Zwangsbehandlungsgesetz: Menschenrechtsanwalt stellt Strafanzeige

Radio Deyeckland 102.3 mhz
David Schneider-Addae-Mensah ist Rechtsanwalt in Karlsruhe und Straßburg mit dem Schwerpunkt Menschenrechte. Ende Januar har er eine Strafanzeige gegen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, gegen den Baden-Württembergischen Justizminister Rainer Stickelberger und gegen unbekannt wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung in einer Vielzahl von Fällen sowie wegen versuchter schwerer Körperverletzung in einer Vielzahl von Fällen der Staatsanwaltschaft zugestellt. Auftraggeberin dieser Strafanzeige ist die Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener (nicht zu verwechseln mit dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener). Radio Dreyeckland fragte nach, was es mit dieser Anzeige auf sich hat.

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Mehr Informationen zum Thema:

freie-radios.net: Zwangsbehandlungsgesetz – Menschenrechtsanwalt stellt Strafanzeige

Zwangspsychiatrie.de: Strafanzeige gegen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Kritik an psychiatrischer Zwangsbehandlung

Bundestag stimmt über Gesetz zur psychiatrischen Zwangsbehandlung ab

Die zwei Gesichter der Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

Psychopolitische Ontologie

Demonstration gegen psychiatrische Zwangsbehandlung in Lörrach

Demonstration gegen Zwangspsychiatrie beim FDP Dreikönigstreffen 2013

Wissenschaftliche Arbeit von Dr. Volkmar Aderhold zum Thema Neuroleptika

Gesetz zur Förderung des Absatzes der Pharmaindustrie im Bundestag abgenickt

Radio Deyeckland 102.3 mhz
Folter, Tyrannei oder auch Pharmaabsatzförderungsgesetz bezeichnen Betroffenenverbände die Neuregelung der Zwangsbehandlung im Betreuungsrecht, die gestern am 17. Januar 2013 vom Bundestag abgenickt wurde. Ohne gesellschaftliche Debatte und ohne Einbeziehung der Betroffenen setzt dieses Gesetz die Grund- und Menschenrechte von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen ausser Kraft. Radio Dreyeckland sprach mit Johannes Georg Bischoff vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener.

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Mehr Informationen zum Thema:

RDL: Gesetz zur Förderung des Absatzes der Pharmaindustrie im Bundestag abgenickt

Jörn Wunderlich zum Thema psychiatrische Zwangsbehandlung

Bundestag stimmt über Gesetz zur psychiatrischen Zwangsbehandlung ab

Bundestag missachtet Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts! Presseklärung des BPE e.V. zur Neuregelung der Zwangsbehandlung nach Betreuungsrecht.

Deutsche Welle: Streit um psychiatrische Zwangsbehandlung

Dr. Volkmar Aderhold über Neuroleptika

Bundesverband Psychiatrieerfahrener e.V. (BPE)

Bochumer Willenserklärung

PatVerFü

Bericht vom Selbsthilfetag des LVPE BW in Stuttgart

Der erste vom Landesverband Psychiatrieerfahrener Baden-Württemberg organisierte Selbsthilfetag fand am Samstag, den 10.12.2011 in Stuttgart statt. Thema der Veranstaltung war “Zwang und Gewalt in der Psychiatrie”.

Im Vorfeld der Veranstaltung gab es innerhalb der Psychiatrieerfahrerenbewegung einigen Wirbel um ein Positionspapier zum Thema Zwang und Gewalt in der Psychiatrie, welches dieser Landesverband als Antwort auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 23.3.2011 verfasst hatte. In diesem Urteil des Bundesverfassungsgerichts wurde psychiatrische Zwangsbehandlung für verfassungswidrig erklärt. Der Baden-Württemberger Psychiatrieerfahrenen-Landesverband vertrat in seinem zweifelhaften Positionspapier jedoch die These, daß eine zwangsfreie Psychiatrie, die ihrer Schutz- und Ordnungsfunktion gerecht werden soll, ihrer Einschätzung nach nicht geben könne. Damit gestanden sie unfreiwillig ein, daß die Psychiatrie eben genau das ist, was Psychiatriekritiker, wie z.B. Dr. Thomas Szasz, schon lange von ihr behaupten: Eine Institution zur Sanktionierung unerwünschten Verhaltens außerhalb der Strafgerichtsbarkeit, die sich als medizinische Disziplin tarnt.

Offensichtlich entsprach dieses Positionspapier, welches maßgeblich von Rainer Höflacher verfasst wurde, aber nicht der Mehrheitsmeinung der Mitglieder des Verbands. Die Folge waren Protestschreiben, Austritte und die Überlegung des Bundesverbands Psychiatrieerfahrener, diesen Landesverband wegen seinen verfassungsfeindlichen Äußerungen auszuschließen.

Auf diese Entwicklung ging Klaus Laupichler auch in seiner Begrüßungsrede ein:

Klaus Laupichler“Das Thema Zwang und Gewalt in der Psychiatrie ist neben dem Thema Psychopharmaka das am meisten mit Emotionen beladene Thema. Als wir unter der Federführung von Rainer Höflacher ein Positionspapier entwickelt haben, haben wir nicht damit gerechnet, daß so ein großer Widerhall gekommen ist. Ich selber lebe in einem Landkreis, in einer Klinik, wo es wenig Zwang und Gewalt gibt. Vielleicht war ich desweigen ein Bischen blind und hab nicht die große Tragweite gesehen. Die ganze Bedeutung der Diskussion kommt jetzt auf dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention. Da wird das Thema noch wichtiger neu zu klären.”

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Peter WeinmannErster Gastredner war Peter Weinmann von den Unabhängigen Psychiatrieerfahrenen Saarbrücken. In seinem Vortrag berichtete er über seine eigenen Erfahrungen, die er mit Zwang und Gewalt in der Psychiatrie gemacht hat. Von diesen Mißhandlungen habe er später Alpträume gehabt, die jedoch nie so schlimm gewesen seien, wie die Realität. Auch kritisierte er das biologische Krankheitsmodell der Psychiatrie. Er sehe die Ursachen für seine “Verrücktheiten” in seiner Biographie. Seine Eltern hätten eine sehr schwierige Beziehung miteinander gepflegt. Es hätte viel Streit zwischen seinen Eltern gegeben, was dazu geführt hätte, daß seine Mutter ihre Frustrationen und Depressionen zunehmend in Form von Agression gegen die Kinder ausgelebt hätte. Seine Mutter käme aus einem Elternhaus, in dem der Vater der SA angehörte und kleinbürgerlich-autoritär im Erziehungsstil war. Seine Krisen hätten auch existenzpsychologische Ursachen, d.h. auf Grund dieser Erfahrungen hätte er ein bißchen am Sinn des Lebens gezweifelt. Die Antworten der Psychiatrie wären aber nicht die gewesen, die er sich gewünscht hatte. Gewünscht hätte er sich einen Schutzraum zum Durchleben, zum Aufarbeiten und zur Integration seiner Gefühle, seiner Gegensätze. Und das was er gefunden hätte, wäre eine Psychiatrie, die ihr biologistisch-reduktionistisches Behandlungskonzept unter Androhung und auch Durchführung von Zwang und Gewalt bereit war, durchzusetzen. Im Juni 97 beschlossen Psychiater der Klink Völklingen, ihn drei mal täglich “vorsorglich” für jeweils zweieinhalb Stunden ans Bett zu fesseln. Diese Fixierungen seien eine Reaktion und Sanktion auf einen ersten Fluchtversuch gewesen. Trotz seiner negativen Erfahrungen glaubt Weinmann, die Psychiatrie könnte sich zum Zwang- und Gewaltfreien Hilfesystem wandeln. Dabei setzt er seine Hoffnungen vor allem in Konzepte wie Soteria.

Martin ZinklerDer nächste und letzte Gastredner war der Bayrische Psychiater Martin Zinkler. Zunächst einmal drückte er seine Verwunderung darüber aus, überhaupt von Psychiatrieerfahrenen eingeladen worden zu sein. Normalerweise würde er nur auf Fachkongressen seine Vorträge halten. Nach Meinung von Zinkler müßten sich Psychiater dem Widerspruch zwischen Ordnung und Hilfe stellen und nach gewaltfreien Lösungen suchen. Dazu zitierte er auch Franco Basaglia, einen der wichtigsten Vertreter der Antipsychiatrie:

“Wenn dann der Kranke fragt, wann er nach Hause entlassen wird, muß der Arzt in einen Dialog eintreten. In diesem Dialog gibt es nicht länger Subjekt und Objekt, sondern zwei Menschen, die zu Subjekten geworden sind. Wenn wir (also die Psychiater) diese Logik des Widerspruchs zwischen zwei Menschen nicht akzeptieren, dann sollten wir lieber Bananen verkaufen, als Ärzte sein.”

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Zunächst gab Zinkler eine Übersicht über die in Deutschland praktizierten Zwangsmaßnahmen, wie z.B. Fixierung, Zwangsmedikation und Isolation und stellte diese der Praxis in England gegenüber. Zinkler hatte von 1999 bis 2009 Praxiserfahrungen in England gesammelt. Dort gäbe es z.B. keine Fixierung, also ein Fesseln an das Bett, sondern statt dessen ein Festhalten oder ein Einsperren in einen Isolierraum, wenn ein Psychiatrieinsasse aggressiv wird. Außerdem würden in England Mitarbeiter der Psychiatrie in Deeskalationsstrategien geschult. Ferner hinterfragte Zinkler das psychiatrietypische orwellsche Doppelsprech, also warum z.B. in der Psychiatrie Festbinden nicht Festbinden, sondern Fixieren und Wegsperren Isolieren genannt wird.

Am Nachmittag gab es dann noch eine Podiumsdiskussion zum Thema Zwang und Gewalt in der Psychiatrie. Diese Podiumsdiskussion stand im krassen Widerspruch zu den eher antipsychiatrischen Vorträgen vom Vormittag. Bemerkenswert war auch, daß die Teilnehmer keine Kameras oder Audioaufzeichnungen zugelassen haben. Eine Journalistin des SWR, die dies nicht mitbekommen hatte, und einen Teil der Diskussion aufgezeichnet hatte, wurde energisch aufgefordert, ihr Gerät abzustellen. Der Grund dafür war wohl, daß ein Teil der Teilnehmer dieser Diskussion, allen voran Frau Gabriele Meier, versuchten psychiatrische Zwangsbehandlung auf manipulative Art zu verteidigen. Meier ging auf das Urteil des Bundesverfassungsgericht vom 23.3.2011 ein, zitierte daraus jedoch selektiv nur die Stellen, die beschrieben, in welchen Fällen möglicherweise doch eine psychiatrische Zwangsbehandlung erlaubt sei, falls dafür eine rechtliche Grundlage geschaffen würde. Frau Meier behauptete felsenfest, daß auch nach dem Karlsruher Urteil psychiatrische Zwangsbehandlung noch erlaubt sei. Dies führte erwartungsgemäß zu Ablehnung der anwesenden Psychiatrieerfahrenen und zum Teil wütenden Zwischenrufen aus dem Publikum. Fakt ist, daß das Bundesverfassungsgericht psychiatrische Zwangsbehandlung für verfassungswidrig erklärt und in Folge dessen schon die Unterbringungsgesetze von zwei Bundesländern für rechtswidrig und nichtig erklärt hatte, darunter auch das Unterbringungsgesetz von Baden-Württemberg. Durch die vielen Zwischenrufe und Richtigstellungen ihrer Fehlinterpretationen wurde Frau Meier sichtlich irritiert und nervös. Mit so viel Widerspruch hatte sie wohl nicht gerechnet.

Da das winzig kleine, juristische Schlupfloch, welches das Bundesverfassungsgericht für eine mögliche Legalisierung psychiatrischer Zwangsbehandlung offen gelassen hat, sich um die sogenannte Krankheitsuneinsichtigkeit drehte, war auch dies ein Thema dieser Diskussion. Hier musste selbst Rainer Höflacher, einer der glühensten Verfechter der Zwangspsychiatrie, eingestehen, daß psychiatrische Diagnosen immer nur subjektive Meinungen sind. Wenn man nämlich einen Probanden einmal wirklich auf die angeblichen biologischen Ursachen sogenannter psychiatrischer Krankheiten, wie z.B. Störungen im Neurotransmitterhaushalt, anatomische Veränderungen im Gehirn usw. testet, bleibt dies immer ohne Befund.
Die anwesenden Psychiater schwiegen sich zu diesem Thema bezeichnenderweise ganz aus. Doch sollte es in einem Rechtsstaat legitim sein, jemanden Grundrechte, wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit ohne das Vorliegen objektiver Beweise nur auf Grund einer Meinung eines anderen zu entziehen?

Der auf Menschenrechtsfragen spezialisierte Rechtsanwalt Schneider-Addae-Mensah, der das wegweisende Urteil gegen psychiatrische Zwangsbehandlung vor dem Bundesverfassungsgericht erkämpft hatte, sagte über psychiatrische Zwangsbehandlung folgendes aus:

“Oft sind die Betroffenen vergiftet – Wracks, die nicht selbstständig lebensfähig sind”.

Über einen mittlerweile unter fragwürdigen Umständen in der Forensik Mühlhausen ums Leben gekommenen, ehemaligen Mandanten hat er gegenüber der Presse folgendes verlautbaren lassen:

“Im Juli 2010 entschied das ÖHK Herrn Z. zunächst zu überwachen und ihn dann zu isolieren. Mehrfach fesselte man ihn grundlos und spritze ihn fast ins Delirium, ohne daß er etwas strafrechtlich Relevantes getan hätte. Im Sommer 2010 konnte sich Z. kaum auf den Beinen halten, so hatten Ärzte und Pfleger ihn mit ihren Giften hergerichtet.”

Meinungsverbrechen.de verteilte an alle Teilnehmer der Veranstaltung ein Rechtsgutachten zum Beschluß des Bundesverfassungsgerichts vom 23.3.2011, welches von Prof. Dr. Wolf-Dieter Narr, RA Thomas Saschenbrecker und RA Dr. Eckart Wähner im Auftrag des Komitees für Demokratie und Grundrechte erstellt wurde. Dieses Rechtsgutachten sollte allen, die durch die widersprüchlichen Aussagen der Podiumsdiskussion verwirrt wurden, Rechtssicherheit geben und den wenigen verirrten Geistern, die das unsägliche Positionspapier, in dem psychiatrische Zwangsbehandlung propagiert wurde, verfasst haben, helfen auf den Pfad der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und der Wahrung der Menschenrechte zurückzufinden.

Mehr Informationen zum Thema:

Peter Weinmann über Zwang und Gewalt in der Psychiatrie

Ein Plädoyer für Zwang und Gewalt

Unterbringungsgesetz von Baden-Württemberg verfassungswidrig

Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 23.3.2011 (Aktenzeichen 2 BvR 882/09)

Rechtsgutachten zum Beschluß des Bundesverfassungsgerichts gegen Zwangsbehandlung veröffentlicht

Taz: Kriminelle in weißen Kitteln

Zwangsmedikation bis in den Tod

Die Antipsychiatrie und ihre Gegner

Die Antipsychiatrie und ihre Gegner

Antipsychiatrieaktivisten bei einer DemonstrationWer eine etablierte, scheinbar übermächtige Institution angreift, macht sich nicht nur Feinde, sondern wird oftmals als sonderbar angesehen und häufig mit gesellschaftlich geächteten Individuen oder Gruppen assoziiert. Nicht anders ergeht es der Antipsychiatriebewegung, einer gesellschaftlichen Strömung, deren Ursprünge sich ins Jahr 1900 zurückverfolgen lassen. Diese Bewegung zweifelt nicht nur an der Wissenschaftlichkeit der psychiatrischen Forschung und deren Krankheitsbilder, sondern bezeichnet die Psychiatrie auch als menschenverachtendes, faschistoides Terrorsystem. Ihr erklärtes Ziel ist die Abschaffung der Zwangspsychiatrie.

Dabei hat sie es nicht leicht, denn die Psychiatrie ist ein Gewächs, welches auf dem geistigen Dung von Emil Kraepelin, Eugen Bleuler und weiteren, einschlägig bekannten Figuren schnell zu einer gesellschaftlich anerkannten Institution herangewachsen ist. Im Laufe der Zeit hat sich ein regelrechtes Ökosystem rund um die Psychiatrie entwickelt. Da wäre zum einen die Pharmaindustrie zu nennen, welche sehr gut am Verkauf ihrer psychiatrischen Drogen verdient. Als weiterer Mitspieler profitieren die beiden christlichen Großkirchen durch das Betreiben von diversen Einrichtungen im Umfeld der Psychiatrie, wie z.B. dem sozialpsychiatrischen Dienst, Behindertenwerkstätten und Wohnheimen von diesem System. Dann wären da noch die sogenannten “psychisch Kranken”, ohne die dieses System nicht denkbar wäre. Diese sind oft unfreiwillig in diversen Einrichtungen dieses Systems “untergebracht” und konsumieren meist genauso unfreiwillig diverse psychiatrische Drogen. Auch der Staat hat mit der Psychiatrie eine Einrichtung, die es ihm erlaubt, unbequeme Menschen, wie z.B. Dissidenten oder Querulanten durch zwangsweise Umerziehung wieder auf Linie zu bringen, oder falls das nicht fruchtet, wenigstens von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Mit der Psychiatrie ist aber auch ein Kraut gegen lästige Angehörige, Nachbarn oder Arbeitnehmer, Arbeitslose, Obdachlose und sonstige soziale Randgruppen gewachsen. Kurzum: Viele Leute profitieren von der Psychiatrie.

Psychiatrie-Lobbyisten argumentieren häufig, die Antipsychiatrie würde Leuten, die Hilfe benötigen würden, Angst vor der Psychiatrie machen. Sie behaupten, die Schreckensszenarien, die von Psychiatrie-Überlebenden berichtet würden, seien Lügen oder falls doch etwas daran sein sollte, “bedauernswerte Einzelfälle”. Den “Missbrauch der Psychiatrie zu politischen Zwecken” würde es nur in “totalitären Regimen”, wie z.B. der ehemaligen Sowjetunion, Nazi-Deutschland, der DDR, Nordkorea oder China geben. Bei uns wäre dies undenkbar. Doch auch in den angeblich freien und zivilisierten USA wurden in der Vergangenheit Kommunisten und Schwule gegen ihre “Krankheit” mit Lobotomie, Elektroschock und Psychopharmaka zwangsbehandelt. In einem Gehirnwäsche-Programm der CIA Namens “MK Ultra” versuchten Psychiater Menschen zu willenlosen Attentätern umzuprogrammieren. Entsprechende Dokumente, welche unter dem Freedom of Information Act veröffentlicht wurden, belegen die grausamen, menschenverachtenden Methoden, die dabei angewendet wurden. Auch in Deutschland sind Fälle von politischer Psychiatrie bekannt. So ging vor einiger Zeit der Fall des ehemaligen Frankfurter Steuerfahnders Rudolf Schmenger durch die Medien. Ihm und seinen Kollegen wurde eine “querulatorische Störung” angedichtet, weil sie erfolgreich gegen mehrere deutsche Großbanken wegen Steuerhinterziehung ermittelt hatten. Als Folge dieser “Diagnose” wurden sie für arbeitsunfähig erklärt und in Frührente geschickt. Die Bundesrepublik Deutschland ist mitlerweile Dauergast auf der Anklagebank des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg. Mehrfach wurde die BRD wegen Menschenrechtsverletzungen im Bereich der Psychiatrie vom EGMR verurteilt. Trotzdem hat sich an der Menschenrechtssituation in Deutschland nichts verbessert. Deutsche Behörden beteiligen sich nach wie vor flächendeckend an Menschenrechtsverletzungen oder nehmen diese billigend in Kauf. In diesem Licht erscheint es geradezu grotesk, wenn deutsche Politiker Staaten wie China über Menschenrechte belehren wollen.

Auch die Berichte über die Folgen von Neuroleptika, Elektroschock, Fixierung und Isolationshaft seien übertrieben, so die Gegner der Antipsychiatrie. Doch ein Blick in die Beipackzettel oder die psychiatrische Fachliteratur offenbart, daß die Psychiatrie die Folgen ihrer Behandlungsmethoden sehr wohl kennt und billigend in Kauf nimmt, ja sogar als Therapieerfolg verkauft. Daß Neuroleptika oft unheilbare, entstellende Bewegungsstörungen, sogenannte Dyskinesien verursachen, die von der Psychiatrie unter dem Stichwort “neuroleptische Potenz” als Messlatte für die Wirksamkeit ihrer Drogen herangezogen werden, kann man heutzutage sogar auf Wikipedia nachlesen. Sogar manche Psychiater, wie z.B. der Hamburger Dr. Volkmar Aderhold warnen eindringlich vor den verheerenden Folgen von Neuroleptika und anderer psychiatrischer Drogen. Von neurologischen und psychischen Dauerschäden, neurokognitiven Defiziten bis hin zur Demenz, Diabetes und erhöhter Sterblichkeit ist da die Rede. Gleichzeitig warnen Aderhold und andere kritische Kollegen davor, wie schwierig und gefährlich es ist, psychiatrische Drogen abzusetzen, vor allem dann wenn jemand diese schon lange Zeit regelmäßig konsumiert hat. “Schäden muß man eben hinnehmen, wenn einem geholfen wird” ist dann meist die Standardfloskel, die man von Psychiatrie-Befürwortern darauf zu hören bekommt.

Psychiatrie-Verfechter sagen, die Antipsychiatrie würde die Existenz psychischer Krankheiten “leugnen” und die psychiatrischen Krankheitsbilder würden auf wissenschaftlich fundierten Forschungen beruhen. Für viele psychiatrische Krankheitsbilder seien schon biologische Ursachen identifiziert worden. Doch bei näherer Betrachtung fällt dieses Argumentationsgebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammen. In der Psychiatrie gibt es die sogenannte Dopaminhypothese. Aber den Dopaminspiegel kann man messen und es werden regelmäßig bei als psychisch krank diagnostizierten Menschen keine Abweichungen festgestellt. Die Psychiatrie begründet dies dann damit, daß psychisch Kranke ihre Krankheit wegsimulieren würden. Es wird auch behauptet, psychiatrische Krankheiten hätten ihre Ursache in genetischen Defekten. Doch das menschliche Genom ist bekannt. Kein einziger Psychiater hat je ein Schizophrenie-Gen oder ähnliches identifiziert. Falls es wirklich psychiatrische Krankheiten im Sinne eines biologischen Defekts geben würde, so müsste es auch objektive Tests zu deren Nachweis geben. Doch diese Tests gibt es bis zum heutigen Tage nicht.

Psychiatrie-Gegner, wie z.B. Dr. Thomas Szasz oder Dr. John Breeding leugnen aber nicht, daß ein Mensch durchaus seelisches Leid durchleben kann. Sie lehnen nur die Pathologisierung dieses Leids und zwangsweise “Behandlung” ab. Trauer beim Verlust einer geliebten Person, Wut über erlittenes Unrecht, Niedergeschlagenheit angesichts von Arbeitslosichkeit und vieles mehr sind Emotionen, die nach Ansicht der Psychiatrie-Gegner eben essentielle Bestandteile des Menschen und keine Krankheiten sind. Psychiatrische Krankheiten seien der Versuch, soziale Konflikte in ein Krankheitsbild zu transzendieren. Für die Behandlung dieser “Krankheiten” gibt es dann Drogen, Elektroschocks und so weiter. Doch mit Drogen und Elektroschocks kann man keine sozialen Konflikte lösen. Dieser Ansicht ist auch der Bochumer Aktivist Matthias Seibt vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener.

Wenn den Psychiatrie-Befürwortern in einem Diskurs die Argumente ausgehen, werden sie schnell unsachlich, persönlich beleidigend oder greifen zum sogenannten Strohmann-Angriff.

Pinky and the BrainIn diesem Zusammenhang kommen diverse Verschwörungstheorien ins Spiel, die sich rund um die Antipsychiatrie entwickelt haben. Ein Paradebeispiel dafür sind die zahlreichen Abhandlungen des selbsternannten Scientology-Jägers Ingo Heinemann. Er stellt darin zwar zutreffend fest, daß Scientology die Psychiatrie zu einem ihrer Hauptfeinde erklärt hat und diese bei jeder Gelegenheit, auch durch den CCHR bzw KVPM, die er “Tarnorganisationen von Scientology” nennt, angreift. Doch wie für Verschwörungstheoretiker typisch, versucht er nach dem Schema “der eine hat mal was ähnliches wie der gesagt, also muß er zu der großen Verschwörung gehören”, Zusammenhänge zu konstruieren, wo in Wirklichkeit keine sind. Weil auf dem Foucault-Tribunal 1998 auch Thomas Szasz aufgetreten sei und dieser auch in der CCHR aktiv war, würden alle dort anwesenden Aktivisten und deren Sympathisanten mit Scientology unter einer Decke stecken. So kommt Heinemann dann zu der festen Überzeugung, der Berliner Antipsychiatrie-Aktivist René Talbot, Hagai Aviel von der israelischen Vereinigung gegen psychiatrische Übergriffe und weitere Protagonisten der Antipsychiatrie-Szene hätten sich zusammen mit Scientology verschworen, um in Pinky and the Brain-Manier die Weltherrschaft an sich zu reißen. Auch der Psychiatrie-Überlebende und Autor zahlreicher antipsychiatrischer Bücher Peter Lehmann, sei Teil davon, weil er ja einst in der Berliner Irrenoffensive Mitglied gewesen sei, zu der auch René Talbot gehört.

Gruppen oder Einzelpersonen, die sich von der Antipsychiatrie angegriffen fühlen, nehmen dies gerne an. Im Versuch, die Antipsychiatriebewegung zu diskreditieren, wird dann auf die Verschwörungstheorien des Herrn Heinemann verwiesen. So verfährt z.B. auch der rechtskräftig verurteilte Münchener Psychiater Hans-Jürgen Möller. Nachdem er nicht nur wegen seiner Verurteilung wegen eines dubiosen Attests, welches er mit Hilfe von fremdanamnetischer Ferndiagnose angefertigt hatte, in Bedrängnis geriet, sondern auch von der Süddeutsche Zeitung, für die er seinerzeit in unregelmäßigen Abständen als Experte Artikel zum Thema Psychiatrie verfasste, zerrissen wurde, holte er in mehreren Abhandlungen auf seiner Website zum Gegenschlag gegen die Antipsychiatrieszene aus.

Auch beim Landesverband Mecklenburg-Vorpommern der Angehörigen und Freunde Psychisch Kranker e.V. wird auf Heinemann als Referenz verwiesen, wenn es darum geht, die Antipsychiatrie oder auch gemäßigte Psychiatriekritiker zu diskreditieren. Deren Pamphlet mit dem Titel “Zwischen Psychiatrie und Scientology” aus dem Jahre 2001 baut direkt auf den Thesen des Ingo Heinemann auf und sorgte in der Szene  für reichlich Empörung. Darin wurde unter anderem auch Matthias Seibt vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener angegriffen, obwohl der BPE kein antipsychiatrischer Verein ist.

Obwohl es die Antipsychiatrie nicht leicht hat, hat sie doch bereits einige beachtliche Erfolge vorzuweisen. So hatte der Protest von verschiedenen Aktivistengruppen, die zusammen mit Rechtsanwälten und Politikwissenschaftlern zahlreiche Protestschreiben, Publikationen und Demonstrationen gegen einen geplanten, neuen Paragraphen 1906a, der die ambulante Zwangsbehandlung mit Psychopharmaka legalisieren sollte, Erfolg. Ein Meilenstein im Kampf gegen die Zwangspsychiatrie stellt das Gesetz zur Patientenverfügung dar. In diesem Gesetz wird der vorher festgelegte Wille als rechtsbindend anerkannt. Immer mehr Autoren trauen sich, Bücher zu schreiben, in denen sie die menschenverachtenden Methoden der Zwangspsychiatrie angreifen. Auch die Massenmedien berichten erfreulicherweise immer öfter über Menschenrechtsverletzungen in der Psychiatrie und deren Umfeld. Daß dieses Thema von Fernsehen, Radio und Zeitungen aufgegriffen wird, haben wir auch der Antipsychiatriebewegung zu verdanken.

Mehr Informationen zum Thema:

Antipsychiatrie bei Wikipedia

www.antipsychiatrie.de

30 Jahre Irrenoffensive

Thomas Szasz

Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener

Antipsychiatrieverlag

Peter Lehmann über Menschenrechtsverletzungen in der Psychiatrie

Ingo Heinemann

Peter Lehmann über Ingo Heinemann

Zwischen Psychiatrie und Scientology

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