Kommt Gustl Mollath endlich frei? Die Justiz wird wohl langsam ihre Meinung zu dem Fall ändern, meint Journalist Uwe Ritzer – die Sachverständigen allerdings weniger. Einer jener Sachverständigen fertigte auch ein Gutachten im Fall “Peggy” an. Ina Jung weiß mehr darüber.
Der amerikanische Psychiater Allen Frances, einer der ehemaligen Autoren des
Katalogs für psychiatrische Störungen DSM, warnt vor den Auswüchsen der Psychiatrie.
In einigen Monaten erscheint das neue amerikanische Handbuch zur Diagnose psychiatrischer Krankheiten, das “DSM 5″. Aber schon heute erzeugt es heftigen Streit. Denn das DSM-5 wird die Entwicklung der Psychiatrie auf Jahre hinaus wesentlich beeinflussen.
Kritiker meinen, dass es zu viel neue und überflüssige Störungsbilder enthalte. Außerdem definiere es Störungen oft so weich, dass auch Durchschnittsmenschen künftig zum psychiatrischen Fall würden. Die Verteidiger des Handbuchs kontern: Es habe in der Geschichte immer wieder neue Störungen gegeben, auf die die Psychiater zu reagieren hätten. Außerdem seien weiche Kriterien nötig, um Risikopatienten früh erkennen und therapieren zu können. Wann ist ein Patient wirklich gefährdet – und wann leiden die Psychiater selbst unter Störungswahn? Der Streit zeigt, in welche Richtung sich die Psychiatrie insgesamt entwickeln könnte.
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Thomas Szasz, Psychiater und einer der bekanntesten Psychiatriekritiker verstarb am Samstag, den 8. September 2012 im Alter von 92 Jahren in Folge eines Sturzes, wie seine Tochter berichtete.
Für Szasz war der Begriff der Geisteskrankheit ein Mythos. Eine Metapher zur Aussonderung unerwünschter Menschen. Psychiatrie habe mehr mit einem Glaubenssystem, als mit einer Wissenschaft gemein. Obwohl er die Existenz von Geisteskrankheiten im Sinne von medizinischen Problemen bestritt, leugnete er nicht, daß Menschen seelisch leiden können. Diese Leiden hätten aber ihre Ursachen in sozialen Konflikten. Deshalb könnte auch eine zwangsweise Behandlung mit psychiatrischen Drogen keine echte Lösung sein.
In zahlreichen Büchern veröffentlichte Szasz seine Thesen. Einige davon erschienen auch in deutscher Sprache. Eines seiner bekanntesten Werke, “Geisteskrankheit – ein moderner Mythos”, soll 2013 erneut in deutscher Sprache erscheinen.
Was den Mythos der Geisteskrankheiten als angebliche biologische Defekte angeht, sollte Szasz recht behalten. Alle bisherige Hypothesen, wie z.B. die Dopaminhypothese oder Geisteskrankheiten in Folge von genetischen Defekten, stellten sich als wissenschaftlich unhaltbar heraus. Daß die Geisteskrankheit vielmehr eine Metapher ist, um die Aussonderung unerwünschter Menschen und die Sanktionierung unerwünschten Verhaltens außerhalb der Strafjustiz unter medizinisch-pseudowissenschaftlichem Deckmäntelchen zu rechtfertigen, zeigt auch die aktuelle Entwicklung in der BRD. Nachdem mit den Urteilen des Bundesverfassungsgerichts von 2011 der Psychiatrie die rechtliche Grundlage für Zwangsbehandlung entzogen wurde, sehen Psychiater die Grundlage ihrer Arbeit bedroht. Plötzlich geben auch Psychiater ganz offen zu, daß Psychiatrie eben keine medizinische Disziplin im eigentlichen Sinne, sondern wie Szasz in seinem Buch “Psychiatrie – die verschleierte Macht” richtig feststellte, eine Ordnungsmacht zur Ausübung sozialer Kontrolle ist.
In der Antipsychiatrieszene wurde Szasz hoch geschätzt. So verlieh Ihm die Irren-Offensive, die sich seit 1998 als Menschenrechtsgruppe versteht, 2002 ihren Freiheits-Preis. Gleichwohl lehnte Szasz selbst den Begriff “Antipsychiatrie” ab.
Für Kontroversen sorgte auch sein 1997 in deutsch erschienenes Buch “Grausames Mitleid. Über die Aussonderung unerwünschter Menschen”. In diesem Werk propagierte er die Selbstverantwortung des Einzelnen für sein Tun und Lassen. Während es ethisch verwerflich sei, psychiatrische Krankheitsbegriffe dazu zu benutzen, um mit Dissidenten und anderen Menschen, die unerwünschtes Verhalten zeigen, fertig zu werden, sei es genauso verwerflich, psychiatrische Krankheitsbilder als Ausrede für eigenes Fehlverhalten zu benutzen. Die These von Szasz, daß letzteres dazu führt, daß Menschen unselbständig werden und in Folge dessen der Sozialgemeinschaft auf der Tasche liegen, kritisierten einige als eine Form von Sozialdarvinismus.
Dazu muß man aber die libertäre Philosophie verstehen, die auch Szasz vertrat. Diese stellt die Freiheit des Individuums über alles andere. Demnach sei es grundsätzlich falsch, jemanden zu etwas zu zwingen. Genau so wenig wie es richtig sei, jemanden zur Einnahme psychiatrischer Drogen zu zwingen, sei es auch falsch, andere mit Hilfe des Sozialstaats dazu zu zwingen, Menschen finanziell zu fördern, die als Ausrede für ihre eigene Untätigkeit psychiatrische Diagnosen anführen. Was einige dabei falsch verstehen: Wenn niemand gezwungen wird, für andere zu sorgen, heißt das noch lange nicht, daß man es nicht trotzdem freiwillig kann, wenn man möchte. Der Unterschied dabei liegt jedoch darin, daß bei einer staatlich koordinierten Wohlfahrtspflege der einzelne keine Entscheidungsgewalt darüber hat, wie die von ihm dafür eingezahlten Gelder verwendet werden. In den U.S.A. ist dieses Mißtrauen gegenüber dem “Nanny-Staat” (im deutschsprachigen Raum würde man es wohl “therapeutischer Staat” nennen) weit verbreitet. Daß dies nicht ganz unbegründet ist, zeigt ein Blick nach Deutschland. Vielerorts bereichert sich hier eher eine Helferindustrie am Elend anderer, als daß denjenigen, denen angeblich geholfen werden soll, wirklich geholfen wird. Dies führt dann nicht zu einer Beseitigung des Elends, sondern zur Kultivierung des selben.
Thomas Szasz hat mit seinem Lebenswerk einen unverzichtbaren Beitrag zur Entlarvung der Psychiatrie geleistet und viele dazu motiviert, gegen das Unrecht zu kämpfen, welches dort überall in der Welt täglich geschieht.