Der Nürnberger Kodex ist Makulatur

Justizpalast Nürnberg
Nach Ende des 2. Weltkriegs wurden im Rahmen der Nürnberger Ärzteprozesse ehemalige KZ-Ärzte von einem US-Amerikanischen Militärgericht angeklagt. Die Anklagepunkte umfassten unter anderem unfreiwillige Menschenversuche, sowie Massentötungen im Rahmen der Aktion T4. Sieben der 23 Angeklagten wurden freigesprochen, weitere sieben zum Tode verurteilt, andere erhielten lange Haftstrafen.

Um solche Gräultaten in Zukunft zu verhindern, wurde 1947 der Nürnberger Kodex formuliert. In 10 Punkten wurden ethische Richtlinien für Ärzte zur Durchführung von Menschenversuchen bestimmt:

  1. Die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich. Das heißt, dass die betreffende Person im juristischen Sinne fähig sein muss, ihre Einwilligung zu geben; dass sie in der Lage sein muss, unbeeinflusst durch Gewalt, Betrug, List, Druck, Vortäuschung oder irgendeine andere Form der Überredung oder des Zwanges, von ihrem Urteilsvermögen Gebrauch zu machen; dass sie das betreffende Gebiet in seinen Einzelheiten hinreichend kennen und verstehen muss, um eine verständige und informierte Entscheidung treffen zu können. Diese letzte Bedingung macht es notwendig, dass der Versuchsperson vor der Einholung ihrer Zustimmung das Wesen, die Länge und der Zweck des Versuches klargemacht werden; sowie die Methode und die Mittel, welche angewendet werden sollen, alle Unannehmlichkeiten und Gefahren, welche mit Fug zu erwarten sind, und die Folgen für ihre Gesundheit oder ihre Person, welche sich aus der Teilnahme ergeben mögen. Die Pflicht und Verantwortlichkeit, den Wert der Zustimmung festzustellen, obliegt jedem, der den Versuch anordnet, leitet oder ihn durchführt. Dies ist eine persönliche Pflicht und Verantwortlichkeit, welche nicht straflos an andere weitergegeben werden kann.
  2. Der Versuch muss so gestaltet sein, dass fruchtbare Ergebnisse für das Wohl der Gesellschaft zu erwarten sind, welche nicht durch andere Forschungsmittel oder Methoden zu erlangen sind. Er darf seiner Natur nach nicht willkürlich oder überflüssig sein.
  3. Der Versuch ist so zu planen und auf Ergebnissen von Tierversuchen und naturkundlichem Wissen über die Krankheit oder das Forschungsproblem aufzubauen, dass die zu erwartenden Ergebnisse die Durchführung des Versuchs rechtfertigen werden.
  4. Der Versuch ist so auszuführen, dass alles unnötige körperliche und seelische Leiden und Schädigungen vermieden werden.
  5. Kein Versuch darf durchgeführt werden, wenn von vornherein mit Fug angenommen werden kann, dass es zum Tod oder einem dauernden Schaden führen wird, höchstens jene Versuche ausgenommen, bei welchen der Versuchsleiter gleichzeitig als Versuchsperson dient.
  6. Die Gefährdung darf niemals über jene Grenzen hinausgehen, die durch die humanitäre Bedeutung des zu lösenden Problems vorgegeben sind.
  7. Es ist für ausreichende Vorbereitung und geeignete Vorrichtungen Sorge zu tragen, um die Versuchsperson auch vor der geringsten Möglichkeit von Verletzung, bleibendem Schaden oder Tod zu schützen.
  8. Der Versuch darf nur von wissenschaftlich qualifizierten Personen durchgeführt werden. Größte Geschicklichkeit und Vorsicht sind auf allen Stufen des Versuchs von denjenigen zu verlangen, die den Versuch leiten oder durchführen.
  9. Während des Versuches muss der Versuchsperson freigestellt bleiben, den Versuch zu beenden, wenn sie körperlich oder psychisch einen Punkt erreicht hat, an dem ihr seine Fortsetzung unmöglich erscheint.
  10. Im Verlauf des Versuchs muss der Versuchsleiter jederzeit darauf vorbereitet sein, den Versuch abzubrechen, wenn er auf Grund des von ihm verlangten guten Glaubens, seiner besonderen Erfahrung und seines sorgfältigen Urteils vermuten muss, daß eine Fortsetzung des Versuches eine Verletzung, eine bleibende Schädigung oder den Tod der Versuchsperson zur Folge haben könnte.

Haben sich Ärzte in der Nachkriegszeit an diesen Kodex gehalten?

Nach Recherchen in den Archiven des Pharmakonzerns Merk stellte die Pharmazeutin Sylvia Wagner fest, dass auch nach 1945 Heimkinder und Kinder, die Insassen von Psychiatrien waren, für unfreiwillige Medikamententests benutzt wurden. Einem Bericht der Zeit zur Folge habe man in dem für seine Grausamkeit bekannten katholische Franz-Sales-Haus in Essen Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 13 Jahren das Neuroleptikum Decentan verabreicht.

Die Ergebnisse seiner Versuche hat der Arzt Dr. Waldemar Strehl dokumentiert:

Starrkrampf im Bereich der Rückenmuskulatur. Blickkrampf nach links oben. Plötzlich Schreikrämpfe. Die linke Seite war wie gelähmt, der Mund schief. Die Zunge war wie gelähmt. Steht apathisch herum. Das Gesicht ist mimikarm völlig verändert. Taumelt.

Wagner kommentiert dies mit den Worten

Es war erschreckend zu lesen. Hier hat jemand ohne Unrechtsbewusstsein gehandelt.

Die beschriebenen Symptome sind im medizinischen Jargon unter dem Sammelbegriff Dyskinesien bekannt. Sie sind die unmittelbaren, neurotoxischen Wirkungen der Neuroleptika. Quälende Bewegungsstörungen, die dadurch verursacht werden, dass die Neuroleptika das Gehirn massiv schädigen.

Der Pharma-Experte Prof. Gerd Glaeske bestätigt dies:

Bei Kindern, deren Gehirne sich noch entwickeln, muss man vermuten, dass sie dauerhafte Schäden davongetragen haben.

Die Ärztezeitung zitiert einen Betroffenen:

Nach dem Mittagessen mussten wir uns hintereinander aufstellen, die Hand aufhalten und bekamen eine Tablette. Die mussten wir schlucken und hinterher den Mund aufmachen und zeigen, dass sie weg ist.

Sylvia Wagner hat durch Recherchen in historischen Archiven und Fachzeitschriften herausgefunden, dass es in Deutschland etwa 50 derartiger Versuchsreihen gab.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, wiegelt der Merck-Sprecher Gangolf Schrimpf ab:

Die derzeit diskutierten Tests liegen mehr als 50 Jahre zurück und die Gesetzeslage war damals eine andere. Nach unserer Kenntnis hat Merck nicht rechtswidrig gehandelt. Daher stellt sich die Frage nach Wiedergutmachung nicht.

Auch aus der Schweiz wurden ähnliche Fälle bekannt. Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn missbrauchte einem Bericht des Tagesanzeigers zur Folge bei seinen zweifelhaften Forschungen unschuldige Kinder für illegale Medikamentenversuche. Von 1950 bis in die Mitte der 60er Jahre führte er in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen an über 1600 ahnungslosen Probanden Klinische Psychopharmaka-Tests ohne deren Einwilligung durch.

Unter dessen verabschiedete der Deutsche Bundestag ein Gesetz, welches Arzneimitteltest an nicht-einwilligungsfähigen Personen erlaubt. Doch zur nicht-einwilligungsfähigen Person kann jeder per psychiatrischem Gutachten erklärt werden. Spätestens damit wird der Nürnberger Kodex zur Makulatur.

Weitere Informationen zum Thema:

Deutsches Ärzteblatt: Ethische Kodizes in Medizin und Biotechnologie – Schutz vor ärztlichen Verfehlungen

Zeit Online: Missbrauch von Heimkindern – „Plötzlich Schreikrämpfe. Der Mund schief“

Stern: Heimkinder in Deutschland für Medikamententests missbraucht

Spiegel Online: Medikamententests – Heimkinder waren Versuchskaninchen

Ärzte Zeitung: Medikamententests im Heim? – Ein Betroffener erzählt.

WDR: Bethel räumt Medikamenten-Versuche ein

Ärzte Zeitung: Bundestag lässt gruppennützige Arzneitests zu

Der Tagesspiegel: Bundestag setzt sich über Bedenken hinweg – Mehr Arzneitests an Demenzkranken

dieDatenschützer Rhein Main: Medikamententests an Demenzkranken und geistig Behinderten – ein Verstoß gegen das informationelle Selbstbestimmungsrecht

Mengeles geistige Erben: Illegale Medikamententests an Schweizer Kindern

Der Fall Mollath und andere: staatlicher Mißbrauch der Psychiatrie in Deutschland. Steckt dahinter System?

Psychiatrische Diagnosehandbücher, die immer dicker werden, inflationäre Verwendung von psychiatrischen Diagnosen, zweifelhafte Gutachten und Zwangspsychiatrisierung. In den letzten Jahren wurden immer wieder Fälle wie z.B. die von Gustl Mollath oder den hessischen Steuerfahndern bekannt. Steckt dahinter ein System? Darüber redet Michael Vogt von Quer-Denken.tv mit Dr. med. Friedrich Weinberger von der Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie e.V.

Mehr Informationen zum Thema:

Quer-Denken.tv: Der Fall Mollath und andere: staatlicher Mißbrauch der Psychiatrie in Deutschland. Steckt dahinter System?

GEP – Walter-von-Baeyer-Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie e.V.

Politische Psychiatrie in Deutschland

Die dunklen Seiten von Justiz und Psychiatrie

Psychiatrie-Mißbrauch oder Modus Operandi?

Aktion Mensch erntet Shitstorm wegen Unterstützung fragwürdiger Autismus-Therapie

Wegen der finanziellen Unterstützung einer fragwürdigen Disziplinierungs- und Konditionierungstechnik für Autisten Namens Applied Behavior Analysis (ABA) hat die Lotterie Aktion Mensch einen veritablen Shitstorm geerntet. Auf seinem Blog Quergedachtes rief der Journalist Aleksander Knauerhase am 29. Februar 2016 unter der Überschrift Warum? zum Protest gegen die Aktion Mensch auf:

Im Hilfeschrei sind fast täglich neue Informationen und Quellen/Belege zu ABA und vorallem dem Menschenbild und der Praxis hinzugekommen.

Je mehr ich kämpfe und auf das Unrecht aufmerksam mache umso mehr stellt sich mir eine Frage: Warum ist es so vielen Menschen egal?

Warum ignoriert uns die Aktion Mensch?

Warum müssen wir uns immer wieder dafür rechtfertigen, dass wir ABA bekämpfen?

Eine Bitte an meine Leser: Stellt diese einfache Frage an die Aktion Mensch. Fragt sie: “Warum?”. Bei Twitter, bei Facebook, wo immer Ihr auf die Aktion Mensch trefft. Es kostet Euch nur ein paar Sekunden. Verwendet den Hashtag #FragtWarum um auf diese Aktion aufmerksam zu machen. Ich denke wir alle haben ein Recht darauf zu erfahren warum die Aktion Mensch ABA Projekte fördert und die Bedenken der Autisten dabei schnell mal ignoriert.

Am 13. Februar 2016 hatte Knauerhase in einem Blogpost mit der Überschrift Hilfeschrei seine Kritik an ABA ausführlich begründet. Diesem Aufruf sind zahlreiche Menschen, darunter auch viele, die sich selbst als Autisten bezeichnen, gefolgt. Die Protestierenden sind der Meinung, das Abrichten von Kindern mittels manipulativer Psychotechniken sei unethisch und würde gegen die UN-Behindertenrechtskonvention verstoßen. Die Behindertenrechts-Aktivistin Julia Probst bezeichnet ABA auf Twitter gar als Folter:

Beim Betrachten der Videos zum Thema ABA, die Knauerhase auf seinem Blog listet, wird der fachkundige Zuschauer sofort an die Skinner-Box erinnert. Die Skinner-Box ist eine Versuchsanordnung zur operanten Konditionierung von Versuchstieren, die von dem US-amerikanischen Psychologen Burrhus Frederic Skinner ersonnen wurde. Ein Lehrfilm der Universität Yale zeigt eindrucksvoll wie das funktioniert: Das Verhalten der Versuchstiere wird mittels Bestrafung durch Elektroschocks bzw. Belohnung in Form von Nahrung geformt.

Der Psychiatrie-Professor Hans E. Kehrer, dessen Institute die Aktion Mensch laut Angaben von Knauerhase mit aktuell 249.591 Euro fördert, machte in einem Spiegel-Interview aus dem Jahre 1972 keinen großen Hehl daraus. Die Behandlung von autistischen Kindern hätte

große Ähnlichkeit mit Dressur bei Tieren

Dies spräche nach Kehrers Meinung aber nicht gegen diese Methode.

Mehr Informationen zum Thema:

Quergedachtes: Hilfeschrei

innenwelt: Aktion Mensch fördert ABA

Aktion Mensch: Engagierte Diskussion über ABA

dasfotobus: Warum ich ABA verlassen habe (eine Übersetzung)

Der Spiegel: Psychiatrie – Leere Festung

Motivation und Belohnung

Politische Psychiatrie in Deutschland

Schon seit geraumer Zeit wird die deutsche Psychiatrie nicht nur von Menschenrechtsaktivisten, sondern auch auf der internationalen, politischen Bühne mißtrauisch beäugt. So erklärte der Sonderberichterstatter über Folter des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Juan E Méndez, in der 22. Sitzung des „Human Rights Council“ am 4. März 2013 Zwangsbehandlung in der Psychiatrie zu Folter, bzw. grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung. Er forderte, dass alle Staaten ein absolutes Verbot aller medizinischen nicht einvernehmlichen bzw. Zwangsbehandlungen verhängen sollten, einschließlich nicht-einvernehmlicher Psychochirurgie, Elektroschocks und Verabreichung bewusstseinsverändernder Drogen, sowohl in lang- wie kurzfristiger Anwendung. Die Verpflichtung, erzwungene psychiatrische Behandlung zu beenden, wäre sofort zu verwirklichen. Am 27.3.2015 wurde Rolf Schmachtenberg vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales vor einem UN-Komitee mit Foltervorwürfen in psychiatrischen Einrichtungen der BRD konfrontiert, die er doch ve­he­ment bestritt.

Jetzt gab der Psychiater Dr. Friedrich Weinberger von der Walter-von-Baeyer-Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie (GEP) dem deutschsprachigen Ableger des Russischen Staatssenders Russia Today ein Interview zum Thema politische Psychiatrie in Deutschland. Als konkrete Fallbeispiele nennt Weinberger unter anderem die bundesweit bekannt gewordenen Fälle Gustl Mollath, der, nachdem er Schwarzgeldgeschäfte, in der auch seine damalige Ehefrau verwickelt war, angezeigt hatte und drauf hin über 7 Jahre in der Psychiatrie verschwand, sowie die Affäre um die Hessischen Steuerfahnder um Rudolf Schmenger, die für den Geschmack einiger deutschen Machthaber etwas zu gründlich ermittelten und deswegen per psychiatrischer Begutachtung vorzeitig in Rente geschickt wurden.

Warum es so gut funktioniert, unbequeme Menschen mit Hilfe der Psychiatrie mudtod zu machen, erklärt Weinberger:

Das ist offen­sichtlich der Grund für den Mißbrauch der Heilkunde, dass Machthaber unter­schied­lich­ster Fär­bung auf unterschiedlichsten Ebenen sie allzu gern gebrauchen und wei­terhin ge­brauchen wol­len, um Oppositionelle, ggf. ganze Gruppen, ganze Lager, die das Sy­stem hinter­fra­gen, zu „erle­di­gen“, sie in leichten Fällen damit (etwa unter der Dia­gnose „Ver­schwö­rungstheoretiker“) zu diskreditieren, in „schwereren“, sie ganz aus dem Ver­kehr zu zie­hen, wo­bei sie ihre Hände noch in Unschuld waschen. Ärzte, Psy­cho­logen, „Sach­ver­ständige“ über­nehmen für sie ja die Drecksarbeit und versehen diese gar noch mit inter­na­tio­nal- „wissenschaftlichen“ Gütesiegel.

Doch auch die Psychiatriekritik ist nicht davor gefeit, politisch instrumentalisiert zu werden. Dazu schreibt Weinberger auf der Internetseite der GEP folgendes:

Unsere Vereinigung, Teil da­mals einer aus „ähnlichen“ Gruppierun­gen in ver­schie­denen Ländern beste­hen­den Asso­zia­tion, der IAPUP, war an ihm voll beteiligt. Mit der Zeit merkten wir jedoch, daß diese ande­ren Grup­­­pen auch von uns abweichende Ziele verfolg­ten und ihnen trübes Geld zuging. In die­sem Kreis, der dann ganz auf (amerikanisch-freud-marxistische) „Reform“ umschwenkte, hör­ten wir 1991, daß die Smith-Richard­­­son-Foun­da­tion, eine der Haupt-Geldquellen – unsere deut­sche Ver­­eini­gung war of­fen­sicht­­lich die ein­zige, die sich über die Jahre al­lein aus Mit­glieds­beiträgen nähr­te -, das Wort „Psy­chia­triemiß­brauch“ nicht mehr hören wolle. Laut Wikipedia un­ter­stützt die Foun­dation vor allem kon­ser­vative US-Po­l­itik! Wir ver­ließen IAPUP rasch. Außer von uns war der sowjeti­sche Psycho-Miß­brauch hier­zuland nur von der FAZ ver­merkt worden. Jetzt aber – die Sowjetunion war 1991 in Auf­lösung, das Hauptziel der Geldgeber wohl er­reicht – tauch­­te be­sag­­tes Wort auch in der FAZ nie mehr auf, auch in Zusammenhang mit der DDR oder jetzt mit Mollath, Schmenger u.a. nie mehr. West­lichen Machthabern, die das Fach, wie sich bald zeigte, ähn­lich miß­brau­chen wie seinerzeit Chrusch­tschow & Co., wollte wohl auch die FAZ das Spiel nicht verderben.

Mehr Informationen zum Thema:

RT: Als verrückt abgestempelt – Psychiatriemissbrauch als Waffe

Psychiatrie und Ethik: Interview am 15.1.2016 bei RT Deutsch zum Psychiatriemißbrauch

Wikipedia: Politischer Missbrauch der Psychiatrie

BRD-Abgesandter leugnet vor UN-Komitee Folter

Psychiatrie-Mißbrauch oder Modus Operandi?

Psycho-Gutachter im Kreuzfeuer der Kritik

Meine Psychose, mein Fahrrad und ich

Die Psychiatrie-Überlebende Lisa zitiert aus dem Buch „Meine Psychose, mein Fahrrad und ich“ des Psychoanalytikers Fritz B. Simon. Darin hinterfragt Simon das medizinisch-biologische Krankheitsmodell der Psychiatrie. Ist abweichendes Verhalten stets das Symptom einer Krankheit? Was unterscheidet Kriminalität von Krankheit? Sollte man die Gefängnisse schließen und statt dessen psychiatrische Krankenhäuser errichten? Wieviel Verantwortung kann, darf oder muß einem Menschen für sein Denken, Fühlen und Handeln zugesprochen werden?

Mehr Informationen zum Thema:

Carl-Auer Verlag: Fritz B. Simon – Meine Psychose, mein Fahrrad und ich

Thomas Szasz: Mythos Geisteskrankheit

Pflasterritzenflora: Verantwortung

Wikipedia: Biologismus

NIMH dreht der Psychiatrie den Geldhahn zu

Psychiatrieopfer – Mythos Einzelfall

Mengeles geistige Erben: Illegale Medikamententests an Schweizer Kindern

Roland Kuhn

Der Schweizer Psychiater Roland Kuhn gilt als der Entdecker des ersten Antidepressivums. Dafür wurde er vielfach von der Fachwelt geehrt. Kuhn wurde mit den Ehrendoktoraten der Medizin der Universität Basel und der Université catholique de Louvain sowie dem Ehrendoktorat der Philosophie der Universität Sorbonne ausgezeichnet. 1993 ernannte die ehemalige Gemeinde Scherzingen Roland Kuhn zu ihrem Ehrenbürger. 2004 wurde Roland Kuhn die Hans-Prinzhorn-Medaille überreicht.

Wie jetzt bekannt wurde, missbrauchte er bei seinen zweifelhaften Forschungen unschuldige Kinder für illegale Medikamentenversuche. Von 1950 bis in die Mitte der 60er Jahre führte er in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen an über 1600 ahnungslosen Probanden Klinische Psychopharmaka-Tests ohne deren Einwilligung durch. Todesfälle wurden nie untersucht. Die Überlebenden leiden bis heute unter den Folgen.

Walter Emmisberger, eines der Opfer berichtet gegenüber dem Tagesanzeiger:

Ich wurde wie eine Gans mit Tabletten vollgestopft.

Kuhns Praktiken lassen unweigerlich Erinnerungen an den berühmt-berüchtigten deutschen KZ-Arzt Josef Mengele hochkommen.

In einem Interview mit dem Beobachter sagte der deutsche Psychiater Klaus Dörner dazu:

Die Jahrzehnte zuvor waren die Ära des Schocks. Psychisch Kranke wurden mit Elektroschocks oder Insulinschocks behandelt. Weil das aber Methoden aus der Nazizeit waren, herrschte plötzlich eine Euphorie über die neuen Medikamente und deren angebliche Möglichkeiten. […] Den allermeisten Psychiatern waren die neuen ethischen Standards der Helsinki-Deklaration egal. An ­eine Einwilligung in die klinischen Ver­suche dachten viele damals nicht.

Die Helsinki-Deklaration ist ein Übereinkommen des Weltärztebundes zu ethischen Grundsätzen für die medizinische Forschung am Menschen. Sie wurde im Juni 1964 von der 18. Generalversammlung des Weltärztebundes in Helsinki verabschiedet.

In der Helsinki-Deklaration heißt es unter anderem:

Bei der medizinischen Forschung an einwilligungsfähigen Personen muss jede potentielle Versuchsperson angemessen über die Ziele, Methoden, Geldquellen, eventuellen Interessenkonflikte, institutionellen Verbindungen des Forschers, den erwarteten Nutzen und die potentiellen Risiken der Studie, möglicherweise damit verbundene Beschwerden sowie alle anderen relevanten Aspekte der Studie informiert (aufgeklärt) werden. Die potentielle Versuchsperson muss über das Recht informiert (aufgeklärt) werden, die Teilnahme an der Studie zu verweigern oder eine einmal gegebene Einwilligung jederzeit zu widerrufen, ohne dass ihr irgendwelche Nachteile entstehen. Besondere Beachtung soll dem spezifischen Informationsbedarf der individuellen potentiellen Versuchspersonen sowie den für die Übermittlung der Informationen verwendeten Methoden geschenkt werden. Nachdem er sich vergewissert hat, dass die potentielle Versuchsperson diese Informationen verstanden hat, hat der Arzt oder eine andere angemessen qualifizierte Person die freiwillige, Informierte Einwilligung (Einwilligung nach Aufklärung ‐ „informed consent“) der Versuchsperson – vorzugsweise in schriftlicher Form – einzuholen.

Die Helsinki-Deklaration geht zurück auf den Nürnberger Kodex, einer ethischen Richtlinie für Experimente am Menschen, die anlässlich der während der Zeit des Nationalsozialismus im Namen der medizinischen Forschung begangenen Verbrechen verfasst wurde. Im Rahmen des Nürnberger Ärzteprozesses wurden am 20. August 1947 sieben der Angeklagten Ärzte wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode, fünf zu lebenslangen Haftstrafen und vier zu Haftstrafen zwischen 10 und 20 Jahren verurteilt.

Die Schweizer Regierung richtete jetzt einen runden Tisch ein, an dem mit den Opfern der münsterlinger Menschenversuche über eine finanzielle Entschädigung für das erlittene Unrecht verhandelt werden soll. Den Täter wird man nicht mehr zur Verantwortung ziehen können, denn Roland Kuhn ist im Oktober 2005 verstorben.

Skandalös waren die Äußerungen des Thurgauer Regierungsrats Kaspar Schläpfer (FDP Schweiz). In einem Fernsehinterview mit dem Sender Tele Ostschweiz versuchte Schläpfer die menschenverachtenden Praktiken des Psychiaters Roland Kuhn zu rationalisieren. Man müsse auch sehen, was für Wert für die Forschung entstanden sei. Dies sorgte nicht nur bei den Opfern für Empörung.

Mehr Informationen zum Thema:

Beobachter: Psychiatrie – Die Menschenversuche von Münsterlingen

Tagesanzeiger: Ich wurde wie eine Gans mit Tabletten vollgestopft

Beobachter: Psychiatrie – Abgabe von Psychopharmaka ist noch heute teils kriminell

Deklaration von Helsinki

Pflasterritzenflora: Ethik

Focus: Die Menschenversuche der Nazi-Ärzte – Euthanasie – Mord im Namen von Forschung und Rassenlehre

Mengeles Erben

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