britische Wissenschaftler, die Zugriff auf Daten hatten, die auch Vorfälle mit einbezogen, die nach mehr als 24 Stunden auftraten, haben sogar ein verdoppeltes Suizidrisiko in allen Altersgruppen festgestellt. Der britische Psychiater David Healy, der sich an einigen Klagen in den USA beteiligte, hatte Zugriff auf unveröffentlichte Daten der Pharmakonzerne. Er berichtete, dass alle großen Firmen, wie GlaxoSmithKline, Eli Lilly und Pfizer Ergebnisse von Studien manipulierten. Wenn jemand im Rahmen einer Studie nach dem Absetzen des Medikaments suizidal wurde, hätten sie diesen Probanden im Nachhinein einfach der Placebogruppe zugeordnet, um so die Statistik zu ihren Gunsten zu verfälschen.

Im Rahmen seines Vortrags zitiert Gøtzsche auch eine australische Psychiaterin, die verschiedene Fälle von Unverträglichkeit von Antidepressiva untersucht hat. Bei diesen forensischen Fällen handelt es sich um Menschen, die auf Grund einer Genmutation das ihnen verabreichte Antidepressivum nicht metabolisieren konnten. Einer 35-jährige Frau, die wegen des Alkoholismus ihres Ehemanns besort war, wurde mit dem Antidepressivum Nortriptylin behandelt. Nach 3 Tagen tötete sie ihre minderjährige Tochter im toxischen Delirium. Ein 18-jähriger Mann, der mit Fluoxetin behandelt wurde, weil seine Schwester nach einem Autounfall ins Koma gefallen war, entwickelte eine Akathisie. 4 Tage, nachdem seine Medikamente zu Ende gegangen waren, tötete er seinen Vater. Ein 35-jähriger Mann, der unter der On-Off-Beziehungen mit der Mutter seines Kindes litt, wurde mit Paroxetin behandelt. 11 Wochen später stach er über 30 mal auf seine Partnerin ein, nachdem er durch das Medikament eine Akathisie entwickelte. Ein 46-jähriger Mann, der ebenfalls unter Paroxetin gesetzt wurde, weil er Angst hatte, nicht genug Geld zu verdienen, um den Lebensunterhalt seiner Familie sichern zu können, entwickelte manische Phasen und Akathisie. 42 Tage später, nachdem seine Dosis vor 20 Tagen erhöht wurde, tötete er seinen Sohn im Delirium.

Über die Behandlung von sogenannten Psychosen mit Neuroleptika berichtet Gøtzsche, was Insidern schon lange bekannt ist: Wissenschaftliche Langzeitstudien bestätigen, dass diejenigen, die ihre Medikamente absetzen, ein besseres Outcome haben, als diejenigen, die sie weiterhin einnehmen. Daraus zieht Gøtzsche den Schluss:

Wir müssen Patienten von diesen Medikamenten weg bekommen und nicht für immer weitermachen. Denn das ist der Hauptgrund, warum wir so viele behinderte Patienten erzeugt haben, nachdem wir anfingen so viele antipsychotischen Medikamente zu verwenden, wie wir es tun. Die heilen überhaupt nichts. Die machen Dinge nur noch schlimmer.

Zum Thema ADHS sagt Gøtzsche folgendes:

Es gibt Giraffen in Afrika. Ich habe sie gesehen. Sie existieren. AHDS existiert nicht wie eine Giraffe. Es ist nur ein Name. Wir haben Kinder, die schwiriger sind als andere, mehr aufgeweckt. Und dann haben wir Leute, die zu ruhig sind. Denken sie an die Körpergröße von Menschen. Wir können nicht alle gleich groß sein. Es gibt einige Leute, die klein sind, manche sind groß. Nehmen wir die Großen und sagen „Wir geben Dir jetzt eine Diagnose. Du hast eine Krankheit. Du brauchst eine Behandlung.“? Das ist genau das, was Leute mit ADHS gemacht haben: Sie haben die Kinder genommen, die nicht in der Mitte sind. Und dann sagen sie Du hast ADHS.

Viele Eltern lieben das, weil es ihnen eine Pseudo-Erklärung gibt. Der kleine Klaus benimmt sich so, weil er ADHS hat. Ok. Das kann man nicht machen, weil das ein Zirkelschluss ist. Es ist eine Tautologie. Man kann nicht erst sagen wir haben ihn! Er verhält sich so. Wir geben diesem Verhalten einen Namen. Jetzt erklärt der Name das Verhalten. Können Sie erkennen, wie dumm das ist? Ich denke schon.

Mehr Informationen zum Thema:

Peter Gøtzsche: Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität – Die Verbrechen der Pharmaindustrie

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Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität

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Psychiater im Selbstversuch

Fresst Euer Gift selbst!

Für gewöhnlich leugnen Psychiater die fatale Wirkung von Neuroleptika. Gerne werden Symptome, wie z.B. Dyskinesien, kognitive Störungen, sowie Persönlichkeitsveränderungen auf die angebliche „Grunderkrankung“ geschoben. Nur wenige Psychiater, wie z.B. Peter Breggin, Volkmar Aderhold oder Josef Zehentbauer warnen öffentlich vor den Gefahren dieser Psychopharmaka. Seit dem Aufkommen der ersten Neuroleptika in der Mitte des letzten Jahrhunderts zeigten zahlreiche wissenschaftliche Studien, wie schädlich diese Nervengifte sind.

Weit weniger bekannt sind Selbstversuche, bei denen Psychiater sich selbst Neuroleptika verabreicht und deren Wirkung auf Körper und Geist dokumentiert haben. In seinem Buch der chemische Knebel hat der Psychiatrie-Überlebende Peter Lehmann einige bekannte Selbstversuche von Psychiatern mit Neuroleptika aufgelistet. So probierte am 9. November 1951 die Psychiaterin Cornelia Quarti die Wirkung von Chlorpromazin am eigenen Leibe aus. In den Aufzeichnungen ihres Versuchs beschreibt sie die Wirkung des Neuroleptikums:

Bis 12 Uhr fühlte ich keine subjektive Änderungen, dann hatte ich den Eindruck, schwächer zu werden und zu sterben. Es war sehr anstrengend und quälend.

Ich fühlte mich unfähig, mich über irgend etwas aufzuregen.

Von der Wirkung von Chlorpromazin auf einen Kollegen im Rahmen eines Selbstversuchs aus dem Jahre 1954 berichtet der Psychiater Gerhard Orzechowski:

Bald nach der Injektion eine psycho-motorische Unstetigkeit, Fahrigkeit, herabgesetzte Aufmerksamkeit und Konzentration, Gedankenleere; dann eine länger anhaltende Verlangsamung, ja Hemmung, dazu flüchtige Sprachschwierigkeiten, müder, leerer Gesichtsausdruck mit verengten Lidspalten, gerötete Augenlieder; unzweckmäßige Ziellosigkeit, überschießend verzettelte Gestik auf äußeren Anstoß hin; eine apathische Teilnahmslosigkeit, Uninteressiertheit und Abgesperrtheit gegenüber Vorgängen und Einwirkungen aus der Umgebung; zunehmendes Ruhebedürfnis mit kurzandauerndem Schlaf bei leichter Erweckbarkeit. Im weiteren Verlauf (bei fortgesetzter oraler Megaphen-Einnahme) wird beobachtet vorwiegend eine ausgesprochene Müdigkeit, kaum überwindbare Antriebsschwäche bei Verwirklichung vorgefaßter Entschlüsse, teilnahmslose Schlaffheit, die Stimmung sorglos gehoben, Lichtreize werden verstärkt empfunden, Gehörseindrücke kommen ‚gar nicht so recht heran‘.

Im Rahmen seiner Dissertation machte der schweizer Psychiater Klaus Ernst im Jahr 1954 ebenfalls einen Selbstversuch. Er und seine Frau verabreichten sich gegenseitig Largacitil und beobachteten sich dabei. Beide waren nicht mehr im Stande, Texte zu lesen. Über die Auswirkungen auf das Gefühlsleben seiner Frau schreibt Ernst:

Es lag über Gebärde, Mimik und Wort etwas wie ein Schleier, der alle Farben dämpft und alle Konturen leise verwischt.

Das Gefühl glich demjenigen des ‚Kaltgestelltseins‘ durch Abwendung des Partners und erzeugte das Bedürfnis, diesen immer wieder affektiv anzugehen, um ihn zur Erwiederung des Gefühls zu bewegen.

Frau Ernst schilderte ihre Neuroleptika-Erfahrungen selbst:

Der ganze Versuch war für mich ein eigentümlich unangenehmes Erlebnis.

Zu einer eigentlichen Furcht kam es freilich nicht, es reichte nur zu einer durch Apathie und Hilflosigkeit halb verdeckten Ängstlichkeit. Alle Beziehungen zur Umwelt schienen mir, besonders rückblickend, abgebaut gewesen zu sein. Ich wollte von nichts wissen und konnte mich auch deshalb weder für Lektüre, noch für meinen Besuch, noch für meine Schlüssel interessieren.

Eigentümlich verändert waren auch die Träume und Einschlafphantasien.

Die Wirkung der Droge auf ihren Mann beschrieb Frau Ernst mit dem Worten

Ich erhielt den Eindruck eines Abbaus des Schicklichkeitsgefühls, der mich ohne Kenntnis der Medikamentenwirkung bedenklich gestimmt hätte, aber gleichzeitig eine komische Note hatte.

Die Mißlaunigkeit, die Stumpfheit gegenüber allen menschlichen Gefühlswerten, die Pedanterie und nicht zuletzt der völlige Verlust des Humors ließen mich an das Bild eines dysphorisch verstimmten Greises denken.

Ein Jahr nach Ernst publizierten die beiden Schweizer Psychiater Hans Heimann und Peter Nikolaus Witt die Ergebnisse eines Selbstversuchs, der ebenfalls bestätigte, wie Neuroleptika apathisch, dysphorisch und stumpfsinnig machen. Eine Versuchsperson berichtete:

Ich fühlte mich regelrecht körperlich und seelisch krank. Auf einmal erschien mir meine ganze Situation hoffnungslos und schwierig. Vor allem war die Tatsache quälend, dass man überhaupt so elend und preisgegeben sein kann, so leer und überflüssig, weder von Wünschen, noch anderem erfüllt.

Von einem Selbstversuch der eher unfreiwilligen Art berichtete die Augsburger Allgemeine im Jahre 2008. Ein Pfleger hatte aus Rache das Neuroleptikum Haldol in Milchtüten im Kühlschrank der Station geträufelt. Im Zeitraum eines Jahres habe er die Dosis gesteigert. Trotz der wohl eher homöopathischen Dosierung zeigten die Kollegen im Laufe der Zeit verschiedene Beschwerden. Sie fühlten sich schlapp und müde. Die Staatsanwaltschaft berichtete, dass es bei einigen der Opfern zu Gesichtslähmungen und Kiefersperren gekommen sei. Insgesamt 14 Betroffene, darunter auch ein Arzt, wurden gegen die Folgen der Neuroleptika-Behandlung behandelt, drei davon stationär. Auch dauerhafte Schäden zog die Staatsanwaltschaft in Betracht. Für gefährliche Körperverletzung würde es zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Gefängnis geben. Laut Strafgesetzbuch §224 begeht gefährliche Körperverletzung, wer jemanden Gift oder andere gesundheitsschädliche Stoffe beibringt oder jemanden einer lebensgefährlichen Behandlung unterzieht.

Mehr Informationen zum Thema:

Peter Lehmann: Der chemische Knebel – Warum Psychiater Neuroleptika verabreichen

Klaus Ernst: Psychopathologische Wirkungen des Phenothiazinderivates „Largactil“ (=„Megaphen“) im Selbstversuch und bei Kranken

Hans Heimann und Peter Nikolaus Witt: Die Wirkung einer einmaligen Largactilgabe bei Gesunden

Augsburger Allgemeine: Medikamente ins Getränk gemischt

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