Gustl Mollath muss weiter einsitzen. Weil er angeblich verrückt ist. Nun ja, heutzutage sind ja nicht mal mehr die Politiker frei von mentaler Zerrüttung. Beate Merk zum Beispiel reagiert in letzter Zeit recht paranoid auf harmlose Tweets.
Der Carl-Auer Verlag hat einen Klassiker der Psychiatriekritik neu aufgelegt: Geisteskrankheit – ein moderner Mythos von Thomas Szasz. Für sogenannte “psychische Krankheiten” gibt es bis heute keine objektiven Tests. Szasz bestreitet die Existenz von sogenannten “psychischen Krankheiten” im medizinisch-biologischen Sinn. Er sieht in ihnen Metaphern, Konstrukte zur sozialen Kontrolle. Die Psychiatrie sei eine Institution zur Sanktionierung unerwünschten Verhaltens außerhalb der Strafjustiz, die sich als medizinische Disziplin tarnt.
50 Jahre nach der Erstauflage dieses Buchs wächst auch in Reihen von Psychiatern Widerstand gegen den wuchernden Pathologisierungswahn. So lehnt das NIMH die aktuelle Ausgabe des DSM – der Bibel der Psychiatrie – ab. Die dort beschriebenen psychiatrischen Krankheitsbilder seien nicht valide.
Die Wochenzeitung der Freitag widmet sich in ihrer aktuellen Ausgabe mit der Titelgeschichte “Ein Fall für den Psychiater – Wahnsinn wird immer alltäglicher” dem Pathologisierungswahn. Psychische Krankheiten würden zunehmen. Was bedeutet normal, wenn laut Studien jeder dritte im psychiatrischen Sinn als unnormal gelten soll? Die Suche nach der Ursache der Psycho-Welle habe zu einer einleuchtenden Diagnose geführt. Die Psychiatrie selbst versuche die Massen zu pathologisieren, und zwar im Dienste einer gewissenlosen, profitgierigen Pharmaindustrie. Ausführlich wird auch auf die aktuelle Debatte um die Neuauflage des DSM – der Bibel der Psychiatrie – eingegangen. Dazu wird auch der Psychiater Allen Frances zitiert, der zur Zeit mit seiner Kritik am Diagnosehandbuch DSM 5 für Schlagzeilen sorgt.
Seit mehr als sieben Jahren sitzt Gustl Mollath aus Nürnberg in der geschlossenen Psychiatrie. Er hat alles verloren: Sein Haus wurde zwangsversteigert, geblieben ist ihm nicht einmal ein Foto seiner Mutter. “Ich hatte nicht einmal Punkte in Flensburg. Plötzlich sind Sie der kriminelle Wahnsinnige”, beschreibt Gustl Mollath sein Schicksal. Sein Fall beschäftigt seit Monaten Medien und besorgte Bürger. Der schlimme Verdacht: Gustl Mollath wurde weggeschafft, um Steuersünder zu schützen.
Noch normal oder schon gestört? Gesprächsleitung: Eggert Blum. | Es diskutieren: Jörg Blech, Wissenschaftsjournalist SPIEGEL, Berlin, Prof. Dr. Dr. med. Andreas Heinz Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Campus Charité Berlin-Mitte, Dr. med. Christa Roth-Sackenheim niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin, Andernach
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