Leserbrief an die TA

Erstellt am 15.03.2011 von Winston Smith

Bezug nehmend zu der Berichterstattung der Thüringer Allgemeinen über den Tod von Holger Z. hat Pastor Klaus Kästner, der ihn seelsorgerisch begleitet hat, einen Leserbrief verfasst, den wir hier vorab veröffentlichen möchten:

Bezug nehmend auf Ihre Berichterstattung über den Fall von Holger Z. in der TA vom 10.3. 2011 auf Seite 8 sende ich Ihnen den folgenden Leserbrief.

Diesen jungen Mann habe ich als Pastor anderthalb Jahre seelsorgerlich begleitet, d.h. in der forensischen Psychiatrie in Mühlhausen besucht. Die Nachricht von seinem Tod hat mich nicht nur sehr traurig, sondern auch zornig gemacht. Vier Tage zuvor saßen wir uns noch am Tisch gegenüber. Aber es ging Holger nicht gut. Er war ziemlich verzweifelt und sprach davon, wie schwer es ihm fällt, dieses Leben im Maßregelvollzug noch auszuhalten. Trotzdem freute er sich über meinen Besuch, der immer ein kleiner Lichtblick für ihn war. Die aufgeschlagene Bibel lag vor uns auf dem Tisch und wir lasen einen Text aus den Psalmen. Leider hat mein Zuspruch das Schreckliche nicht verhindern können.

Am vergangenen Freitag hätte mein junger Freund seinen 29. Geburtstag gehabt. Statt dessen wurde es der Tag seiner Beerdigung. Ein so früher Tod ist immer bitter. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass er nicht als Opfer einer unheilbaren Krankheit gestorben ist. Nach meinen Beobachtungen und Eindrücken ist Holger das Opfer einer „Psychiatrie“ geworden, die nicht selten den Lebenswillen eines Menschen zerbricht. Eine solche „Behandlung“ wie sie Holger Z. über fast sechs Jahre zuteil wurde, muss als totale Entmündigung und Vergewaltigung empfunden werden.

Ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass es sich bei diesem Fall nicht nur um die tragische Verkettung unglücklicher Umstände handelt. Hier wurde einem jungen Menschen Stück für Stück die Hoffnung auf einen Neuanfang jenseits von Mauern und Stacheldraht, die Hoffnung auf Wiedererlangung eines weithin selbstbestimmten Lebens ausgetrieben. Holger Z. war kein Gewalttäter, kein Sexualstraftäter. Gewiss, unter dem Einfluss starker Medikamente hatte er sich 2005 strafbar gemacht. Doch eine faire Chance zur Resozialisierung, zur Rückkehr in die Normalität, wurde ihm nicht geboten. Mein Vorgänger, Pastor Dillner, und ich haben Holger noch in recht guter physischer und psychischer Verfassung kennengelernt: als freundlichen, intelligenten und trotz allem optimistischen jungen Mann. Er war aufgeschlossen und lernbereit, wollte aus seinem Leben noch etwas machen. Nach der monatelangen Isolation im vorigen Jahr war Holger allerdings nicht mehr derselbe. Durch meine Besuche wurde ich Zeuge eines fortschreitenden körperlichen und psychischen Niedergangs. Holger hatte immer gern gelesen und war mit einem Fernstudium beschäftigt, das ihm Freude machte. Nun konnte er sich nicht mehr auf eine geistige Tätigkeit konzentrieren, konnte nicht mehr still sitzen, da seine Beine ständig unkontrollierbar zappelten …Er litt sichtlich unter dieser Verschlechterung seines Zustands, die er hochwirksamen Spritzen verdankte. Ihn erschreckte nach eigener Aussage die Wahrnehmung, dass sich seine Persönlichkeit negativ veränderte. Aus einem ansehnlichen jungen Mann war ein gebeugter Greis, ein zitterndes Wrack geworden. Im Namen einer für Normale nicht fassbaren „höheren psychiatrischen Weisheit“ werden Menschen in einer Weise therapiert, dass die verbleibende Lebensqualität gegen Null tendiert. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn einem früher lebensfrohen jungen Patienten der Tod als Erlösung von all den Qualen erscheint. Oder müssen bei zwangsweise verabreichten Fluanxolspritzen gewisse „Kollateralschäden“ in Kauf genommen werden?

Besonders schockierend ist für mich die Tatsache, dass diese Vorfälle im Ökumenischen Hainich Klinikum geschehen sind. Man sollte erwarten können, dass man sich hier vor allem christlichen Grundwerten verpflichtet fühlt und die Ethik der Bergpredigt den Umgang mit Menschen prägt. Was ist das aber für eine Ökumene, unter deren Dach ein Patient mit einer ernsthaften Schulterverletzung trotz seiner Klagen monatelang als Simulant abgewiesen wird? Erst im Januar dieses Jahres bequemte man sich dazu, die Schulter zu untersuchen (zu röntgen). Der Befund war klar: Es muss dringend ein operativer Eingriff erfolgen. Im Schultergelenk waren Knochenteilchen abgesplittert. Holger selbst hatte für diese Verletzung keine Erklärung. Ihm wurde mitgeteilt, er sei wohl während der Isolationszeit im vorigen Jahr mal aus dem Bett gefallen. Eine feine Ökumene, in der ein hohes Maß an Abstumpfung gegenüber menschlichem Leid erreicht ist! Der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Mitteldeutschland (Oberkirchenrat E. Grüneberg) beschließt sein Vorwort zum Diakoniebericht 2010 mit folgendem Satz: „Unsere christliche Nächstenliebe ist deshalb ebenso gefragt wie unser deutliches Widerwort gegen menschenunwürdige Politik.“ Das sind große Worte. Bürgerschaftliches und christliches Engagement erfordert aber auch den Protest gegen menschenunwürdige Zustände und Verhaltensweisen in einer Einrichtung der Diakonie bzw. Caritas. Auf der Broschüre, die den Diakoniebericht 2010 beinhaltet, prangt in fetten Buchstaben das Motto „Würde ist kein Almosen“. Ja, Würde ist das grundlegende Menschenrecht, fest in unserem Grundgesetz verankert. Holger Z. ist dieser Würde mehr und mehr beraubt worden. Das hat ihn im Verlauf von fast sechs Jahren in eine solche Verzweiflung getrieben, dass er schließlich keinen Ausweg mehr gesehen hat.

Niemand kann ihn wieder lebendig machen. Es wäre aber ein noch größerer Skandal, wenn auch nach diesem Todesfall in der forensischen Psychiatrie Mühlhausen einfach alles weiter ginge wie bisher: „Business as usual!“

Pastor Klaus Kästner

Nordhausen, am 10. März 2011

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Kommentar

Ich finde es gut das sich entlich mal jemand gegen diese Klinik währt und an die Öffentlichkeit.Ok man kann nicht alle Pfleger unter einen Kamm scheren aber es ist nun mal so wie es ist.
Mein Mann ist auch in dieser Einrichtung untergebracht und das schlimme ist daran das er niemanden ermordet oder vergewaltigt hat.Er sitzt dort ein wegen Jugendsünden und Jugendlichen Leichtsinn würde man dazu heute sagen.Und er sitzt dort seit dem 16.03.2003 und ist sehr weit mit seinen Lockerungsmaßnahmen.Das schlimme ist an der ganzen geschichte wenn man nicht so läuft wie die Therapeuten es wollen dann werden die Patienten erpresst das sie ihre lockerungen weg nehmen wollen damit meine ich einen Therapeuten auf station 1.Für mich ist der Therapeut selber nicht mehr klar im kopf er trifft eine Aussage die er am nächsten tag wieder abstreitet.Genauso wie er gemeinsame Therapiegespräche führen wollte und nie eins zu stande zwischen ihm,mir und meinem mann kam.

Ok Leute vergesst das was ich geschrieben habe im grunde genommen kann ich solche Aussagen nicht einfach treffen denn ich möchte meinen Mann nicht verlieren bitte lasst das anonym.